Zwischen Anspruch und Praxis: So steht es um die Dekolonisierung in der Wissenschaft
06.10.2026
In den Depots der österreichischen Museen lagern Zehntausende Objekte aus Afrika, Asien und Ozeanien – gesammelt in einer Zeit kolonialer Raubzüge – und das, obwohl Österreich keine dauerhaften Überseekolonien besaß. Möglich wurde das trotzdem: als „Trittbrettfahrer“ im Windschatten anderer Kolonialreiche, wie der Johannes Feichtinger, Historiker und Direktor des Instituts für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) es nennt. Konkret heißt das: Österreichische Forscher:innen nutzten die Infrastruktur anderer Kolonialmächte, um selbst Objekte zu erwerben, ohne direkt an einer langfristigen kolonialen Herrschaft beteiligt zu sein. Die Frage, wie mit diesen Sammlungen heute umzugehen ist, ist auch deswegen eine österreichische.
Wie die Kolonialzeit bis heute fortwirkt und welche verschiedenen Ansätze unter dem Begriff Dekolonisierung subsumiert sind, dem widmet sich die Konferenz „Decolonization: Promises, Problems, Practices“, die am 8. Oktober 2026 an der ÖAW beginnt.
Ein unscharfer Begriff auf dem Prüfstand
Der Begriff „Dekolonisierung" ist in aller Munde – in Seminarräumen, Museumsdebatten, politischen Diskussionen. Doch was genau dahintersteckt und was sich in der Praxis tatsächlich verändert hat, bleibt oft vage. Für Anaïs Angelo vom Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW ist diese Kluft der Ausgangpunkt für die Konferenz: „Wir müssen den gängigen Diskurs über Dekolonisierung hinterfragen – vor allem jene Diskurse, die zwar über Dekolonisierung sprechen, aber aus westlichen Institutionen des globalen Nordens stammen.“
Es gehe dabei nicht darum, eine einheitliche Definition zu finden: „Das Ziel ist, die Vielfalt der Definitionen zusammenzubringen, zu diskutieren und zu analysieren – auch das Potenzial und die Schwächen der verschiedenen Ansätze zu evaluieren, um zu schauen, wie wir den Begriff der Dekolonisierung präziser fassen können“, sagt Angelo.
Wie sich Forschung verändert
Wie verändert sich Forschung, wenn man sie dekolonial betreibt – nicht nur inhaltlich, sondern methodisch? Nicole Immler, Professorin für Transformative Justice an der Universität für Humanistik in Utrecht, beschreibt einen Wandel aus eigener Erfahrung: Früher habe man in Feldforschung, etwa in Indonesien, Stimmen „bottom-up“ gesammelt und in den Diskurs der ehemaligen Kolonialmacht zurückgetragen. Immler: „Das ist letztlich noch eine paternalistische Art des Arbeitens, weil man die eigene Rolle als Wissenschaftlerin nicht mitdenkt: Welche Selektionsprozesse trifft man? Und was haben die Menschen vor Ort eigentlich davon?“
In einem aktuellen Projekt in Namibia gehe man deshalb anders vor: Lokale Akteur:innen sind von Anfang an eingebunden, etwa beim Aufbau eines lokalen Archivs für gesammelte Interviews. „Das bedeutet auch, dass Mittel anders verteilt werden müssen und dass Vereinbarungen wie ein Memorandum of Understanding heute die Basis solcher Zusammenarbeit bilden“, so Immler.
Zwischen Diskurs und Praxis
Diese veränderte Praxis wirft ein neues Licht auf die Gewaltgeschichte des Kolonialismus. Immler warnt davor, Gewalt zu historisieren, als sei sie ein abgeschlossenes Kapitel: „Viele Gewaltstrukturen wirken heute subtiler weiter, etwa wenn sich neue wirtschaftliche Abhängigkeiten in ehemaligen Kolonialgebieten bilden. Diese Kontinuitäten sichtbar zu machen, ist auch, was wir mit der Konferenz zeigen wollen.“
Feichtinger ordnet den Begriff historisch ein: Dekolonisierung sei zunächst ein Phänomen der Nachkriegszeit, „wo in einer Welt von rund 50 Empires mit untergeordneten Territorien etwa 200 Nationalstaaten entstanden sind“. Gleichzeitig sei er ein gegenwärtiger Diskurs, der auf dieses historische Phänomen zurückgreift. Genau hier liege eine zentrale Herausforderung der Tagung: „Es besteht die Gefahr, dass das Gewaltphänomen des Kolonialismus nicht ausreichend gewürdigt wird, wenn man heute nur noch von der Dekolonisierung von Lehrplänen spricht.“
Marginalisierte Quellen sichtbar machen
Auch geografisch will die Konferenz den Blick weiten. „Woher wird Wissen über Dekolonisation produziert? Das ist keine Frage, die nur die ehemaligen Kolonien betrifft, sondern auch die ehemaligen Kolonialmächte“, sagt Angelo. Sie verweist auf zwei Vorträge: Cassandra Mark-Thiesen untersucht, wie wissenschaftliche Beiträge afrikanischer Forscher:innen über Jahrzehnte aus westlichen Fachzeitschriften und Zitationsnetzwerken herausgefiltert wurden und untersucht, wie man ihre wissenschaftlichen Arbeiten abrufen und mit ihnen weiterdenken kann. Florian Wagner analysiert im Gegenzug, wie eine westliche Fachzeitschrift das Thema Dekolonisation über die Zeit verhandelt hat, und zeigt an konkreten Textbeispielen, wie sich dabei ein hegemonialer Diskurs herausbildet, der bestimmte Perspektiven systematisch bevorzugt.
Die Konferenz will Denkanstöße liefern, etwa mit einem Blick auf gescheiterte und gelungene Prozesse. Einzelne Angebote richten sich explizit nicht nur an ein Fachpublikum, sondern stehen allen offen, die sich für die Debatte interessieren – etwa ein Panel zu Kunst und Forschung mit der Künstlerin und Forscherin Memory Biwa.
Was diese Beispiele gemeinsam zeigen: Dekolonisierung ist kein abgeschlossenes Kapitel der Nachkriegszeit, sondern eine Praxis, die sich in Archiven, Zitationsnetzwerken und Forschungsverträgen immer wieder neu entscheidet.
Auf einen Blick
Die Konferenz "Decolonization Promises, Problems, and Practices" vom 8. bis 9. Oktober 2026 lädt dazu ein, den Begriff aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und neue Ansätze für Forschung und Gesellschaft zu entdecken.
