Was Arthur Schnitzler wirklich schrieb
02.05.2025
Arthur Schnitzler, geboren 1862 und gestorben 1931, ist einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne. Die Skizzen und Entwürfe zu seinen Werken blieben jedoch jahrzehntelang unveröffentlicht und die Werke selbst lagen bloß in unzuverlässigen Ausgaben vor – was nicht nur für die Forschung zu dem immer noch aktuellen Autor ein Problem darstellt: Immerhin ist Schnitzler Schullektüre und wahrscheinlich noch immer einer der meistgespielten österreichischen Dramatiker. Um diesen Missstand zu beheben, erarbeitet Konstanze Fliedl, Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Präsidentin der Arthur-Schnitzler-Gesellschaft, mit ihrem Team seit inzwischen 15 Jahren historisch-kritische Ausgaben von Schnitzlers Frühwerk. Der neueste Band – „Der einsame Weg“, herausgegeben von Anna Lindner und Isabella Schwentner – ist kürzlich erschienen.
Fehler gängiger Ausgaben berichtigen
„Der einsame Weg“, uraufgeführt 1904, ist ein Drama über Egoismus, Betrug, Sehnsucht und Einsamkeit. Der alternde Maler Julian möchte seiner selbstverschuldeten Einsamkeit entgehen. Deshalb versucht er, seinen illegitimen, einem ahnungslosen Freund untergeschobenen Sohn, für sich zu gewinnen.
Das Stück ist das insgesamt 15. Werk, das von dem Editionsteam unter der Leitung der Germanistin Konstanze Fliedl herausgegeben wurde. Da die gängigen Leseausgaben des Autors aufgrund mehrfacher unsachlicher Korrektur- und Lektoratsvorgänge voller, teilweise sinnentstellender, Fehler sind, startete Fliedl 2010 mit der historisch-kritischen Edition seiner frühen literarischen Werke.
In bisher vier FWF-Projekten wurden Texte wie „Lieutnant Gustl“, „Liebelei“ oder „Reigen“ ediert und als Print-Ausgabe sowie E-Book – mittlerweile open access zugänglich – beim Verlag de Gruyter veröffentlicht. Nun wird in der Abteilung Literatur- und Textwissenschaft am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW auch eine digitale Edition vorbereitet.
Schwer leserliche Handschrift
Neben dem kritisch geprüften Drucktext wird in den historisch-kritischen Ausgaben das gesamte erhaltene Entstehungsmaterial, von der kürzesten Notiz bis zu einer ausgearbeiteten Niederschrift, veröffentlicht. Eines der Probleme dabei: Schnitzler schrieb sehr unleserlich. Die Entzifferbarkeit seiner Handschrift wird durch die Verwendung weicher Bleistifte als Schreibgerät noch zusätzlich erschwert.
„Es dauert einige Monate, bis man seine Schrift wirklich gut lesen kann, und selbst dann gibt es immer noch Zweifelsfälle. Wenn man nicht wirklich geübt ist und viele Texte kennt und vergleichen kann, passieren Fehler", erzählt Fliedl. Bei „Der einsame Weg“ zeugen 800 Handschriften- und Typoskriptseiten von dem mühevollen Schreibprozess.
Dass Schnitzlers Werk, anders als andere wichtige Autoren der Moderne wie Franz Kafka oder Hugo von Hofmannsthal, lange nicht editionsphilologisch aufgearbeitet wurde, liegt nicht nur an der Unleserlichkeit seiner Handschrift. Auch die Nachlasssituation ist sehr kompliziert: Die meisten Werkmanuskripte befinden sich in der Bibliothek der Universität Cambridge, wohin sie unter abenteuerlichen Umständen nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland gerettet worden waren. Andere Nachlassteile wiederum werden im Deutschen Literaturarchiv in Marbach sowie in Exeter, Genf, Jerusalem und an weiteren Orten verwahrt.
Edition nicht nur für Wissenschaftler:innen
„Der einsame Weg“ präsentiert – wie die anderen bisher erschienen historisch-kritischen Bände – alle überlieferten Entstehungsmaterialien, wobei Manuskripte des edierten Werks als Faksimiles in Originalgröße wiedergegeben und von einer diplomatischen Umschrift, für die spezifische Transkriptionsrichtlinien erarbeitet wurden, begleitet werden. Zudem enthält jeder Band einen kritisch geprüften Drucktext, in der Regel nach dem Erstdruck, mit einem Variantenapparat aller Drucke zu Lebzeiten. In einer Vorbemerkung wird die, im Fall des „Einsamen Wegs“ äußerst langwierige, von Neuansätzen und Variationen geprägte, Entstehung des Werkes nachgezeichnet. Damit bietet die historisch-kritische Ausgabe erstmals eine editionsphilologisch fundierte Grundlage für die wissenschaftliche Auseinandersetzung und erlaubt darüber hinaus, neue Facetten an Arthur Schnitzlers Werken kennenzulernen und etwa für Bühnenadaptionen produktiv zu machen.
AUF EINEN BLICK
„Arthur Schnitzler. Der einsame Weg. Historisch-kritische Ausgabe“, herausgegeben von: Anna Lindner und Isabella Schwentner. DeGruyter Brill, 2025 (Open Access). Der neue Band der Reihe der Historisch-kritischen Ausgaben wurde am 9. April in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur mit einer Lesung von Alma Hasun und Alexander Absenger (Theater in der Josefstadt) präsentiert.
