Wohnsorgen, Integration und Rückkehr: Geflüchtete Ukrainer:innen in Wien und Lwiw
24.02.2025
Der russische Einmarsch in die Ukraine hat seit 2022 in Europa neue Migrationswellen ausgelöst. Zahlreiche Ukrainer:innen flohen vor dem Krieg in sicherere Regionen ihres Landes, andere suchten im Ausland Zuflucht, darunter auch in Österreich. Wie aber fanden die Geflüchteten in ihrer neuen Bleibe eine Unterkunft? Dieser Frage gingen Stadt- und Regionalforscher:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer vergleichenden Analyse der Wohnungsmärkte in Wien und dem ukrainischen Lwiw nach.
Untersucht wurden mittels einer Befragung von 40 Betroffenen und neun Expert:innen sowohl die regulatorischen und rechtlichen Aspekte der Wohnraumversorgung in den beiden Städten als auch die Erwartungen der Geflüchteten, ihre aktuelle Situation sowie ihre Probleme bei der Suche nach angemessenem, vorübergehendem Wohnraum.
Wien reagierte schnell auf Situation
Trotz des angespannten Wohnungsmarkts und jährlich steigenden Mieten gelang es in Wien, die Herausforderung insgesamt gut zu bewältigen. „Die Stadt hat eine gute Struktur, um auf Geflüchtete zu reagieren und Institutionen wie den Fonds Soziales Wien, die Diakonie und die Caritas, die effiziente Beratungen sowie Wohnraum günstig zur Verfügung stellen“, sagt Josef Kohlbacher vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW, der die Studie gemeinsam mit seiner ukrainischen Kollegin Solomiia Tkach durchführte.
Darüber hinaus ermöglichten die Erfahrungen der Flüchtlingskrise von 2015/2016 sowohl den Wiener Behörden als auch anderen Akteur:innen, effektiver und schneller auf die Herausforderungen des Jahres 2022 zu reagieren. Die Wiener Bevölkerung leistete ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Bereitstellung von Notunterkünften für Geflüchtete.
Viele ukrainische Geflüchtete hofften 2022 zunächst auf ein rasches Ende der militärischen Aggression. Sie wählten deshalb in Wien oft Hotelzimmer oder Airbnb-Unterkünfte, um eine Weile abzuwarten. Expert:innen zufolge dauerte es im Durchschnitt ein Jahr, bis die Geflüchteten erkannten, dass der Krieg nicht so schnell zu Ende gehen würde und dass sie sich in das Umfeld der österreichischen Hauptstadt integrieren müssten. „Zu den Herausforderungen am Wiener Wohnungsmarkt zählten der eingeschränkte Zugang zu Sozialwohnungen sowie zusätzliche Kosten aufgrund des Fehlens von Möbeln in Mietwohnungen. Etwas, das für den ukrainischen Mietwohnungsmarkt untypisch ist“, so Kohlbacher.
Neue Siedlungen in der Ukraine
In der Ukraine begegnete man den Migrationswellen anders, wie sich in der Studie zeigte. „In Lwiw wurden modulare Siedlungen errichtet. Das war eine sehr gute Strategie der Stadt, um schnell zu reagieren. Es leben noch immer viele Tausende aus ihren Herkunftsgebieten Vertriebene in diesen sogenannten modularen Siedlungen“, betont Kohlbacher. Der Wohnungsmarkt in Lwiw bestehe nämlich fast ausschließlich aus privaten Mietwohnungen. Es sind nur fünf Prozent des Wohnungsbestandes, die als Gemeindewohnung oder Kommunalwohnung bezeichnen werden konnen, so der Forscher. Schlagend wurde dieses Problem, als die Preise auf dem Wohnungsmarkt während der russischen Invasion in die Höhe schnellten und für viele Binnenvertriebene unerschwinglich wurden. Allerdings wurden seit Kriegsbeginn aufgrund des großen Bedarfs auch zahlreiche Sozialwohnungsprojekte gestartet. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde Lwiw bei neu geschaffenen Wohnungen sogar zur teuersten Stadt der Ukraine. Bei der Erhebung der Zukunftspläne zeigte sich in Lwiw gleichzeitig eine beträchtliche Anzahl der Geflüchteten bereits vollständig integriert.
Rückkehr ungeklärt
Ein Fünftel der Befragten in Wien und Lwiw hat indes beschlossen, nicht die Heimat zurückzukehren, einige Befragte zeigten sich noch zögerlich. Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger erscheint es, diese Menschen in ihre Heimat zurückzubringen – einerseits aufgrund der Zerstörungen des Krieges, andererseits da die Integration voranschreitet, neue soziale Bindungen entstehen, neue Arbeitsplätze angenommen werden und geflüchtete Kinder zunehemdn in das lokale Schulsystem integriert sind.
Auf einen Blick
Publikation
Solomiia Tkach, Josef Kohlbacher, "Wohnungsmarktintegration Ukrainischer Geflüchteter: Eine vergleichende Analyse zwischen Wien und Lwiw", ISR-Forschungsbericht 61, 2024.
https://www.austriaca.at/9720-1
Rückfragehinweis
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Wissenschaftlicher Kontakt
Josef Kohlbacher
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