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SommerferienGelsenplage

Wie gefährlich ist die Asiatische Tigermücke in Österreich?

Sie sticht tagsüber, tritt in Schwärmen auf und breitet sich in Großstädten wie Wien, Graz und Linz immer weiter aus: die Asiatische Tigermücke. Parasitologe Hans-Peter Fuehrer über Herkunft, Risiken und wirksame Schutzmaßnahmen.

09.07.2026
Eine Tigermücke sitzt auf der Haut und sticht zu
Die Tigermücke stammt aus Südasien und mag es warm. Anders als die meisten heimischen Arten sticht sie tagsüber. Zunehmend verbreitet sie sich auch in Österreich.
© Adobe Stock

Von den 52 Stechmückenarten in Österreich sorgt die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke regelmäßig für Schlagzeilen. Das Besondere: Anders als die heimische Hausgelse sticht sie tagsüber, tritt oft in Massen auf, und kann viele verschiedene Krankheitserreger übertragen. Doch wie gefährlich ist sie tatsächlich, wie kann man sich schützen, und warum ist die Hausgelse aus einem ganz anderen Grund auf dem Rückzug? Das weiß Parasitologe Hans-Peter Fuehrer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni). Er erforscht die Ausbreitung der Tigermücke in Österreich.

Was unterscheidet die Asiatische Tigermücke von den heimischen Stechmückenarten?

Hans-Peter Fuehrer: In Österreich sind derzeit 52 Stechmückenarten bekannt, drei davon gelten als potenziell invasive Alien Species: die Asiatische Tigermücke sowie die Japanische und die Koreanische Buschmücke. Die Tigermücke stammt aus Südasien und mag es warm. Anders als die meisten heimischen Arten sticht sie tagsüber und tritt in Massen auf. Als Parasitologe, der sie beforscht, muss ich sie kaum suchen – die Menschen melden sie von selbst, weil sie so lästig ist. Übrigens: Nicht jede gestreifte Mücke ist eine Tigermücke. Von den 52 heimischen Arten hat etwa die Hälfte Streifen an den Beinen.

In Österreich sind derzeit 52 Stechmückenarten bekannt, drei davon gelten als potenziell invasive Alien Species.

Wie die Tigermücke nach Österreich kam

Wie kam die Tigermücke nach Europa und schließlich nach Österreich?

Fuehrer: Erstmals eingeschleppt wurde sie Ende der 1970er-Jahre von Asien nach Albanien, konnte sich dort aber nicht halten. Etabliert hat sie sich erst über gebrauchte Autoreifen aus den USA, die nach Italien verschifft wurden. Von dort breitete sie sich zunächst im Mittelmeerraum, mittlerweile auch in Teilen Mitteleuropas aus. In Österreich gibt es seit rund 15 Jahren erste Nachweise, meist entlang von Autobahnen. Das hängt mit der Biologie zusammen: Anders als die Hausgelse, die ihre Eier auf die Wasseroberfläche legt, platziert die verwandte Tigermücke sie am Rand von Wasserflächen. Ursprünglich eine baumhöhlenbrütende Art, nimmt sie auch künstliche Habitate wie Autoreifen, Regentonnen oder Friedhofsvasen an. Die trockenresistenten Eier überdauern drei bis vier Jahre. Erwachsene Tiere fahren zudem gerne im Auto mit, was erklärt, warum man sie zuerst entlang von Transitrouten findet. In Tirol etwa gab es Nachweise entlang der Autobahn Richtung Norden, doch die kleine Population ist dort – vermutlich durch den geringeren Verkehr während der Pandemie – wieder zusammengebrochen.

Und in Wien?

Fuehrer: 2020 gab es den ersten Wiener Nachweis in einer Kleingartensiedlung neben der Südosttangente. Genetische Untersuchungen zeigten drei verschiedene Linien, es müssen also mindestens drei „Muttertiere“ beteiligt gewesen sein – möglicherweise über Pflanzenimporte eingeschleppt. Seither hat sich die Art in Wien etabliert und breitet sich weiter aus. Ähnliches passiert inzwischen in Graz und Linz.

Kampf der Gelsen: Hausgelse versus Tigermücke

Erwachsene Tigermücken fahren gerne im Auto mit.

Ab wann spricht man von einer „etablierten“ Population?

Fuehrer: Sie gilt erst als etabliert, wenn eine Population drei Jahre in Folge nachgewiesen wurde. Das trifft mittlerweile auf mehrere Regionen zu. Wichtig fürs Monitoring ist die App „Mosquito Alert“, ein europäisches Projekt unter spanischer Leitung, in Österreich von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) betreut. Die gemeldeten Fotos werden von mir und zwei weiteren Fachleuten verifiziert. Dabei lässt sich Jahr für Jahr eine deutliche Zunahme ihrer Verbreitung beobachten.

