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ArchäologieSteinwerkzeuge

Was die Steinzeit heute noch wert ist

Warum gelten manche Dinge als kostbar – und andere als wertlos? Warum sind es oft nicht nur ihr Nutzen, sondern Geschichten, Handelswege und Beziehungen, die ihnen Wert verleihen? Die Ursprünge dieser Fragen liegen tausende Jahre zurück, als Menschen begannen, sich über weite Distanzen zu vernetzen und neue Formen von Austausch und Macht zu entwickeln. Ein Forschungsprojekt mit Beteiligung der ÖAW versucht, in Werkzeugen aus dem Neolithikum die Wurzeln unseres modernen Wirtschaftssystems aufzuspüren.

18.02.2026
Jadeit Gestein
© Shutterstock

Der dänische Archäologe Lasse Sørensen begibt sich auf die Spur früher „Wertsysteme“. In seiner Forschung zum Neolithikum im Ägäisraum rekonstruiert er, wie seltene Rohstoffe zirkulierten, wie Handelsrouten entstanden und wie Objekte zu Symbolen von Status und Zugehörigkeit wurden. Bei der Konferenz "Current Debates in Neolithic Archeology" vom 19 bis 20. Februar 2026 an der ÖAW sprechen Lasse Sørensen und Michael Brandl (ÖAI) über ihre Forschung zu steinzeitlichen Netzwerken rund um die griechischen Fundorte Sesklo und Dimini im Rahmen eines ERC-Projekts am National Museum of Denmark und in enger Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW. 

Worum geht es in Ihrer aktuellen Forschung?
Lasse Sørensen: Im Kern geht es um die Frage, wie Menschen begonnen haben, Dingen einen besonderen Wert zuzuschreiben. Warum halten Menschen bestimmte Dinge für besonders wichtig, begehrenswert oder wertvoll? Das kennen wir auch heute – etwa bei Gold, Diamanten oder Geld. Selbst Geld in digitaler Form, als Papier oder Münzen funktioniert letztlich nur, weil wir uns gemeinsam darauf geeinigt haben, ihm zu vertrauen und ihm Wert beizumessen. Wert ist kein objektives Naturgesetz, sondern beruht auf sozialen Übereinkünften. Wir untersuchen, wie solche Vorstellungen in der Vergangenheit entstanden sind – und vermuten, dass das im Neolithikum mit bestimmten Rohstoffen und vor allem mit polierten Steinwerkzeugen begonnen hat.

Wert ist kein objektives Naturgesetz, sondern beruht auf sozialen Übereinkünften.

Warum gerade im Neolithikum?
Sørensen: In der Zeit davor, im Paläolithikum und Mesolithikum, lebten die Menschen als Jäger und Sammler. Sie waren mobil, konnten kaum Vorräte anlegen und besaßen nur wenige Dinge. Mit der Sesshaftwerdung änderte sich das grundlegend: Menschen konnten Güter produzieren, lagern und tauschen. Gleichzeitig begannen sie, unterschiedliche Rohstoffe unterschiedlich zu bewerten. In unserem Projekt analysieren wir vor allem polierte Steinwerkzeuge und ihre Rohmaterialien. Im Neolithikum ist die Vielfalt der verwendeten Materialien förmlich explodiert: Plötzlich wurden 20, 30 oder sogar mehr verschiedene Gesteinsarten genutzt. Manche davon sind selten, besonders hochwertig oder mit bestimmten Bedeutungen verbunden. Daraus entsteht eine Hierarchie des Wertes. Wir wollen verstehen, wie diese Rohstoffe über weite Netzwerke verbreitet wurden, wer Zugang dazu hatte und was das über soziale Beziehungen, Handel und Ungleichheit aussagt. Im Kern geht es also darum, nachzuvollziehen, wie wirtschaftliche und soziale Strukturen entstanden sind, die unsere Gesellschaft bis heute prägen.

Extrem seltener Jadeit

Welche seltenen Rohstoffe sind für Sie besonders spannend?
Sørensen: Wir beschäftigen uns intensiv mit Jadeit, einem extrem seltenen Gestein – heute sogar seltener als Gold. Jadeit wurde vor allem für Beile verwendet, aber auch für Perlen und Schmuck, weil er poliert sehr schön ist. Im Ägäisraum gibt es zwar nur wenige bekannte Vorkommen, aber wir konnten zeigen, dass dort viel mehr produziert wurde als bisher angenommen. Die Mengen waren enorm und die Objekte wurden über weite Distanzen verteilt, vermutlich bis nach Ägypten. Das könnte eine der frühesten Formen eines überregionalen Wert- und Tauschsystems gewesen sein. Daneben gibt es mit Nephrit noch einen weiteren Rohstoff, der nicht ganz so selten ist. Seine Quellen kennen wir bislang noch nicht, wir suchen danach.

Was sagen diese Funde über frühe Handelsnetzwerke aus?
Sørensen: Sie zeigen, dass es bereits im Neolithikum komplexe Austauschsysteme gab. Neben überregionalen Netzwerken für seltene Materialien existierten regionale und lokale Tauschbeziehungen. Zusammen ergeben sie ein dichtes Netz, in dem Rohstoffe, Wissen und vermutlich auch soziale Beziehungen zirkulierten.

Vom Rohstoff zur sozialen Ordnung

Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung liegt auf den thessalischen Fundorten Sesklo und Dimini. Was haben Sie dort herausgefunden?
Sørensen: Wir versuchen herauszufinden, welche Rohstoffe genutzt wurden, und gleichzeitig, ob wir diese Rohstoffe mit konkreten archäologischen Objekten – zum Beispiel von Ausgrabungsstätten wie Sesklo und Dimini – in Verbindung bringen können. Michael Brandl von der ÖAW vergleicht die theoretischen Proben, die wir gesammelt haben, mit archäologischen Objekten, um Übereinstimmungen zu finden. So können wir sehen, wie Dinge ausgetauscht wurden und was wohin gehört. Es ist ein großes Puzzle, das wir zusammensetzen, und dabei spielen die Messungen von Michael eine entscheidende Rolle. So konnten wir etwa schon herausfinden, dass Sesklo und Dimini offenbar wichtige Knotenpunkte waren. Etwa zehn Prozent der von uns untersuchten Werkzeuge – zum Beispiel Beile – bestanden aus Jadeit, weitere Materialien kamen aus Entfernungen von bis zu 30 Kilometern. Wir gehen davon aus, dass Sesklo und Dimini als Handelszentren fungierten, in denen Rohstoffe aus dem Süden und aus dem Binnenland zusammenliefen und weiterverteilt wurden.

Wir gehen davon aus, dass Sesklo und Dimini als Handelszentren fungierten.

Was lässt sich noch aus der Forschung ableiten?

Sørensen: Soziale Ungleichheit, zum Beispiel. Wir vergleichen, welche Materialien in welchen Haushalten vorkommen und wie sich das über die Zeit verändert. Ähnlich wie heute bei Einkommensstatistiken versuchen wir, Ungleichheit quantitativ zu erfassen. Unsere Daten deuten darauf hin, dass soziale Unterschiede bereits im Neolithikum zunahmen – parallel zur Entwicklung von Wert- und Tauschsystemen. Im Grunde versuchen wir herauszufinden, ob sich hier bereits die Grundlagen des kapitalistischen Systems abzeichnen, das wir heute kennen.

Es gibt also einen großen Bezug zu unserer Gegenwart?
Sørensen: Diese Art des Denkens, die wir heute mit dem kapitalistischen System verbinden, ist für uns selbstverständlich geworden – wir hinterfragen sie kaum noch. Aber sie hat irgendwo ihren Anfang genommen. Wir glauben, dass dieser Ursprung im Neolithikum liegt, vor Tausenden von Jahren, gemeinsam mit einer zunehmenden Ungleichheit zwischen Gesellschaften. Die Thematik ist bis heute sehr relevant, denn viele aktuelle Konflikte drehen sich um Rohstoffe und um die Frage, welchen Wert wir ihnen beimessen. Und wie kommt man aus solchen Konflikten heraus? Letztlich ist das eine Frage der Bewertung. Wenn Dinge als wertvoll oder als nicht mehr so wertvoll gelten, kann sich auch das Verhalten der Menschen ändern. Etwa im Zusammenhang mit dem Klimawandel: Wir müssen unsere Gewohnheiten verändern. Der Wert von Dingen, die wir heute als wertvoll bewerten – wie Urlaub, ein zusätzliches Steak essen und so weiter –, ist veränderbar, wenn man seine Einstellung dazu ändert. Wenn sich unsere Vorstellung davon ändert, ob Dinge wertvoll sind oder nicht, kann sich auch unser Verhalten verändern.

 

Auf einen Blick 

From Stone to Home – Polished Stone Tool Biographies and their Social and Economic Impact in the Aegean Neolithic
Leitung: Lasse Sörensen (National Museum of Denmark)
Forschungspartner: Michael Brandl, Österreichisches Archäologisches Institut der ÖAW
Förderung: ERC Consolidator Grant 2023 (GA101125419)
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