




Wenn die Pasterze ihren Platz als größter Gletscher Österreichs an den Gepatschferner im Tiroler Kaunertal abgibt, endet nicht nur eine Ära. Der künftige Spitzenreiter ist zugleich eines der bedeutendsten Freiluftlabore der heimischen Klimaforschung: Eisbohrkerne und Messreihen liefern dort einzigartige Einblicke in die Klima- und Menschheitsgeschichte. Im Interview erklärt Glaziologin Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), was der rasante Gletscherschwund für die Alpen bedeutet – und warum mit dem Eis auch ein unersetzliches Klimaarchiv verloren geht.
Die Pasterze wird diesen Sommer offiziell ihren Titel als größter Gletscher Österreichs verlieren. Seit wann weiß man um ihren unaufhaltsamen Schwund?
Andrea Fischer: Eigentlich seit den 1990er-Jahren. Damals wurden an der Pasterze Eisdickenmessungen durchgeführt, die gezeigt haben, dass die Verbindung zwischen dem Zungenende, dem sogenannten Pasterzenkees, und dem höher gelegenen Plateau sehr dünnes Eis aufweist. Die Zunge hatte damals noch fast 300 Meter Mächtigkeit, aber aufgrund der hohen Schmelzraten von 15 Meter pro Jahr war klar, dass sie ausdünnen wird. Dazu kommt ein ungünstiges geometrisches Verhältnis zwischen der breiten Zunge unten und dem ehemaligen Nährgebiet weiter oben. Damit war absehbar, dass die Pasterze am Fuße des Großglockners eines Tages vom Gepatschferner im Tiroler Kaunertal überholt werden würde. Die Längenmessungen des Österreichischen Alpenvereins haben am Eis der Pasterze zuletzt extreme Rückgänge gezeigt.
Die Längenmessungen des Österreichischen Alpenvereins haben am Eis der Pasterze zuletzt extreme Rückgänge gezeigt.
Welche Folgen hat das Abbrechen der Gletscherzunge für die Region?
Fischer: Dieser Prozess läuft ja schon seit Jahrzehnten. Die Eismasse, die in die Zunge hineinfließt, ist kontinuierlich kleiner geworden und sinkt nun gegen null. Was kontinuierlich zunimmt, ist der Sedimenttransport Richtung Pasterze sowie die Bildung von Seen am ehemaligen Pasterzenende. Der Sandersee ist bereits sehr groß geworden, es bilden sich noch zwei weitere – einen davon sieht man schon. Für den Unterlauf ist das glaziale Feinsediment ein Thema, auch für die Nutzung des Wassers durch Kraftwerke. Das wird sich aber verbessern, je mehr eisfreie Seefläche es dort gibt. Seen sind natürliche Sedimentspeicher, in denen ein Teil des glazialen Sediments, das mit dem Schmelzwasser transportiert wird, abgelagert werden wird.
Das klimawandelbedingte Schmelzen betrifft alle Alpengletscher. Inwiefern geht es dem Gepatschferner besser?
Fischer: Grundsätzlich befinden sich alle in der gleichen misslichen Situation. Sowohl auf der Pasterze als auch am Gepatschferner gibt es kaum noch Akkumulationsgebiete, wo sich Eis neu bilden kann. Der Unterschied: An der Pasterze liegen die großen Eismassen unten in der Zunge. Am Gepatschferner liegen sie oben auf einem riesigen, weitgehend unberührten Plateau, in einem Gelände ohne nennenswerte Infrastruktur. Dort hatten wir noch vor zehn Jahren fast 200 Meter Eis. Mittlerweile betragen die Schmelzraten dort etwa drei Meter pro Jahr. Das macht den Gepatschferner zu einem der Gletscher, der diese Wärmeperiode wahrscheinlich am längsten überdauern wird. Aber: Bis Mitte dieses Jahrhunderts, also um 2050, werden fast alle Gletscher sehr weit zurückgegangen sein. Man rechnet damit, dass nur mehr zwischen zehn und zwanzig Prozent der heutigen Fläche vorhanden sein werden. Es wird aussehen wie heute in den Pyrenäen: kleine Gletscher im Schatten, wo Lawinen Schnee einbringen. Ein völlig anderes Landschaftsbild als heute.
