„Wir schaffen ein lebendiges Experimentierlabor“
18.12.2024
Wissenschaft bewegt die Welt – sie schafft Innovation, bietet Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit und treibt die Gesellschaft voran. Dennoch bleibt sie für viele Menschen oft abstrakt und fern. Das Austrian Science Communication Center will das ändern: Ab 2027 wird es zu einem inspirierenden Treffpunkt, der Wissenschaft greifbar und erlebbar macht.
Die Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der Universität Wien und der TU Wien bildet dabei das Rückgrat des neu entstehenden Zentrums für Wissenschaftskommunikation. Christopher Lindinger, Innovationsforscher und und Kulturmanager, erklärt im Interview, wie das Zentrum den Dialog zwischen Forschung und Öffentlichkeit fördern und die Begeisterung für Wissenschaft neu entfachen möchte.
Neuer Ort für Begeisterung und Diskurs
Herr Lindinger, können Sie uns einen Einblick geben, wie die Idee für das Science Communication Center entstanden ist und welche Vision dahinter steht?
Christopher Lindinger: Wissenschaft ist der Schlüssel zu Innovation, die Grundlage zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und zur Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit. Und trotz dieser Erkenntnis sind wir in Österreich mit der Situation konfrontiert, dass es beim Vertrauen in die Wissenschaft noch viel Luft nach oben gibt.
Der Grundgedanke ist, eine Brücke zum aktuellen Wissenschaftsgeschehen zu schlagen.
Diese Tatsache ist auch ein Auftrag zum Handeln, noch mehr zu tun, um die Begeisterung und das Verständnis für die Wissenschaft noch stärker in der Bevölkerung zu verankern. In diesem Sinne ist auch die Idee hinter dem Center entstanden, nämlich einen Ort für einen lebendigen Wissenschaftsdialog zu schaffen, der Treffpunkt, Ort des Diskurses, Ausstellungsort und Forschungsstätte zugleich ist.
Welche Rolle spielen die Kooperationspartner – die Österreichische Akademie der Wissenschaften, die Uni Wien und die TU Wien – bei der inhaltlichen Gestaltung des Zentrums?
Lindinger: Diese Institutionen bilden den inhaltlichen Ausgangspunkt und die thematische Quelle für die Aktivitäten des Centers. Denn der leitende Grundgedanke ist, eine Brücke zum aktuellen Wissenschaftsgeschehen zu schlagen – Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse aufzugreifen und in den Kontext aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen zu stellen.
Diese Brücke muss aber noch breiter verstanden werden, es geht nicht nur um den Dialog zwischen Wissenschaft und Interessierten, sondern vor allem auch um den Austausch zwischen Wissenschaftler:innen und Interessierten. Denn wer könnte die Begeisterung für Wissenschaft besser und authentischer vermitteln als die Wissenschaftler:innen selbst?
Wenn Sie mich nach dem entscheidenden Erfolgsfaktor fragen, dann ist es die enge Verzahnung mit diesen Institutionen, die dem Zentrum seine Relevanz und Dynamik verleihen wird.
Aula eingebettet in Wiener Forschungsmeile
Welche Wünsche gibt es für die räumliche Gestaltung der Aula der Wissenschaften?
Lindinger: Mit der Aula der Wissenschaften in der Wollzeile 27 haben wir einen guten Ort gefunden. Gut, weil er städtebaulich in der Nähe vieler wissenschaftlicher Einrichtungen liegt und gut, weil die Immobilie eine ideale Größe für eine Vielzahl von Ausstellungen und Aktivitäten bietet.
Das Center wird ein Treffpunkt zwischen Wissenschaftler:innen und Besucher:innen.
Das denkmalgeschützte Gebäude ist natürlich auch eine Herausforderung, was die Klimatechnik oder die Akustik betrifft. Mein wichtigster Wunsch: Dass wir die räumliche Gestaltung so hinbekommen, dass eine besondere Aufenthaltsqualität entsteht, dass sie die Grundlage bietet, diesen sozialen Ort, diesen Treffpunkt zwischen Wissenschaftler:innen und Besucher:innen darzustellen.
Gibt es bereits Überlegungen zu ersten Veranstaltungen oder Projekten, die das Science Communication Center nach seiner Eröffnung umsetzen wird?
Lindinger: Wir bereiten derzeit eine Ausschreibung für die Architektur vor und stellen sicher, dass wir eine breite Palette an Formaten bespielen können. Die konkrete inhaltliche Entwicklung startet 2025 gemeinsam mit den wissenschaftlichen Institutionen. Was aber auf jeden Fall geplant ist, sind temporäre Aktivitäten und Baustellenbespielungen schon vor der Eröffnung 2027.
Offen für alle, Fokus auf Jugendliche
Wie wird das Zentrum die Wissenschaftsvermittlung weiterentwickeln, um auch Menschen außerhalb der akademischen Welt zu erreichen?
Lindinger: Das Zentrum wird die Wissenschaftsvermittlung weiterentwickeln, indem es gezielt auf die breite Öffentlichkeit zugeht, mit einem besonderen Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene. Dabei werden gezielt Anknüpfungspunkte geschaffen, die aktuelle Herausforderungen unserer Zeit thematisieren und die Bedeutung der Wissenschaft in diesen Kontexten verdeutlichen.
Wir wollen ein zeitgemäßes Verständnis von Wissenschaftskommunikation etablieren, das Dialog und Diskurs auf Augenhöhe ermöglicht.
Unser Ziel ist es, ein zeitgemäßes Verständnis von Wissenschaftskommunikation zu etablieren, das Dialog und Diskurs auf Augenhöhe ermöglicht und Raum für aktives Zuhören schafft. Die Exponate der Ausstellung sollen als Ausgangspunkt dienen, um mit den Besucher:innen in einen lebendigen Austausch zu treten. Dabei verstehen wir die Besucher:innen nicht als passive Betrachter:innen, sondern als aktive Teilnehmer:innen an einem gemeinsamen Prozess. Dieser Ansatz fördert Partizipation, Interaktion und macht Wissenschaft als lebendige und praxisnahe Erfahrung erlebbar.
Welche Rolle möchte das Austrian Science Communication Center im internationalen Kontext der Wissenschaftskommunikation einnehmen?
Lindinger: Es gibt die klare Vision, sich als österreichisches Kompetenzzentrum für Wissenschaftskommunikation zu positionieren. Das Center versteht sich nicht nur als Ort für Ausstellungen und Diskurse, sondern auch als lebendiges Experimentierlabor für eine Avantgarde des Wissenschaftsdialogs.
Mit diesem Ansatz will sich das Zentrum auf einer internationalen Landkarte positionieren, aber auch eng verzahnt mit Institutionen zusammenarbeiten, die ähnliche Ziele verfolgen. Der inhaltliche Austausch findet bereits in der Gründungsphase statt und reicht vom Vista in Klosterneuburg über die Science Galleries in London bis zum MIT Museum in Boston.
Auf einen Blick
Christopher Lindinger ist Innovationsforscher, Informatiker und Kulturmanager. Er war Mitglied des Gründungsteams des Ars Electronica Futurelab und verantwortete dort als Co-Direktor die Bereiche Forschung und Innovation. 2019 wechselte er als Vizerektor an die Johannes Kepler Universität Linz. Seit dem 2023 ist er Professur für Kunst & Digitalität an der Universität Mozarteum.