UN-Forscherin: „Hitze ist ein stiller Killer“
28.08.2025
Immer häufiger rollen Hitzewellen über Europas Städte und bringen Menschen und ganze Systeme an ihre Grenzen. Auch Wien ist stark betroffen. Doch was können wir dagegen tun und wie kann Schutz gelingen? Damit beschäftigt sich Eleni Myrivili. Sie ist die erste Hitzebeauftragte in Europa.
Am 28. und 29. August wird sie in Wien beim europäischen Teil der weltweiten „Planetary Call“-Konferenzreihe des Vatikans sprechen. Gastgeber der Konferenz ist die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), gestartet wurde die Reihe als letztes Vermächtnis von Papst Franziskus, die Konferenzen sollen auf allen Kontinenten stattfinden. Wien steht stellvertretend für Europa, so wie Nairobi für Afrika oder New York für Nordamerika.
Eleni Myrivili erklärt im Interview, warum Hitze oft unterschätzt wird, welche Maßnahmen sich im Kampf gegen Hitzewellen bewährt haben – und welche Chancen europäische Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel bietet.
Hitze bedroht Gesundheit
Sie sind Europas erste Hitzebeauftragte. Wie kam es dazu?
Eleni Myrivili:Meine Arbeit hat in Athen begonnen, wo ich zuerst stellvertretende Bürgermeisterin war und später die erste Hitzebeauftragte der Stadt wurde. Dort habe ich sehr schnell gelernt, wie gefährlich Hitze sein kann. Sie bedroht nicht nur die Gesundheit der Menschen, sie wirkt sich auch massiv auf unsere Lebensgrundlagen aus: auf Arbeitsplätze, Produktivität, Infrastruktur, Nahrungs- und Wassersicherheit. Als ich damals begann, mit anderen Städten und internationalen Netzwerken zusammenzuarbeiten, stellte ich fest, dass nur sehr wenige Städte Hitze wirklich auf dem Schirm hatten. Ab 2019 habe ich deshalb entschieden, mich voll und ganz diesem Thema zu widmen und wurde schließlich zur UN-Hitzebeauftragten.
Hitzewellen fordern mehr Menschenleben als jedes andere Extremwetterereignis
Was genau machen Sie?
Eleni Myrivili: Meine Aufgabe lässt sich in drei Schwerpunkte gliedern: Erstens geht es darum, Bewusstsein zu schaffen und wissenschaftliche Daten so zu übersetzen, dass sie für Entscheidungsträger:innen, die Bevölkerung und vor allem auch für besonders gefährdete Gruppen verständlich und ansprechend sind. Zweitens müssen wir Menschen und Infrastrukturen schützen, also sicherstellen, dass während Hitzewellen niemand stirbt und Systeme stabil bleiben. Und drittens geht es um Neugestaltung – wir müssen umdenken, wie wir leben und unsere Städte so umbauen, dass sie in den kommenden Jahrzehnten überhaupt noch lebenswert sind.
Was macht Hitze so gefährlich?
Myrivili:Hitzewellen sind deshalb so gefährlich, weil sie bei Weitem mehr Menschenleben fordern als jedes andere Extremwetterereignis – mehr als Überschwemmungen, mehr als Hurrikane, mehr als alles andere. Die Zahlen sind erschreckend. Zugleich ist Hitze ein „stiller Killer“. Man sieht sie nicht, sie geschieht im Verborgenen. Selbst wenn eine große Hitzewelle über eine Stadt hinwegzieht, wissen wir oft erst im Nachhinein – wenn überhaupt –, wie viele Menschen ins Krankenhaus mussten und wie viele gestorben sind. Anders als bei einer Flutkatastrophe sind die Folgen von Hitze schwer zu erkennen, und das macht es für viele Politiker:innen und Entscheidungsträger:innen einfacher, das Problem zu unterschätzen oder zu ignorieren.
Hitze trifft vor allem die Schwächsten.
Betrifft Hitze alle Menschen gleich?
Myrivili:Hitze trifft vor allem die Schwächsten. Ältere und kranke Menschen und Kinder – sie alle sind besonders verletzlich. Auch Frauen sind gefährdeter, nicht nur biologisch, sondern auch sozial, weil sie zum Beispiel als Hauptverantwortliche für Pflege und Familie stärker belastet sind. Arme Menschen sind deshalb besonders betroffen, weil sie meist weder über klimatisierte Räume noch über Schutzmaßnahmen verfügen. Wer reich ist, kann sich zurückziehen und die Klimaanlage einschalten – für die Mehrheit gilt das nicht. Hitze legt bestehende Ungleichheiten schonungslos offen und verschärft sie. Und schließlich hat extreme Hitze auch systemische Auswirkungen. Sie belastet unsere Wasserversorgung, unsere Energiesysteme, unseren Verkehr und unsere Wirtschaft. Die Produktivität sinkt, Ernten brechen ein, ganze Ökosysteme geraten unter Druck. Pflanzen, Tiere, die Landwirtschaft – alles leidet massiv. Wir sehen das bereits in vielen Teilen Europas, wo die Hitzewellen die Lebensmittelproduktion empfindlich stören. Es ist ernst und wir müssen uns damit beschäftigen.