2050 wird es in den Ostalpen aussehen wie heute in den Pyrenäen: kleine Gletscher im Schatten, wo Lawinen Schnee einbringen. Ein völlig anderes Landschaftsbild als heute.
Der Gepatschferner ist einer der bestuntersuchten Gletscher weltweit. Wie lange forscht die ÖAW bereits dort?
Fischer: Seit rund zehn Jahren intensiv, aufbauend auf den grundlegenden Arbeiten von Gernot Patzelt, korrespondierendem Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, der gemeinsam mit seinem Institut und Kollegen das glaziologische Fundament gelegt hat. Der Gepatschferner ist der Ort, an dem der erste Eisbohrkern Österreichs erbohrt wurde. Die Kerne reichen bis zu 6.000 Jahre zurück und machen die Klima- und Menschheitsgeschichte direkt lesbar. Seit 2017 betreiben wir auf der Weißseespitze, einem Berg an der Südwestecke des Gepatschferners, die höchstgelegene Wetterstation Österreichs. Sie zeichnet neben meteorologischen Daten auch die Eistemperaturen auf – einer der wenigen solcher Records in Österreich überhaupt. Der Gipfel selbst wird in wenigen Jahren vollkommen eisfrei sein – so wie beim Großglockner, wo inzwischen ein Aufstieg ohne jede Eisberührung möglich ist.
Das Eis ist tatsächlich ein unersetzliches Klimaarchiv.
Mit dem Gletschersterben geht auch ein Archiv der Klimageschichte verloren.
Fischer: Das Eis ist tatsächlich ein unersetzliches Klimaarchiv. Neben Moor- und Seebohrkernen zeigen Eisbohrkerne wie sich Biodiversität und Klimasystem verändert haben. Auf der Weißseespitze auf 3.500 Metern befinden wir uns an der Oberfläche mittlerweile bei einer Eisschicht, die 300 Jahre alt ist – so viel ist bereits abgeschmolzen. Von den 2017 vorhandenen elf Metern Eis sind nur noch fünf übrig.
An jedem Schmelztag ohne Schneebedeckung gehen rund 15 Zentimeter Eis verloren.
Es ist auch grundsätzlich herausfordernd, lokale Klimasysteme zu erforschen: wie sich etwa die Schneelage am Alpenhauptkamm in Abhängigkeit von globalen Zirkulationsmustern verändert. Dafür sind sogenannte Proxydaten aus Baumringen, Tropfsteinen und Seebohrkerne enorm wichtig. Je länger diese Zeitreihen zurückreichen, desto besser können wir abschätzen, wie stark sich Dinge wie die Schneelage künftig verändern werden.
Dieser Juni hat bereits eine Hitzewelle gebracht. Beschleunigt die extreme Hitze die Gletscherschmelze?
Fischer: Für Gletscher spielen einzelne Extremtage nicht die entscheidende Rolle. Ob es statt 37 Grad plötzlich 40 Grad hat, macht kaum einen Unterschied. Was den Gletschern wirklich zusetzt, sind die Mitteltemperaturen über den gesamten Sommer, also dass jeder Tag warm ist. An jedem Schmelztag ohne Schneebedeckung gehen rund 15 Zentimeter Eis verloren. Und die Schmelzsaison hat sich massiv verlängert: Vor 20 Jahren war die Eisschmelze im Hochgebirge hauptsächlich auf Juli und August beschränkt, heute läuft sie teilweise von Mai bis November. Diese Verlängerung der Schmelzsaison ist es, die den Eismassen so zusetzt – und die auch den Permafrost auftaut.
Welche Folgen hat das?
Fischer: Jedes Subsystem hat seine eigenen Verwundbarkeiten: der Mensch, die Vegetation, der Gletscher, der Permafrost. Wir sind nun in einer Situation, wo wir viele dieser wunden Punkte gleichzeitig berühren. Ein Beispiel: Starkniederschläge fallen auf frisch eisfreies Terrain und gehen als Muren auch auf die Straßen ab – und Mobilität ist dann eine der menschlichen Verwundbarkeiten, die uns konkret trifft.
Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie Vizedirektorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forscht unter anderem zum Gletscher Jamtalferner. Sie ist zudem wirkliches Mitglied der ÖAW und wurde vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur Wissenschaftlerin des Jahres 2023 gewählt.
