25.05.2018

Begeisterungsfähigkeit und Neugier

Das ist, was Forschung vorantreibt - Bei ihrer Feierlichen Sitzung ging es in der Akademie um den Kern der Wissenschaft, die Meilensteine des vergangenen Jahres und um die Geschichte der Menschheit.

Warum sind Sie alle hier?“ Diese Frage stellte Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ins Zentrum der Feierlichen Sitzung 2018 im bis auf den letzten Platz besetzten Festsaal im Hauptgebäude der ÖAW in der Wiener Innenstadt. Die Feierliche Sitzung, die heuer am 18. Mai stattfand, ist traditionell der Höhepunkt im Akademiejahr. Und allein das wäre schon Grund genug für die Anwesenden, so zahlreich zu erscheinen. Doch es ging an diesem Abend um mehr. Es ging um eine Gemeinsamkeit, die alle Festgäste eint – und die den Wissenschaften ihre Innovationskraft und Weltoffenheit verleiht.

„Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier“, beantwortete Zeilinger seine eingangs gestellte Frage – und zwar nicht in seinen eigenen Worten sondern mit diesem und einem weiteren Zitat bekannter Wissenschaftler/innen: „Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen, denen wir nie persönlich begegnen werden, irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.“ Mit Blick auf die ÖAW zeigte Zeilinger sich überzeugt: „Ich meine, dass dies auch eine Motivation unserer Akademie im vergangen Jahr war.“

Wir alle haben eine außergewöhnliche Begeisterungsfähigkeit und Neugier.

Und ja, der Rückblick zeigt deutlich: Neues zu erkennen und neue Wege zu beschreiten, ist der Akademie auch im Jahr 2017 gelungen. Ein Beispiel dafür aus der Forschung ist das weltweit erste interkontinentale Quanten-Videotelefonat zwischen Wien und Peking. Aber auch in anderen Bereichen wie der verstärkten Förderung der Digital Humanities oder in der nationalen und europäischen Politik- und Gesellschaftsberatung konnte die ÖAW Akzente setzen. Mit der Ausschreibung einer Preisfrage zur gesellschaftlichen Relevanz von Forschung wurde zudem zum Jahreswechsel eine alte Akademietradition neu interpretiert und belebt, wie Zeilinger betonte.

Leistungsstarker Forschungsträger

Diese Aktivitäten und Initiativen der Akademie beurteilte in seinen Grußworten auch Wissenschaftsminister Heinz Faßmann, der als wirkliches Mitglied der ÖAW seit Langem verbunden ist, als äußerst positiv. Er blicke gerne und nicht ohne „eine gewisse Sentimentalität“ auf seine Zeit an der ÖAW zurück. Zugleich betonte er, dass sich Österreichs größte Einrichtung für außeruniversitäre Grundlagenforschung seit seinen Anfängen als wissenschaftlicher Mitarbeiter stark modernisiert hat: „Die Akademie ist heute nicht mehr mit jener vergleichbar, die ich als junger Wissenschaftler erlebte“, sagte Faßmann. „Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger und wird hervorragend geführt.“  

Die Akademie ist heute ein leistungsstarker Forschungsträger.

Dem konnte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der zugleich Schirmherr der Akademie ist, nur zustimmen. Auch er kam auf Meilensteine des vergangenen Jahres zu sprechen, und hob dabei insbesondere den Beginn der Sanierungsarbeiten am zukünftigen „Campus Akademie“ rund um das Hauptgebäude der ÖAW hervor: „Unterschätzen Sie nicht, welche Bedeutung das hat“, sagte das Staatsoberhaupt. „Nicht nur für die Akademie, sondern auch städtebaulich und soziologisch ist der Campus für ganz Wien von großer Wichtigkeit: Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.“

Vom Zentrum Wiens ist es nicht weit zum Reich der Mitte – und zwar buchstäblich: Van der Bellen erinnerte ebenfalls an das Videotelefonat vom Herbst 2017, bei dem dank Quantenverschlüsselung ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in Wien und sein Amtskollege Chunli Bai von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking abhörsicher miteinander sprechen konnten. Erfolgreiche wissenschaftliche Kooperationen wie diese seien wichtige Türöffner, so der Bundespräsident. Als Beispiel dafür berichtete Van der Bellen vom freundschaftlichen und großzügigen Empfang der österreichischen Delegation beim Staatsbesuch in China vor wenigen Wochen. „Wir wurden für ein vergleichsweise kleines Land sehr ernst genommen. Und das ist unter anderem auch auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften zurückzuführen.“

Wissenschaft wird nicht irgendwo am Stadtrand betrieben, sondern hier im Zentrum.

