Wissenschaft gewinnt Vertrauen – wenn sie Unsicherheit offen anspricht
24.08.2026
Ob Klimawandel, Pandemien oder Künstliche Intelligenz – wissenschaftliche Erkenntnisse bilden die Grundlage vieler politischer und gesellschaftlicher Entscheidungen. Gleichzeitig stehen Forschende unter wachsendem Druck, möglichst eindeutige Antworten zu liefern. Doch Wissenschaft funktioniert anders: Neue Erkenntnisse entstehen schrittweise, Ergebnisse werden überprüft und korrigiert, Unsicherheiten gehören zum Forschungsprozess dazu.
Genau diese Unsicherheit bereitet vielen Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen Sorgen. Lange galt die Annahme, dass zu viel Offenheit Zweifel säen und das Vertrauen in die Wissenschaft schwächen könnte. Eine Metastudie von Andreas M. Scheu vom Institut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Christian Schuster von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) zeigt: Wer wissenschaftliche Unsicherheiten transparent kommuniziert, stärkt in der Regel die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Grundlage der Untersuchung sind 24 internationale, peer-reviewte empirische Studien, die systematisch ausgewertet wurden. „Unsere Analyse zeigt: Ein offener Umgang mit Unsicherheit stärkt die Wahrnehmung, dass Wissenschaft ehrlich, glaubwürdig und selbstkritisch ist.“, sagt Scheu.
Unsicherheit gehört zur Wissenschaft
Dass Forschung Unsicherheiten offenlegt, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Teil wissenschaftlicher Arbeitsweise. Neue Daten können frühere Annahmen verändern, unterschiedliche Studien können zu leicht abweichenden Ergebnissen kommen und nicht jede Frage lässt sich sofort eindeutig beantworten. Die Studie unterscheidet drei Arten wissenschaftlicher Unsicherheit: Erkenntnisunsicherheit, methodische Unsicherheiten sowie Konsensunsicherheiten in der Fachwelt. „Menschen erwarten von der Wissenschaft keine absolute Gewissheit“, sagt Scheu. „Sie erwarten vielmehr, dass Forschende transparent mit den Grenzen ihres Wissens umgehen.“
Verschweigen kann Misstrauen fördern
„Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft beruht auch darauf, dass sie sehr transparent und reflektiert mit den eigenen Limitationen umgeht“, erklärt Scheu. „Genau dieses reflektierte und vorsichtige Formulieren schätzen viele Menschen.“ Die ausgewerteten Studien zeigen insgesamt deutlich häufiger positive als negative Effekte transparenter Unsicherheitskommunikation. Besonders wirksam ist sie dann, wenn Unsicherheiten nicht nur erwähnt, sondern verständlich eingeordnet werden.
Problematisch ist nach den Ergebnissen der Studie der umgekehrte Weg: Unsicherheiten zu verschweigen oder wissenschaftliche Ergebnisse als absolut sicher darzustellen. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass vorsichtig formulierte Aussagen häufig glaubwürdiger wirken als übertriebene Gewissheit. Formulierungen wie „nach derzeitigem Wissensstand“ oder „auf Grundlage der derzeit verfügbaren Daten“ werden von vielen Menschen als Ausdruck wissenschaftlicher Sorgfalt verstanden. „Wenn Unsicherheiten später sichtbar werden, nachdem sie zuvor verschwiegen wurden, kann das Vertrauen stärker beschädigt werden als eine von Anfang an transparente Kommunikation“, erklärt Scheu.
Risiken bei politischen Konfliktthemen
Ganz ohne Risiken ist Transparenz jedoch nicht. Besonders bei politisch umkämpften Themen wie Klimawandel oder Impfungen können Unsicherheiten gezielt instrumentalisiert werden. „Wenn man wissenschaftliche Unsicherheiten nicht selbst erklärt, überlässt man ihre Deutung denjenigen, die sie strategisch ausnutzen wollen“, sagt Scheu. Deshalb empfehlen die beiden Studien-Autoren, Unsicherheiten immer im Kontext des wissenschaftlichen Gesamtstands zu kommunizieren. Einzelne widersprüchliche Studien oder abweichende Positionen sollten deshalb eingeordnet werden: Um welche Art von Widerspruch handelt es sich? Geht es tatsächlich um eine offene wissenschaftliche Debatte, oder besteht trotz einzelner Gegenpositionen ein breiter wissenschaftlicher Konsens? So lässt sich vermeiden, dass Konsens behauptet wird, wo es ihn nicht gibt – oder umgekehrt einzelne Gegenpositionen fälschlich den Eindruck eines grundlegenden wissenschaftlichen Dissenses erzeugen.
Die Studie macht zugleich deutlich, dass erfolgreiche Wissenschaftskommunikation stark von der jeweiligen Zielgruppe abhängt. Menschen reagieren besonders sensibel auf Unsicherheiten, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbare Auswirkungen auf ihr eigenes Leben haben – etwa bei Gesundheitsfragen oder politischen Maßnahmen, die den Alltag betreffen. In solchen Fällen reicht es nicht aus, Unsicherheiten lediglich zu benennen. Sie müssen verständlich erklärt und in ihren praktischen Auswirkungen eingeordnet werden.
Transparenz statt falscher Gewissheit
Aus den Ergebnissen leitet das Forscher-Team konkrete Empfehlungen für Wissenschaft und Medien ab. Unsicherheiten sollten klar, verständlich und möglichst früh kommuniziert werden. Ergänzende Informationen – etwa Grafiken, Hintergrundmaterial oder weiterführende Erklärungen – können helfen, komplexe Zusammenhänge besser nachvollziehbar zu machen. „Unser Job als Wissenschaftler:innen ist Differenzierung in die Debatte zu bringen“, betont Scheu. Diese Offenheit könne dazu beitragen, die besondere Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Verfahren sichtbar zu machen. Wissenschaft unterscheide sich von vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen dadurch, dass sie ihre eigenen Grenzen offenlege und Erkenntnisse laufend überprüfe. Wer Unsicherheit verständlich erklärt, schwäche Wissenschaft nicht – sondern stärkt langfristig das Vertrauen in ihre Arbeitsweise und ihre Ergebnisse.
Auf einen Blick
Publikation
Schuster, C., and A. M. Scheu. 2026. “How Communication of Scientific Uncertainty Affects Trust in Science—A Systematic Review.” Risk Analysis46, no. 5: e70233.
DOI: https://doi.org/10.1111/risa.70233
Hintergrund und Förderung
Die Studie basiert auf Vorarbeiten aus dem Projekt „Transfer Unit Wissenschaftskommunikation“, einem gemeinsamen Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und Wissenschaft im Dialog (WiD) in Berlin. Die Förderung des Projekts erfolgte zunächst durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und wird heute vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fortgeführt.
