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StadtforschungUrbane Hitze

Wo sich Hitze in der Stadt wirklich bemerkbar macht

Klimadaten zeigen, wo es in der Stadt besonders heiß wird. Aber sie zeigen nicht automatisch, wie Menschen diese Hitze in ihrem Alltag erleben. Die Stadtforscherin Anna Kajosaari erklärt, warum Bürger:innen selbst Expert:innen für ihr Wohnumfeld sind und wie partizipative Kartierungen helfen können, Städte hitzefitter zu machen.

03.08.2026
© Adobe Stock

Wenn im Sommer die nächste Hitzewelle anrollt, erleben Menschen die hohen Temperaturen in der Stadt nicht überall gleich. Manche Orte werden gemieden, andere gezielt aufgesucht, weil sie Schatten, Sitzgelegenheiten, Bäume oder Wasser bieten. Gerade in dicht bebauten innerstädtischen Bezirken entscheidet oft ein konkreter Ort darüber, ob Menschen ihren Alltag trotz Hitze gut bewältigen können.

Ein Forschungsbericht des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich deshalb mit der subjektiven Wahrnehmung urbaner Hitze im 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus beschäftigt. In einer digitalen, partizipativen Kartenumfrage haben Bewohner:innen Orte markiert, die sie als besonders heiß empfinden, aber auch Orte, die sie zur Abkühlung nutzen oder an denen sie sich kühlende Maßnahmen wünschen. Im Interview erklärt Stadtforscherin Anna Kajosaari welches Potenzial digitale Beteiligung für die Klimaanpassung hat.

Bewohner:innen als Expert:innen ihres Alltags

Frau Kajosaari, der aktuelle Forschungsbericht beschäftigt sich mit der subjektiven Wahrnehmung urbaner Hitze im 15. Wiener Gemeindebezirk im Sommer 2024. Warum ist es wichtig zu verstehen, wie Menschen Hitze in ihrem Alltag erleben?

Anna Kajosaari: In dieser Studie ging es darum, digitale, partizipative Kartierungsmethoden zu erproben – besonders mit Blick auf Klimaanpassung und Hitzeminderung. Solche Instrumente werden international bereits in Planungsprozessen eingesetzt. In Österreich ist der partizipative Teil der Stadtplanung aber noch nicht sehr stark digitalisiert. Wir wollten deshalb untersuchen, wie man digitale Methoden nutzen kann, um Bürger:innen stärker einzubeziehen. Denn Menschen, die in einem bestimmten Gebiet leben, sind Expert:innen für ihre eigene Wohnumgebung. Sie wissen, wie sich Orte im Jahresverlauf verändern, wie sie genutzt werden und wo es im Alltag Probleme gibt. Wenn wir Klimaanpassung und Hitze ernst nehmen, müssen wir unterschiedliche Formen von Wissen zusammenbringen. Dazu gehört das institutionelle Wissen von Planer:innen, aber auch objektive Messdaten, etwa aus Fernerkundung oder von Hitzesensoren. Und ergänzend dazu braucht es das Wissen der Menschen, die diese Orte tatsächlich nutzen und erleben. Nur so können wir verstehen, wie städtische Räume im Alltag von Hitze betroffen sind.

Objektive Hitzekarten können sehr gut zeigen, wo es heiß ist und wo nicht.

Sie haben mit einer digitalen, partizipativen Kartenumfrage gearbeitet. Wie funktioniert diese Methode?

Kajosaari: Die Teilnehmer:innen der Studie konnten auf einer digitalen Karte Orte markieren, die sie als besonders heiß empfinden, an denen sie Abkühlung finden oder an denen sie sich kühlende Maßnahmen wünschen würden. Dazu konnten sie weitere Informationen angeben, etwa warum ein Ort als heiß oder kühl erlebt wird. Der Vorteil ist, dass dadurch ortsbezogenes Wissen entsteht. Es geht nicht nur um eine allgemeine Meinung zur Hitze in der Stadt, sondern um konkrete Orte. Gleichzeitig entstehen Daten in einem Format, das für Planungsprozesse gut nutzbar ist. Solche digitalen Kartierungen können also direkt mit planerischen Werkzeugen oder geografischen Informationssystemen weiterbearbeitet werden. Wichtig ist aber auch: Digitale Beteiligung ersetzt nicht andere Formen der Partizipation. Es geht nicht darum, Vor-Ort-Workshops oder persönliche Gespräche abzulösen. Vielmehr ist es ein zusätzliches Werkzeug, mit dem man möglicherweise auch Menschen erreicht, die an klassischen Beteiligungsveranstaltungen nicht teilnehmen – weil sie keine Zeit haben, weil der Ort schwer erreichbar ist oder weil sie sich von solchen Formaten nicht angesprochen fühlen.

Hitzeerfahrung ist subjektiv

Was kann subjektive Hitzewahrnehmung zeigen, was objektive Messdaten nicht erfassen?

Kajosaari: Objektive Hitzekarten können sehr gut zeigen, wo es heiß ist und wo nicht. Aber sie zeigen nicht automatisch, wie Menschen diese Räume nutzen. Wir wissen dadurch noch nicht, welche Orte im Alltag besonders relevant sind, wo Menschen stehen bleiben müssen, wo Kinder spielen oder wo ältere Menschen unterwegs sind. Hitzeerfahrungen sind außerdem sehr subjektiv. Besonders vulnerable Gruppen – etwa ältere Menschen, kleine Kinder oder Betreuungspersonen – sind stärker von Hitze betroffen. Für sie ist wichtig, ob sie bestimmte Orte überhaupt nutzen können oder ob sie Strategien brauchen, um mit Hitze im Stadtraum umzugehen.