Doch noch einmal zurück zur Frage: Warum sind Sie alle hier? Ein Grund dafür mag auch in den hochkarätigen Festredner/innen liegen, die alljährlich die Feierliche Sitzung mit einem wissenschaftlichen Vortrag bereichern. Diesmal war es der schwedische Biologe Svante Pääbo, der als Vordenker der Paläogenetik Einblicke in seine Forschungen gab. Ihm war es nicht nur – und zwar bereits als Doktorand in den 1980er Jahren – gelungen, erstmals die DNA einer Mumie zu klonen. Er gehörte auch zu den Entdecker/innen einer neben dem Homo Sapiens und den Neandertalern dritten Gattung der Population Homo: den Denisova-Menschen.

Bei seinem Vortrag entführte der Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Festgäste in die Evolutionsgeschichte der Menschheit. Er erzählte, wie sein Team durch die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms nachweisen konnte, dass das Genom der Neandertaler stärker mit dem Genom von Europäern und Asiaten übereinstimmt als mit dem Genom von Afrikanern. Kurz: Ein wenig vom Neandertaler steckt in vielen von uns.

Auch Pääbo fragte die Festgäste nach dem „Warum“. Er wollte wissen: „Warum interessieren wir uns so brennend für den Neandertaler?“ Seine Antwort: Da der Neandertaler der nächste Verwandte zum heute lebenden Menschen ist, stellt ein genetischer Vergleich nicht nur eine wertvolle Informationsquelle dar, um herauszufinden, welche genetischen Veränderungen in der Evolutionsgeschichte zum modernen Menschen geführt haben. Der Vergleich zeigt auch, welche Gene vom Neandertaler noch heute Teil von uns sind und mitverantwortlich für bestimmte Umweltanpassungen aber auch Erkrankungen, wie Diabetes.

Nächste Generation

Für die vielleicht ergreifendste Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ rief Anton Zeilinger einen anderen, nicht weniger außergewöhnlichen Abend im Festsaal der ÖAW in Erinnerung: Im März 2018 wurde hier der Film „Exile and Excellence. The Class of ‘38“ erstmals öffentlich gezeigt. Darin erzählen herausragende Wissenschaftler/innen, wie Eric Kandel, Martin Karplus, Ruth Klüger oder Walter Kohn nicht nur von ihrer Verfolgung in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch davon, wie ihre Lebenswege nach der Flucht in der Wissenschaft weiter verliefen.

Was uns motiviert, uns zu neuen Ufern vorzuwagen, ist auch die Zuversicht, dass Menschen irgendwann in Zukunft von unseren heutigen Fragestellungen, Überlegungen und Experimenten profitieren werden.

Der Film macht somit nicht nur die Schicksale dieser verfolgten Menschen sichtbar, sondern auch ihre nie nachlassende Begeisterung für die Wissenschaft – die nicht zuletzt zum Ausdruck kommt in den Zitaten, die Zeilinger an den Anfang seiner Rede gestellt hatte. Sie stammen aus Interviews mit den Wissenschaftler/innen, die für „Exile and Excellence“ geführt wurden.

Die Begeisterungsfähigkeit, Neugier und Offenheit dieser Menschen, die die Welt der Wissenschaft nachhaltig geprägt haben, gelte es an die nächste Generation weiterzugeben, so der ÖAW-Präsident. Er dankte in diesem Sinne allen im Festsaal versammelten Gästen dafür, die Akademie – heute und in Zukunft – bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen.