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HandelskriegGeopolitik

Zollstreit zwischen USA und China: Donald Trump und Xi Jinping ringen um ihre Macht

Die USA und China überbieten sich gegenseitig mit Zöllen, Europa gerät wirtschaftlich und geopolitisch unter Druck. Sinologin und ÖAW-Mitglied Susanne Weigelin-Schwiedrzik erklärt, was für ungewöhnliche Allianzen entstehen könnten.

22.04.2025
Zwei Boxhandschuhe, bedruckt mit der Flagge Chinas sowie der USA, treffen aufeinander
China und die USA sind die mächtigsten Länder der Welt. Den ökonomischen Boxkampf der beiden bekommt auch Europa zu spüren. Ob es aus dem Zollstreit mit einem blauen Auge davonkommt, wird auch von Europas diplomatischen Fähigkeiten abhängen, sagt Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik.
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Zwischen den Supermächten USA und China ist ein handfester Handelskrieg entbrannt: Donald Trump setzt auf massive Zölle, China kontert, Europa gerät dazwischen. Seit Kurzem sind neue Strafzölle in einem nie dagewesenen Ausmaß in Kraft – 145 Prozent auf chinesische Exporte in die USA, 125 Prozent auf US-Waren nach China.

Während Washington im Zollstreit auf maximale wirtschaftliche Abschreckung setzt, reagiert Peking mit strategischer Geschlossenheit. Die transatlantische Partnerschaft bröckelt. Neue, ungewöhnliche Allianzen bilden sich. Wie reagiert China hinter den Kulissen – und welche Spielräume bleiben Europa inmitten der globalen Machtverschiebungen?

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Sinologin und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), analysiert die geopolitischen Konsequenzen des Konflikts. Sie erklärt, warum der Zollstreit Europa in eine Zwickmühle bringt – und welche Rolle Diplomatie und historische Parallelen in diesem globalen Machtspiel einnehmen.

Eskaliert der Zollstreit zum Weltkrieg?

USA und China liefern sich einen Handelskrieg. Was sind die Folgen? 

Susanne Weigelin-Schwiedrzik: Die Konsequenzen sind noch nicht abzusehen. So etwas hat es noch nie gegeben. Deshalb sind die Märkte extrem beunruhigt. Es geht rauf und runter an der Börse – größtenteils eher runter als rauf. Diese Unmöglichkeit, etwas vorherzusehen, ist auch problematisch für die amerikanische Regierung. Bei der US-Supermarktkette Walmart stammen 80 Prozent der Produkte – Lebensmittel ausgenommen – aus China. Und es gibt große Bedenken, dass China jetzt sehr schnell all die Staatsschulden, die die Volksrepublik in Amerika gekauft hat, abstößt. Das könnte in den USA die Zinsen für Staat, Wirtschaft und Verbraucher:innen deutlich steigen lassen. Darunter würde die Attraktivität Amerikas für ausländische Investor:innen und Anleger:innen enorm leiden. Dabei will Trump genau das Gegenteil: China aus den internationalen Handelsströmen drängen und Investoren nach Amerika locken.

China ist alles andere als gelassen.

Hat China sich deswegen vom Druck der USA so unbeeindruckt gezeigt?

Weigelin-Schwiedrzik: China ist alles andere als gelassen. Die Führung um Präsident Xi Jinping hat eine viertägige Geheimsitzung durchgeführt, wo um die Frage gestritten wurde, wie man der Situation begegnen soll. Die chinesische Wirtschaft wurde in Bedrängnis gebracht und das zu einer Zeit, wo man mit wachsender Arbeitslosigkeit sowieso nicht gut aufgestellt ist. Die Führung sieht die Gefahr, dass es zu größeren Verwerfungen sozialer Art kommen wird, dass an dem Stuhl von Xi Jinping heftig gesägt werden könnte. Also möchte China mit seinen Möglichkeiten die amerikanische Politik in Bedrängnis bringen und umliegende Länder wie Vietnam, Kambodscha und Malaysia auf seine Seite ziehen. Damit will man die – ohnehin schon gespaltenen – Eliten in Amerika weiter spalten und dazu bringen, Trump beseitigen zu wollen. Ganz einfach gesagt: Donald Trump will Xi Jinping loswerden und umgekehrt. Beide haben Macht übereinander und für beide ist das Risiko groß.

Laut einem Papier der chinesischen Führung, wird die Möglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht ausgeschlossen.


Kann sich der ökonomische und politische Konflikt mit China zu einem militärischen auswachsen?

Weigelin-Schwiedrzik: Laut einem Papier der chinesischen Führung, das – bisher nur an chinesisch-sprachige Quellen – durchgesickert ist, wird die Möglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung nicht ausgeschlossen. Das ist eine erhebliche Verschärfung der Situation gegenüber dem bisherigen Stand der Dinge. Dementsprechend müssen wir leider damit rechnen, dass zu den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten ein weiterer Konflikt dazukommt. Und wenn es an drei Stellen in der Welt brennt, dann nennt man das normalerweise einen Weltkrieg. China hat übrigens auch innenpolitische Gründe dafür, der Bevölkerung zu kommunizieren, dass ein Krieg ins Haus steht: In letzter Zeit hat es nämlich starke Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsriege gegeben. Mit der Aussicht auf einen Krieg kann man die Bevölkerung und die Eliten davon überzeugen, dass man zusammenrücken und sich gegen den äußeren Feind wehren muss.