Verdrängt die Tigermücke heimische Arten? Und was bedeutet das?

Fuehrer: Die Hausgelse macht derzeit rund 90 Prozent aller Stechmücken in Ballungsräumen aus. Wird sie bedrängt, hat das Folgen für die Umwelt, etwa für Vögel oder Libellenlarven, die sich von den Larven ernähren. Tatsächlich beobachten wir bereits einen Rückgang bei der Hausgelse – vermutlich aber nicht wegen der Tigermücke, sondern wegen des Klimawandels. Meine Hypothese ist, dass die überwinternden erwachsenen Tiere offenbar unter häufigeren Kälte-Wärme-Wechseln im Februar leiden.

Welche Krankheiten die Asiatische Tigermücke übertragen kann

Inwiefern ist die Tigermücke gefährlicher als die Hausgelse?

Fuehrer: Sie kann Erreger übertragen, die heimische Mücken nicht übertragen, etwa Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren. Letztere sind aber sehr selten. Auch das Westnilvirus gibt sie weiter, welches allerdings auch von der Hausgelse übertragen wird.

Die Tigermücke kann Erreger übertragen, die heimische Mücken nicht übertragen, etwa Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren.

Wie groß ist das Risiko lokaler Ausbrüche von Dengue oder Chikungunya?

Fuehrer: Europaweit gab es im Vorjahr über 100 Fälle mit lokaler Übertragung von Dengue und Chikungunya, etwa in Frankreich und Italien. In Österreich gab es bislang keinen einzigen autochthonen Fall. Umso wichtiger ist die Überwachung durch AGES und Bundesländer, in Wien etwa durch die MA 15.
Fälschlicherweise wird in diesem Zusammenhang auch öfter die Tropenkrankheit Malaria genannt, die wird von Vertretern der Anopheles-Mücken übertragen. Bis in die 1950er-Jahre waren sie sogar für autochthone Malariafälle hierzulande verantwortlich. Heute gibt es nur noch importierte Fälle, und solange unser Gesundheitssystem funktioniert, wird sich Malaria hier nicht wieder ausbreiten.

Herkömmliche Insektensprays wirken auch gegen die Tigermücke.

Wie kann man sich vor der Asiatischen Tigermücke schützen

Wie sieht das Monitoring aus? Und: wird die Tigermücke auch aktiv bekämpft?

Fuehrer: Die Stadt Wien beprobt monatlich elf fixe Standorte, an denen Stechmücken gesammelt, bestimmt und auf Viren untersucht werden. Erst diese Vergleichsdaten machten den Rückgang der Hausgelse sichtbar. Ergänzend kommen Ovitraps zum Einsatz: wassergefüllte Becher mit einer Eiablagefläche, die nach einer Woche molekularbiologisch untersucht wird. In Graz kommen auch sterile Männchen zum Einsatz. Mir persönlich ist klassische Prophylaxe am wichtigsten: Regentonnen abdecken, Regenrinnen sauberhalten, Brutstätten vermeiden. Ergänzend eignet sich Bacillus thuringiensis israelensis (BTI), ein natürlich vorkommendes Bodenbakterium, das gezielt Larven abtötet. Insektizide würde ich möglichst vermeiden.

Kann man sich mit herkömmlichen Sprays schützen?

Fuehrer: Ja, das wirkt auch gegen die Tigermücke. Sie fliegt genauso hörbar an wie die Hausgelse, da beide Arten ein tonerzeugendes zweites Flügelpaar besitzen. Wer tagsüber lautlos gestochen wird, hat es eher mit Gnitzen zu tun – winzigen Mücken, die heftigere Reaktionen bis hin zu anaphylaktischen Schocks auslösen können und vor allem in der Nähe von Gebüschen vorkommen.

 

Weitere Infos:

Hans-Peter Fuehrer ist Parasitologe an der Vetmeduni, untersucht die Populationsgenetik der Tigermücke und hat das heimische Stechmücken-Arteninventar genetisch erfasst und dokumentiert. In einem vom Klimafonds (ACRP) geförderten Projekt untersucht er, wie sich Stechmücken und andere Vektoren in den Tiroler Alpen verbreiten. Ein weiteres Projekt läuft im Rahmen von „Austrian Barcode of Life“, einem Konsortium zahlreicher Forschungseinrichtungen, zu dessen Kooperationspartnern auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gehört.