Was Städte gegen Hitze tun können
Wie können sich Städte auf Hitze vorbereiten?
Myrivili:Die wichtigsten Werkzeuge sind Wissen und Natur. Beim Thema Wissen geht es zum Beispiel um Frühwarnsysteme. Wenn Menschen rechtzeitig erfahren, dass sie in Gefahr sind, und klare Informationen bekommen, wie sie sich schützen können, dann müssen wir keine Menschenleben verlieren. Die Menschen könnten dann etwa rechtzeitig schattige und kühle Orte aufsuchen, körperliche Anstrengungen vermeiden, ausreichend Wasser trinken und leichte Kleidung anziehen. Das zweite Werkzeug ist die Natur. Sie ist das beste Mittel, um Temperaturen zu senken und tatsächlich Leben zu retten. Wir haben inzwischen viele Belege dafür: Eine Studie hat zum Beispiel vor etwa eineinhalb Jahren 98 Städte in Europa untersucht und gezeigt, dass sich die hitzebedingte Sterblichkeit um ein Drittel reduzieren lässt, wenn die Baumkronenfläche in einer Stadt um 30 Prozent erhöht wird. Das ist ein starkes Argument für Politiker:innen – weil es den direkten Zusammenhang zwischen Natur, Gesundheit und Überleben aufzeigt. Dieser Zusammenhang sollte uns leiten, wenn wir über die Zukunft unserer Städte sprechen.
Die hitzebedingte Sterblichkeit wird um ein Drittel reduziert, wenn die Baumkronenfläche in einer Stadt um 30 Prozent erhöht wird.
Wo funktioniert der Umgang mit Hitze schon gut?
Myrivili:Es gibt inzwischen sehr viele positive Beispiele auf der ganzen Welt. Und das ist das Großartige: In den letzten drei, vier Jahren haben zahlreiche Städte begonnen, sich ernsthaft auf Hitze vorzubereiten. Viele haben Frühwarnsysteme eingeführt und ihre Gesundheitssysteme gestärkt – etwa indem Kliniken ihre Kapazitäten für Hitzewellen ausbauen. Weniger passiert bislang beim langfristigen Umbau unserer Städte, also beim Begrünen und Abkühlen durch die Umgestaltung von Städten. Denn das ist schwieriger, dauert länger und erfordert große Investitionen sowie entschlossene politische Führung.
Klimawandel ernst nehmen
Gibt es Beispiele?
Myrivili:Singapur hat zum Beispiel über Jahrzehnte hinweg systematisch daran gearbeitet, die Stadt so grün wie möglich zu machen. Dort nutzt die Regierung Wasser, Flüsse und die besondere Geografie, um Windströme und Temperaturunterschiede gezielt einzusetzen, um die Stadt abzukühlen. Auch Medellín in Kolumbien hat ein Netz aus grünen und blauen Korridoren geschaffen – Flussläufe, gesäumt von Grünflächen, aber auch begrünte Fußgängerzonen und Straßen. Dutzende solcher Korridore durchziehen die Stadt, machen sie schattiger, kühler, lebenswerter und fußgängerfreundlicher. Auch in Europa gibt es viele Städte, die ähnliche Maßnahmen setzen: Begrünung, Fußgängerzonen, Radwege, naturbasierte Lösungen. Wien etwa hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert und zahlreiche solcher Infrastrukturen geschaffen. Das zeigt: Hitzeanpassung ist möglich – und Städte können mit den richtigen Strategien lebenswerter und widerstandsfähiger werden.
Politiker:innen müssen den Klimawandel endlich ernst nehmen.
Wenn Sie Europa eine dringende Botschaft mitgeben könnten, welche wäre das?
Myrivili:Ich würde sagen: Politiker:innen müssen den Klimawandel endlich ernst nehmen. Sie spielen mit unseren Leben. Es geht darum, den Einsatz fossiler Brennstoffe drastisch zu reduzieren, Emissionen einzudämmen und gleichzeitig die Bevölkerung vor den extremen Wetterereignissen zu schützen, die wir schon jetzt immer deutlicher spüren. Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent – und wir verlieren bereits viele Menschenleben. Deshalb müssen wir unsere Klima- und Umweltpolitik konsequent umsetzen, Investitionen tätigen und den Worten endlich Taten folgen lassen.
AUF EINEN BLICK
Eleni „Lenio“ Myrivili ist Global Chief Heat Officer für UNEP, UN-Habitat und das Atlantic Council’s Climate Resilience Center sowie Senior Advisor für Resilienz und Anpassung beim Global Covenant of Mayors (GCoM). Sie gilt international als eine der führenden Expertinnen für Hitzebewältigung in Städten und wurde u. a. von Nature (2023) und Politico (2022) als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten ausgezeichnet. Zuvor war sie stellvertretende Bürgermeisterin von Athen für urbane Resilienz und Klimaanpassung, Loeb Fellow an der Harvard University und Perry World House Fellow an der University of Pennsylvania. Myrivili promovierte in Anthropologie an der Columbia University und prägt heute weltweit Strategien zur Klimaresilienz.