Allianz zwischen China und Europa?

Europa wird in den Handelkrieg hineingezogen. Welche Handlungsspielräume hat die Europäische Union (EU)?

Weigelin-Schwiedrzik: Trump hat über fast alle Länder Zölle mit einer 90-tägigen Frist verhängt. Jetzt stehen alle Schlange, um mit ihm zu verhandeln. Er will signalisieren: Ihr seid auf uns angewiesen, und Teil dieser Verhandlung ist, wie ihr euch von China abkoppelt. Diejenigen, die gute wirtschaftliche Beziehungen zu China haben und gleichzeitig stark nach Amerika exportieren, geraten unter Druck. Dazu gehört auch Europa. Zusätzlich hat die EU schlechte Karten bei Trump, weil man Biden und Harris im Wahlkampf unterstützt hat. Deshalb steht die EU auf der Warteliste für Verhandlungen ganz hinten. Trump wird auch versuchen, die Zölle einzusetzen, um Europa davon abzuhalten, die Ukraine weiter – oder noch mehr – im Krieg gegen Russland zu unterstützen. Denn Trump möchte diesen Krieg beenden.

Die EU steht auf der Warteliste für Verhandlungen bei Trump ganz hinten.

Historisch führt der Bruch der transatlantischen Beziehungen zu plötzlich ungewöhnlichen Allianzen: Die USA nähern sich Russland an und die EU China?

Weigelin-Schwiedrzik: Die Allianzen sind gar nicht so ungewöhnlich. Amerikas Kurs ist ein „reverse Kissinger“: Anfang der 70er-Jahre hatten Außenminister Henry Kissinger und Präsident Richard Nixon eine überraschende Allianz mit China zustande gebracht, um im Vietnamkrieg mit einem bisher wesentlichen Gegner Einvernehmen herzustellen. Nun hat man sich mit Russland verbündet. Dahinter steckt: USA, Russland und China sind die drei großen Nuklearmächte. Russland und China haben gute Beziehungen und Trump sah sich ganz allein zwei hochbewaffneten Nuklearmächten gegenüber. Sein Schluss war, dass er sich auf jeden Fall mit einer der beiden Seiten verbünden muss – in dem Fall mit Russland, um China zu isolieren. Wobei die Strategie Unbekanntes enthält, zum Beispiel die Frage: Inwieweit es überhaupt möglich ist, einen Keil zwischen Russland und China zu treiben?

Ukraine als möglicher Verlierer der Großmachtpolitik

Und sehen Sie eine Annäherung zwischen Europa und China?

Weigelin-Schwiedrzik: Aus Trumps Aktion gehen zwei Loser hervor: China, das isoliert werden soll. Und Europa, von dem Trump so tut, als ob es nicht existiere. Die logische Konsequenz wäre, dass die Europäer mit China zusammenarbeiten. Aber Trump arbeitet mit „carrot and stick“, also mit Lob und Tadel: Je mehr Europa sich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit China annähert, umso höher werden die Zölle auf europäische Produkte sein, die nach Amerika exportiert werden. Wir sind in einer furchtbaren Sandwich-Position. Plus: Die Amerikaner garantieren uns nicht mehr, dass sie uns vor einem eventuellen Angriff Russlands schützen würden. Vollkommen klar, dass Europa dann in größte Schwierigkeiten kommen würde, sowohl ökonomischer als auch militärischer und politischer Art. 

Europa ist in einer furchtbaren Sandwich-Position.

Was könnte Europa also tun?

Weigelin-Schwiedrzik: Keine der drei Großmächte (USA, Russland, China) betrachtet Europa als Großmacht. Und was kann eine Mittelmacht in so einer Sandwich-Position machen? Sie muss sich mit allen Seiten gut stellen. Sie muss Amerika entgegenkommen, darf aber nicht so weit gehen, dass China vergrault wird. Und umgekehrt. Wir bekommen von beiden Seiten Druck und müssen lernen, wieder das Mittel der Diplomatie einzusetzen. Europa bleibt längerfristig nur eine logische Option: Trumps Politik in der Ukraine-Frage zu unterstützen. Auch China möchte, dass der Krieg in der Ukraine zu Ende geht. Wenn Europa im Gegenteil dazu beiträgt, den Krieg eskalieren zu lassen, womöglich nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Truppen, dann setzt sich Europa gegenüber allen drei Großmächten ins Fettnäpfchen. Im Endeffekt müssten wir zumindest eine Politik finden, die sowohl gegenüber Amerika als auch gegenüber China von Vorteil ist.

 

Auf einen Blick

Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist emeritierte Professorin für Sinologie an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Von 1989 bis 2002 war sie Professorin für Moderne Sinologie an der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in Chinas Stellung im globalen Machtgefüge.