Welche Muster haben Sie im 15. Bezirk gesehen?

Kajosaari: Grundsätzlich hat sich gezeigt, dass manche Orte im Alltag besonders wichtig sind, obwohl sie auf einer objektiven Hitzekarte vielleicht nicht sofort als die zentralen Problemorte erscheinen würden. Interessant waren zum Beispiel Orte, an denen Menschen stehen bleiben müssen oder warten: Ampeln, Kreuzungen, Haltestellen oder Einkaufsstraßen. Auch Spielplätze sind wichtig, weil dort Kinder und Betreuungspersonen besonders exponiert sein können. Häufig handelt es sich um Orte mit wenig Baumbestand, viel versiegelter Fläche und wenig Schatten.

Häufig handelt es sich um Orte mit wenig Baumbestand, viel versiegelter Fläche und wenig Schatten.

Gleichzeitig haben die Bewohner:innen auch Orte markiert, an denen sie Abkühlung finden. Das waren vor allem Parks und öffentliche Räume mit kühlender Infrastruktur. In unserer Untersuchung wurden Bäume am häufigsten als Grund für wahrgenommene Abkühlung genannt, gefolgt von Schatten, Sitzgelegenheiten und Vegetation allgemein. Auch Wasserelemente wie Trinkbrunnen, Wasserspielplätze oder Sprühnebelanlagen spielen eine Rolle. Aber es geht nicht nur darum, ob solche Elemente grundsätzlich vorhanden sind. Ein Platz kann grundsätzlich kühlende Infrastruktur haben und gleichzeitig in bestimmten Bereichen als heiß erlebt werden, wenn etwa Bänke direkt in der Sonne stehen. Zum Beispiel wurde hier der Kardinal-Rauscher-Platz im 15. Bezirk genannt. Das zeigt, wie wichtig die Mikroebene ist. Für die Planung reicht es nicht immer, großräumig zu wissen, dass ein Gebiet Grünflächen hat. Es kommt darauf an, wie sie im Raum angeordnet sind und ob sie im Alltag funktionieren. Gerade deshalb ist subjektives Wissen wichtig. Bewohner können sehr genau sagen, welche Orte ihnen helfen, mit Hitze umzugehen, und wo sie sich zusätzliche Kühlung wünschen würden.

Hitze endet nicht an der Haustür

Wie können solche Daten konkret zu besserer Stadtplanung beitragen?

Kajosaari: Das Potenzial liegt darin, verschiedene Arten von Wissen zusammenzuführen: institutionelles Wissen aus der Planung, technische und klimatologische Daten und subjektive Erfahrungen von Bewohner. Gleichzeitig muss man sehr sorgfältig kommunizieren, was solche Beteiligung leisten kann. Es darf nicht wie eine Wunschliste wirken, bei der Teilnehmer:innen eine kühlende Maßnahme vorschlagen und dann erwarten, dass genau dort auch etwas gebaut wird. Es gibt viele technische, rechtliche oder planerische Gründe, warum an einem bestimmten Ort vielleicht keine Maßnahme möglich ist. Deshalb ist wichtig, von Anfang an klarzumachen: Dieses Wissen fließt in Entscheidungen ein, es informiert die Planung, aber es ersetzt nicht den gesamten Planungsprozess. Wenn das gut gemacht wird, kann digitale Beteiligung helfen, Planungen treffsicherer und inklusiver zu machen.

Welche Fragen möchten Sie wissenschaftlich weiterverfolgen?

Kajosaari: Wir arbeiten derzeit an mehreren Fragen. Eine davon ist, wie man Instrumente wie die partizipative Kartierung weiter validieren kann, um hitzebezogene Erfahrungen besser zu erfassen. Hitze wird auf mehreren Ebenen erlebt. Sie wird im Körper als individuelle Erfahrung spürbar. Sie wird aber auch im Wohngebäude erlebt: Kann ich mich in meiner Wohnung wohlfühlen oder muss ich draußen Abkühlung suchen? Und schließlich gibt es die Ebene des Stadtraums. Kühlungsstrategien müssen eigentlich auf all diesen Ebenen ansetzen, nicht nur im öffentlichen Raum. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es bereits einiges Wissen darüber, wie Wohnen, Gebäude und Hitze zusammenhängen. Aber wir brauchen bessere und validierte Instrumente, um diese Erfahrungen systematisch zu erfassen. Schlussendlich ist auch die Frage interessant, wie solche Daten tatsächlich in Planungsprozesse einfließen. Haben sie Einfluss? Wo liegen Barrieren für Planer? Was erschwert die Nutzung solcher Informationen? Es gibt noch viel zu untersuchen.

 

Auf einen Blick

Anna Kajosaari ist Stadtforscherin am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Gemeinsam mit Alois Humer und Maeve Hofer untersuchte sie im Forschungsbericht „Die subjektive Wahrnehmung urbaner Hitze in einem Wiener Gründerzeitbezirk“ die Wahrnehmung von Hitze und Abkühlung im 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Die Studie wurde im Rahmen des Projekts BLUEMAP durchgeführt und durch den Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die ÖAW gefördert.