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Gentechnik, Klima und KI: Das ITA feiert 40 Jahre Technikfolgenabschätzung in Österreich

Seit 2017 berät das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Österreichische Parlament. Gerade eben fand in Wien das erste globale Treffen von TA-Expert:innen statt. Angefangen hat aber alles mit Ernst Braun und einer Arbeitsgruppe am 21. Juni 1985, also vor genau 40 Jahren. ITA-Direktor Michael Nentwich, seit 1988 mit dabei, erzählt im Interview über Atomreaktorunfälle, die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und erinnert sich an Schlüsselmomente der österreichischen Technikfolgenabschätzung.

20.06.2025
Wie alles begann: Mit diesem Artikel aus der Wiener Zeitung war die Gründung der Arbeitsgruppe offiziell

Michael Nentwich, warum brauchen wir Technikfolgenabschätzung? Der Begriff ist heute immer noch vielerorts unbekannt.

Das stimmt, man spricht auch von Technikbewertung. Faktum ist aber, dass Technikfolgenabschätzung (TA) einzigartig ist, weil sich hier Wissenschaftler:innen aus den Ingenieurs-, Natur-, Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften mit demselben Ziel zusammentun: den Einfluss von Technologien auf Mensch und Umwelt zu beforschen, zu bewerten und daraus Schlüsse für die Gesellschaft zu ziehen. Wie wichtig das ist, haben wir in den 80er-Jahren begonnen zu begreifen.

Warum waren die 80er-Jahre so wesentlich für die Entwicklung von TA?

Das war der erste Höhepunkt der Umweltbewegung in Österreich, denken wir an Zwentendorf oder Hainburg. 1987 passierte der Reaktorunfall in Tschernobyl. Und vor Tschernobyl gab es 1984 ja auch den dramatischen Chemieunfall in der indischen Stadt Bhopal, ganze Landstriche wurden für Jahrzehnte vernichtet. In den 90er-Jahren war die Gentechnik der Technikkonflikt der Stunde – all diese Entwicklungen haben den Weg für die Technikfolgenabschätzung geebnet.

Vor 40 Jahren dachten noch viel mehr Menschen: „Neues ist einfach toll!“ Neue Materialien wie Plastik, Innovationen im Energiebereich und der Computer, all diese Innovationen haben schier unendliche Anwendungen. Es gab aber etliche Umwelt- und Gesundheitsskandale, die die Menschen alarmierten: Durch Asbest erkrankten immer mehr Menschen an Lungenkrebs. Das Insektizid DTT wurde in der Landwirtschaft und im Haushalt gegen Ameisen eingesetzt. Heute ist beides aufgrund der Giftigkeit und des Krebsrisikos verboten. Solche Vorfälle zeigten, dass neue Technologien oftmals viel zu enthusiastisch und schnell angenommen und eingesetzt wurden. Ein Schlüsselmoment war damals auch der Klimabericht „Die Grenzen des Wachstums“, die Menschen begannen, vorsichtiger zu werden, umzudenken.

Es wurde immer klarer, dass wir Technologien untersuchen und ihre Folgen einordnen müssen, bevor wir sie breit anwenden. Und das ist eigentlich der Kern von Technikfolgenabschätzung, dass man früher über die möglichen Folgen nachdenken muss.

Welche konfliktträchtigen Technologien untersucht das ITA aktuell?

Da fällt mir als erstes Künstliche Intelligenz ein. Es wäre schon viel früher notwendig gewesen, darüber nachzudenken, wie wir sie einsetzen wollen. Nun ist KI global verfügbar, innerhalb von nur zwei Jahren haben sehr viele ChatGPT am Handy oder am Computer. Jurist:innen verwenden es bereits zur Auswertung von Dokumenten. In der Forschung, im Finanzsektor und vielen anderen Bereichen gibt es definitiv einen Mehrwert. Jetzt entdeckt man aber langsam wieder die Probleme damit. Manche Demokratien sind etwa durch Falschinformationen bereits schwer angeschlagen. Die einen sagen, der Markt wird es selbst regeln, die andern wollen da bremsen, was schon längst im Rollen ist. Es scheint, also wiederhole sich die Geschichte von Neuem. Darum wird es Technikfolgenabschätzung immer brauchen. Um in einer komplexen Welt daran zu erinnern, dass wir statt Fast Learning manchmal Slow AI brauchen.

