Fragmente des griechischen Mittelalters
11.06.2026
In seiner neuen Sonderschau "Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters" zeigt das Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek griechischsprachige Schriftzeugnisse auf Papyrus, Pergament und Papier vom 4. bis zum 16. Jahrhundert. Die Byzantiner verfassten eine beeindruckende Bandbreite an Texten, von Briefen und Gedichten über theologische Abhandlungen bis zu Gesetzestexten und Urkunden. Die Sammlungen derartiger Schriftstücke in der Nationalbibliothek gelten als einzigartig, die Ausstellung schöpft hier aus dem Vollen: Alle Objekte stammen aus der Papyrussammlung sowie der Sammlung von Handschriften und alten Drucken. Beleuchtet werden in der Schau die Fragen, wie physische Bruchstücke älterer Bücher überlebten, wie Textausschnitte in neue Zusammenhänge gestellt wurden und wie Einzeldokumente uns erlauben, eine komplexe Gesellschaft zu rekonstruieren. Dadurch erkundet die Ausstellung, wie bestimmte Menschen oder Ereignisse in das schriftliche Gedächtnis gelangten und welche wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren ihre Weitergabe beeinflussten.
Der Lebenszyklus von Büchern
Der erste Teil der Ausstellung widmet sich der physischen Fragmentierung von Büchern und anderen Schriftträgern. Allen Texten war gemeinsam, dass sie von Hand aufgeschrieben wurden. Die Wahl der jeweiligen Materialien erfolgte jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Papyrus wurde in der Antike breit für unterschiedliche Zwecke verwendet: für Briefe, Urkunden, aber auch Schulbücher oder Gesetzessammlungen. Im Laufe der frühbyzantinischen Zeit setzte sich Pergament als wichtigster Beschreibstoff durch, bis sich in der mittelbyzantinischen Epoche Papier als günstigerer Stoff etablieren konnte. Der Großteil der vollständig erhaltenen Bücher ist auf einem dieser beiden Materialien geschrieben.
Die Fragmentierung vieler Schriftträger ist ein Ergebnis günstiger oder ungünstiger Überlieferungsbedingungen: Durch das trockene Klima Ägyptens konnten sich spätantike und frühmittelalterliche Papyri in großer Zahl, aber oft nur bruchstückhaft erhalten, während aus anderen Regionen dieser Zeit nur sehr wenige Dokumente überliefert sind. Texte, die nicht in Bücher gebunden wurden, wie Verträge, Briefe oder Schulhefte, gingen außerhalb Ägyptens fast vollständig verloren. Doch auch absichtlich wurden Bücher zu Bruchstücken verarbeitet, denn Bücher, die nicht mehr gelesen wurden, blieben als Werkstoff wertvoll. Von Pergament beispielsweise konnte man die Tinte abkratzen und den Schreibstoff neu benutzen. Auch wurden mitunter alte Bücher zerschnitten und ihr Material für die Bindung neuerer Handschriften verwendet.
Recycling alter Texte
Nicht nur Bücher wurden in Stücke zerteilt, wie der zweite Teil der Ausstellung zeigt. Auch aus langen Texten wurden immer wieder einzelne Abschnitte entnommen, kopiert und für neue Zwecke verwendet. Antike Texte wurden von Philologen kommentiert und in Abhandlungen interpretiert, aus denen später Teile entnommen wurden und als Kommentar an den Rand von Textausgaben gestellt wurden. In Anthologien wurden kurze Texte zusammengestellt, die für besonders nützlich, schön oder erbaulich gehalten wurden. Besondere Bedeutung hatten diese Sammelhandschriften für die Schule und die Liturgie, in denen die enthaltenen Texte immer wieder verwendet und bei Bedarf aktualisiert wurden. Einige kanonische Texte wie die antiken Tragödien oder die Werke einiger Kirchenväter wurden in festen Sammlungen überliefert und haben sich so im Laufe der Jahrhunderte nur wenig verändert.
Einzeldokumente als Fragmente einer Gesellschaft
Der letzte Teil der Ausstellung wendet sich einzelnen Dokumenten zu, die einen konkreten Moment im Leben eines Menschen festhalten. Diese ermöglichen es uns, die großen Geschichtserzählungen aus Chroniken oder historiographischen Werken mit kleinen, individuellen Geschichten zu ergänzen. Manchmal erzählt uns bereits die Unterschrift einer Person etwas über ihren Bildungshintergrund, ihre Herkunft oder Stellung. Noch eloquenter sind Briefe und Urkunden. Dies gilt insbesondere für die Briefe aus dem frühmittelalterlichen Ägypten, die oft alltägliche Angelegenheiten behandeln. Aus späterer Zeit sind keine Originalbriefe überliefert; stattdessen wurden als besonders gelungen empfundene, stärker literarische Briefe in Sammlungen aufgenommen. Erst ab dem 14. Jahrhundert sind wieder Originalbriefe erhalten. Auch Urkunden sind in größerer Zahl aus dem frühmittelalterlichen Ägypten erhalten, wurden später aber in größeren Sammelhandschriften abgeschrieben und so als Rechtstexte aufbewahrt. Diese Dokumente ergänzen und erweitern in entscheidender Weise unser Wissen über die rechtlichen und sozialen Umstände des byzantinischen Lebens.
Auf einen Blick
Die Ausstellung wurde von den Kuratorinnen Krystina Kubina und Giulia Rossetto anlässlich des "25th International Congress of Byzantine Studies” konzipiert, der vom 24. bis 29. August 2026 in Wien stattfindet. Dieser Kongress trägt den Titel „Byzantium Beyond Byzantium” und wird von der Universität Wien in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Auftrag der Association International des Études Byzantines durchgeführt. Rund 1.500 internationale Teilnehmer*innen werden dazu erwartet (www.icbs2026.org).
