Warum kalte Temperaturen nicht am Klimawandel rütteln
30.01.2026
Minusgrade, eisiger Wind und gefühlt mehr Schnee als sonst: Dieser Winter könnte als „klassisch kalt“ bezeichnet werden. Grund, den Klimawandel anzuzweifeln? Nein, erklärt Klima- und Kryosphärenforscher Georg Kaser. Er forscht an der Universität Innsbruck und ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Wetter und Klima sind nicht dasselbe – und kurzfristige Kältephasen widersprechen der globalen Erwärmung des Systems keineswegs. Welche Rolle großräumige Luftströmungen spielen und was es mit dem oft zitierten Polarwirbel wirklich auf sich hat, erläutert Kaser im Interview.
Was Luftströmungen mit der Kälte zu tun haben
Herr Kaser, derzeit ist es in Österreich sehr kalt. Ein klassischer Winter – wo ist da also bitte der Klimawandel?
Georg Kaser: Kalte Temperaturen sind kein Beweis dafür, dass der Klimawandel nicht existiert. Wir haben es mit einem extrem komplexen System zu tun, in dem Atmosphäre und Wassermassen wie Ozeane – also zwei sogenannte Fluide – miteinander in Wechselwirkung stehen. Die Atmosphäre reagiert sehr schnell auf Veränderungen, Wassermassen verzögert, Eis und Biosphäre noch langsamer. Das führt unter anderem zu wechselhaften Witterungen. Insgesamt nimmt die Energie im System seit Jahrzehnten kontinuierlich zu, sogar beschleunigt. Dass einzelne Winter wieder einmal kälter sind, ändert daran nichts. In Österreich war es diesen Winter zum Beispiel in höheren Lagen und in Westösterreich teilweise überdurchschnittlich warm. Nur im Osten und Südosten war es deutlich kälter. Das hängt mit bestimmten Wetterlagen zusammen, bei denen kalte Luft in Bodennähe liegen bleibt, während es in der Höhe wärmer ist. In Wien wird die Zahl der Frost- und Eistage in diesem Jänner etwas höher liegen als im Durchschnitt der Referenzperiode 1991 bis 2020, aber nicht außergewöhnlich im historischen Vergleich.
In Österreich war es diesen Winter in höheren Lagen und in Westösterreich teilweise überdurchschnittlich warm.
Warum kommt es uns in diesen Tagen so kalt vor?
Kaser: Durch Wind sinkt die gefühlte Temperatur stark. An einzelnen Tagen war es in Wien durch den Wind gefühlt um sechs bis sieben Grad kälter als die gemessene Lufttemperatur.
Wie entstehen solche Kälteperioden meteorologisch?
Kaser: Knapp nach Jahresbeginn hatten wir zuerst eine kalte Luftströmung aus Norden, dann wieder wärmere Luft aus Südwesten, die aber nicht bis in den Osten gereicht hat. Später kam nochmals flache Kaltluft aus Südosten, die vor allem das Wiener Becken betroffen hat.
Langfristig sehen wir aber einen klaren Trend: Die Winter werden im Mittel wärmer und kürzer.
Polarwirbel: Viel zitiert, oft missverstanden
Oft hört man in diesem Zusammenhang vom Polarwirbel. Welche Rolle spielt er wirklich?
Kaser: Der Polarwirbel wird vor allem oft im Zusammenhang mit den Kälte- und Schneeeinbrüchen in den USA genannt. Es handelt sich um ein großräumiges Strömungssystem in großer Höhe, etwa zwischen 15 und 50 Kilometern, also weit über dem Boden. Er existiert im Winter regelmäßig als Höhenostwindsystem über den Polkappen vieler Planeten, nicht nur der Erde. Er hat zunächst einmal nichts direkt mit Bodentemperaturen zu tun. Was allerdings damit zusammenhängt, ist der Jetstream – ein Starkwindband in etwa zehn Kilometern Höhe –, der sozusagen am äußeren unteren Rand dieses Wirbels verläuft. Wenn der Polarwirbel kompakt und intensiv ist, ist auch der Jetstream stark und stabil. Die polare Kaltluft bleibt gefangen. Wenn der Polarwirbel gestört wird, wird der Jetstream schwächer und welliger. Ausbrüche von Warmluft in die Polarregionen und Kaltluftausbrüche in die mittleren Breiten sind die Folge.
Hat der Klimawandel Einfluss auf diese Dynamik?
Kaser: Die Störung des Polarwirbels wird durch vertikale Energiezufuhr vom Boden her verursacht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass diese vertikalen Warmluftzufuhren mit zurückgehendem Meereis, aber auch mit dem sich wärmenden Nordatlantik, zunehmen. Aber die Zusammenhänge sind in vielen Details noch nicht geklärt und Gegenstand intensiver Forschung.
Das aktuelle Wetter ist kein Beweis dafür, dass der Klimawandel nicht existiert.
Zurück zum Winter in Wien – wie kalt ist er, wenn man sich die historischen Daten ansieht?
Kaser: Nicht außergewöhnlich kalt. Ähnliche Jänner gab es etwa 2006 und 2017 mit vergleichbaren Abweichungen vom langjährigen Mittel und ähnlich vielen Frost- und Eistagen. Im dynamischen Klimasystem kommt es immer wieder zu solchen Wintern. Langfristig sehen wir aber einen klaren Trend: Die Winter werden im Mittel wärmer und kürzer, Frost- und Eistage nehmen ab. Einzelne kalte Winter ändern daran nichts. Das aktuelle Wetter ist kein Beweis dafür, dass der Klimawandel nicht existiert. Wir sehen generell eindeutig eine Erwärmung des gesamten Systems.
Auf einen Blick
Georg Kaser ist Klima- und Kyrosphärenforscher an der Universität Innsbruck und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
