Zurück
Angriffskrieg auf die UkraineReligion

Patriarch und Kirche: Putins mächtige Helfer

Im russischen Angriffskrieg auf die Ukraine spielt die orthodoxe Kirche eine besondere Rolle. ÖAW-Mitglied und Soziologin Kristina Stoeckl erklärt die ideologische Allianz von Patriarch und Präsident.

21.08.2025
Die Statue des Hermogenes hält ein orthodoxes Kreuz hoch, dahinter ragt die Spitze des Kremls in die Luft
Der Patriarch Hermogenes von Moskau wacht vor dem Kreml.

Seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine hat sich das Verhältnis zwischen russisch-orthodoxer Kirche und Staat drastisch verändert: Die Kirche hat sich zu einer festen Stütze der russischen Staatsideologie entwickelt. Präsident Putin lässt sich von Patriarch Kyrill unterstützen, religiöser Widerspruch wird unterdrückt, kritische Stimmen wandern ins Exil.

Kristina Stoeckl, Professorin für Soziologie an der Universität Innsbruck, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Expertin für Religion und Politik in Russland, analysiert im Interview die zunehmende Verflechtung von Kirche und Staat. Sie erklärt, wie viel religiöse Unabhängigkeit der russisch-orthodoxen Kirche noch bleibt und warum das Moskauer Patriarchat einen globalen Machtanspruch hat. Deutlich wird dabei eines: Die Religion ist in Russland erneut zu einem entscheidenden politischen Werkzeug geworden.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der russisch-orthodoxen Kirche. Wie hat sich die Rolle der Kirche seit der Sowjetunion verändert?

Kristina Stoeckl: Die russisch-orthodoxe Kirche trat Anfang der 1990er Jahre in das post-sowjetische Russland mit einem offenen Horizont ein. Sie hatte zuvor vier prägende Erfahrungen gemacht: Repression durch die sowjetischen Machthaber, Kollaboration mit dem Regime, Dissidenz – also religiöser Widerstand – und Emigration. Viele Gläubige flüchteten, und in Westeuropa sowie Nordamerika entstand eine Exilorthodoxie, die teils rückwärtsgewandt, zum Teil aber durchaus modern und pluralistisch war. Seit den 1990ern existieren in der russisch-orthodoxen Kirche diese verschiedenen – oft widersprüchliche – Strömungen. Genau diese Spannungen haben mich als Forscherin interessiert, insbesondere im Blick darauf, wie viel Widerspruch Kirche überhaupt aushalten kann und was das für ihr Verhältnis zum Staat bedeutet.

Der Krieg hat alles verändert.

Und wie ist es seit dem Krieg gegen die Ukraine?

Stoeckl: Der Krieg hat alles verändert. Es gibt nun faktisch nur noch ein Modell: Staat und Kirche sind miteinander verbunden. Die Kirche unterstützt den russischen Staat aktiv im Krieg, segnet Soldaten, geht gegen abweichende Priester vor. Und wieder erleben wir Emigration – diesmal auch von Geistlichen.

Westen als gemeinsamer Feind

Inwiefern kann man von einem Pact of the Old Guard sprechen?

Stoeckl:  Ich möchte mit diesem Begriff nicht unterstellen, dass der russische Präsident Wladimir Putin, Patriarch Kyrill I. und Sicherheitsratssekretär Nikolai Patruschew explizit eine Vereinbarung getroffen haben. Der Begriff Pact of the Old Guard beschreibt also kein formales Abkommen, sondern eine ideologische Übereinkunft zwischen drei Männern, die viel gemeinsam haben. Sie gehören alle einer Generation an, die im KGB-Umfeld sozialisiert wurde. In ihrem Staatsverständnis funktioniert ein Staat ohne eine starke Ideologie nicht – früher war das Marxismus-Leninismus, heute ist es der Konservatismus. Sie sind alle der Ansicht, dass Russland zur eigenen Größe einen Feind braucht, das ist der liberale, demokratische Westen.

Das ist ein Russland traditioneller Werte: kinderreiche Familien, starke Männer, „schwache“ Frauen.

Und wie sieht die Ideologie aus?

Stoeckl: Das ist ein Russland traditioneller Werte: kinderreiche Familien, starke Männer, „schwache“ Frauen. Demografisch trifft das praktisch nicht zu, politisch ist das jedoch wirksam, weil die Ideologie ein klares Feindbild schafft: Wir gegen den Westen, gegen Homosexualität, Frauenrechte, Humanismus. Und für die Pflicht, russische Herzländer wie die Ukraine wieder zurückzubringen.

Wie ist das alles rechtlich abgesichert?

Stoeckl:Die russische Verfassung ist formal säkular, mit Trennung von Kirche und Staat. Erst 2020 wurde die Kirche in der Verfassung prominenter erwähnt – allerdings ohne die Trennung aufzuheben. Doch schon seit den 2000ern wurden etliche Gesetze verabschiedet, die den Staat und die Kirche miteinander verschweißen: Der Schutz religiöser Gefühle, das Verbot von Schimpfwörtern, die Einschränkung „ausländischer Agenten“ und von LGBT-Aktivitäten und die Abtreibungsgesetzgebung. Rückblickend wirkt das wie eine systematische Vorbereitung auf den heutigen Zustand.