Erfunden wurde TA ja bereits in den 70er-Jahren in den USA: Das Office of Technology Assessment (OTA) beriet damals den US-amerikanischen Kongress. Wie hat es Ernst Braun, der erste Leiter der Arbeitsgruppe, geschafft, TA in Österreich zu etablieren?

In Europa nahm man sich vielerorts ein Beispiel an den USA. Viele Länder gründeten in den 80er-Jahren TA-Einrichtungen, die heute noch bestehen, darunter Deutschland, Frankreich oder die Niederlande, auch das EU-Parlament. Für Österreich war eine USA-Reise von Heinz Fischer ein Schlüsselmoment. Der spätere Bundespräsident und damalige Forschungsminister besuchte 1984 das OTA am US-Parlament und war schwer beeindruckt. Für Ernst Braun bedeutete das: es gab eine Chance. Braun hat sogar in seinem Plädoyer zur Institutionalisierung der TA am Nationalfeiertag 1984 den US-Kongressabgeordneten Emilio Dadario zitiert (Zitat siehe unterhalb). Wenig später, am 21. Juni 1985, war es dann soweit: Die „Arbeitsgruppe Technikbewertung“ wurde an das ÖAW-Institut für sozio-ökonomische Entwicklungsforschung (ISOZÖK) angegliedert, Ernst Braun wurde Institutsleiter. Der erste Forschungsschwerpunkt, der auch für die Politik von Interesse war, war Mikroelektronik. 1988 wurde aus der Arbeitsgruppe schließlich eine befristete Forschungsstelle, ein permanentes ÖAW-Institut sind wir seit 1994.

Wie nahe sind sich TA und Politik?

Tatsächlich sind wir uns näher als viele andere Forschungszweige, weil eine unserer Aufgaben ja die faktenbasierte Politikberatung ist. Wir erstellen seit 2017 Studien für das österreichische Parlament und haben gerade am eigenen Leib erfahren, wie eine Partei unsere Ergebnisse aus politischen Gründen kritisiert hat. Das Thema dieser aktuellen Studie ist generative KI, da geht es auch darum, wie demokratiegefährdend Fake-News und gefälschte Ton- oder Videoaufnahmen sind.

Technikfolgenabschätzung versucht tatsächlich immer, nationale Entscheidungsträger:innen zu erreichen. Aber natürlich müssen wir heute global denken. Auf europäischer Ebene arbeiten wir über das EPTA-Netzwerk schon seit 1990 zusammen, da sieht man sehr gut, welche Themen für welche Länder gerade relevant sind. Auch arbeiten wir immer wieder an Studien für das Europäische Parlament mit und jetzt gerade haben wir die erste globale Konferenz für Technikfolgenabschätzung hier an der Akademie der Wissenschaften veranstaltet. Da waren Vertreter:innen von UNO, OECD, Afrikanischer Union und EU ebenso anwesend wie Expert:innen aus allen Kontinenten, von Lateinamerika bis Australien. Daran sehen wir auch, dass alle an einem Strang ziehen wollen, weil wir nur gemeinsam etwas erreichen können in dieser technisierten und vernetzten Welt.

Ernst Braun zitiert den US-Abgeordneten Emilio Daddario mit dem Ziel, TA in Österreich zu institutionalisieren:

„Technikfolgenabschätzung ist eine Form der Politikforschung, die Entscheidungsträger:innen eine ausgewogene Bewertung liefert. Sie identifiziert politische Probleme, untersucht alternative Vorgehensweisen und präsentiert Ergebnisse. Sie ist eine Analysemethode, die die Art, Bedeutung, den Stand und den Nutzen von technologischem Fortschritt systematisch bewertet.“