Religion in Russlands Bevölkerung

Und wie religiös ist die Bevölkerung?

Stoeckl: Die Gesellschaft war post-sowjetisch stark säkularisiert – nicht nur formell, sondern im Alltag. Religiöse Rituale spielten kaum eine Rolle. Noch 1991 identifizierten sich 60–70 Prozent als atheistisch, nur 20 Prozent als religiös. In den 2000ern kehrte sich das um, und heute geben bis zu 80 Prozent an, orthodox zu sein. Doch regelmäßige Kirchenbesuche bleiben bei rund 8–9 Prozent. 

Was bedeutet das praktisch für Staat und Bevölkerung?

Stoeckl: Für den Staat soll die Kirche stabilisierend wirken: weniger Abtreibungen, stabilere Familien, mehr Kinder. Die Realität schaut freilich anders aus: Scheidungsraten bleiben hoch, Demografie bleibt prekär – durch den Krieg verschärft. Die gesellschaftliche Zustimmung für Putin liegt laut Umfragen bei über 50 Prozent. Viele sind überzeugt, der Staat brauche eine Ideologie und einen Feind. Proteste gegen den Krieg kamen vor allem von jungen, urbanen Gruppen – von ihnen sind viele mittlerweile ausgewandert oder verstummt, einige auch verurteilt worden. Die Soldaten kommen aus Provinzen, sehen den Krieg eher als finanzielles Mittel denn als Mission.

Unheilige Allianz

Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie für Kirche und Staat?

Stoeckl:  Die Kirche steht vor großen Herausforderungen. Patriarch Kyrill hat eine Kirche geschaffen, die völlig von oben nach unten durchstrukturiert ist, er kann staatliche Autoritäten dazu bringen, Priester zu verhaften, wenn sie sich nicht an die Sieges-Gebete halten, das er ausgegeben hat. Also de facto sind wir wieder in einer Situation der staatlichen Sowjet-Repression der Kirche. Auf gewisse Art und Weise würde ich sagen, es ist sogar schlimmer. Die Kirche hat keine geistig-ideologische Unabhängigkeit mehr, da der Staat inzwischen ja dieselben „traditionellen Werte“ vertritt, die der Patriarch predigt.

Welche Szenarien sind denkbar?

Stoeckl: Ich sehe zwei Möglichkeiten: Es kommt ein Patriarch, der Kyrills Linie fortsetzt oder verstärkt. Oder es kommt zu einer apolitischen Wende innerhalb der Kirche, also einer Abkehr der Kirche von der Politik und Rückzug von gesellschaftspolitischen und sozialethischen Themen auf reine Spiritualität und Liturgie.

Ist ein demokratischer Wandel der Kirche vorstellbar?

Stoeckl: Leider kaum. Es gibt mutige, kritische Priester – aber sie sind eine winzige Minderheit, oft im Exil. Damit fehlt ihnen jeder strukturelle Rückhalt.

Politische Expansion in Afrika

Und global – welche Rolle spielt das Moskauer Patriarchat?

Stoeckl: Auch global formiert sich Widerstand gegen Moskau. Es gibt Rivalität zwischen dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und Moskau. Moskau hat mehr finanzielle Mittel, zum Beispiel in Afrika, wo man Gemeinden des Patriarchats von Alexandria abwirbt – teils mit finanzieller und militärischer Hilfe. Das ist weniger Mission als politische Expansion.

Kann man sagen, Religion wird geopolitisch instrumentalisiert?

Stoeckl: Ja. Es sind keine klassischen Missionen, sondern es ist eine kirchliche Expansion im Gefolge geostrategischer Ziele. Selbst in Westeuropa und den USA konvertieren zum Beispiel radikale Rechte zur russisch‑orthodoxen Kirche – und suchen darin ihre ideologische Heimat.

Soll Orthodoxie dialogfähig und anschlussfähig an die Demokratie sein oder antimodern radikal?

Was bedeutet das für das Selbstbild der gesamten Orthodoxie?

Stoeckl: Es besteht ein Spannungsfeld: Soll Orthodoxie dialogfähig und anschlussfähig an die Demokratie sein oder antimodern radikal? Die russisch-orthodoxe Kirche kippt derzeit in Richtung Letzteres – und prägt damit die globale Orthodoxie auf lange Sicht.

 

Auf einen Blick

Kristina Stoeckl ist Professorin für Soziologie an der Luiss Rom und Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie ist START-Preisträgerin des Wissenschaftsfonds FWF und Preisträgerin eines Starting Grant des European Research Council (ERC).

Gemeinsam mit Dmitry Uzlaner hat sie im Dezember 2022 das Buch „The Moralist International: Russia in the Global Culture Wars“ (Fordham University Press, 2022) veröffentlicht, das in der e-Version kostenlos heruntergeladen werden kann. Die Forschung für dieses Projekt wurde vom ERC gefördert.

Sie ist Koautorin (mit Phillip Ayoub) von „The Global Fight Against LGBTI Rights: How Transnational Conservative Networks Target Sexual and Gender Minorities“ (New York University Press), das im Juni 2024 erschienen ist.

Kürzlich hat sie folgenden Beitrag verfasst: „Religion, Law and Politics for a Russia at War“