ÖAW-Forschende entwickelten Web-App zu Schicksalen in Wiener Psychiatrie nach 1945
12.05.2026
Annemarie B. kam im Juni 1945 auf die Psychiatrie. Die 45-jährige Beamtin war depressiv. Als Widerstandskämpferin war sie von der Gestapo gefoltert und zum Tode verurteilt worden. Das Kriegsende verhinderte ihre Hinrichtung. Am meisten zu schaffen machte ihr der Verrat durch eine enge Freundin.
Die 18-jährige Elfriede L. kam im Oktober 1946 mit der Diagnose „menstruelles Irresein“ auf die Psychiatrie. Sie selbst bezeichnete sich als „Idealistin“, die dem NS-Regime positiv gegenübergestanden war. Jetzt hatte sie Angst vor den Besatzungsmächten.
Josef T. war ab 1940 Soldat in der Wehrmacht, erlitt 1944 eine schwere Kopfverletzung und kam erst im Herbst 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück. Der Grund seiner Einweisung war ein Selbstmordversuch.
Kriegserfahrungen oft der Auslöser für eine psychische Erkrankung
Diese drei Beispiele stehen exemplarisch für tausende Krankengeschichten aus der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie nach 1945, die im Projekt „Wien. Krankensaal 1945“ am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter der Projektleitung von Johannes Feichtinger untersucht werden.
Initiatorin Katja Geiger-Seirafi beschreibt den Ausgangspunkt der Forschung so: „Die Idee ist aus einem Vorgängerprojekt entstanden, in dem es um das Schicksal von Geflüchteten in der Wiener Psychiatrie nach Kriegsende 1945 ging. Dabei ist uns aufgefallen, dass dieser Bestand von großem historischem Interesse ist, weil er so viele unterschiedliche Personengruppen vereint.“
Tatsächlich trafen in den Krankensälen sehr heterogene Lebensrealitäten aufeinander: „Ausgebombte“, Kriegsheimkehrer, Angehörige von Gefallenen, jüdische Überlebende, Widerstandskämpfer:innen, vergewaltigte Frauen, Geflüchtete, aber auch ehemalige Nationalsozialist:innen nach Suizidversuchen. Geiger-Seirafi betont: „Es waren Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, deren Kriegserfahrungen oft der Auslöser für eine psychische Erkrankung waren.“
700 Krankengeschichten aufgearbeitet
Sie hebt die Dimension des Quellenmaterials hervor: „Wir haben weit mehr als 7.000 Krankengeschichten durchgesehen und über 700 davon gescannt und aufgearbeitet.“ Gleichzeitig blieben viele Fragen offen: „Wir können nicht im Detail rekonstruieren, ob Menschen tatsächlich miteinander gesprochen haben oder wie diese Begegnungen verlaufen sind. Genau deshalb ist die künstlerische Vermittlung wichtig geworden.“
Deswegen entstand eine Stückfassung von Autorin Eva Schörkhuber. Am 13. Mai folgt zudem eine szenische Lesung, für welche ausgewählte Krankengeschichten von Dramaturgin Julia Jost collagiert wurden. Es lesen Burgtheaterschauspieler:innen Maresi Riegner und Thiemo Strutzenberger.
Web-App macht Lebensgeschichten zugänglich
Zusätzlich soll eine Web-Applikation einem breiten Publikum Einblicke in die historische Forschung und in die Schicksale der Patient:innen ermöglichen. Ina Markova, ebenfalls im Projekt tätige ÖAW-Wissenschaftlerin, erwähnt die Verbindung von Forschung und Öffentlichkeit: „Es gibt einerseits die sehr fundierte wissenschaftliche Basis, andererseits die Vermittlungsschiene. Beide sollen sich gegenseitig ergänzen und unterschiedliche Zugänge ermöglichen.“
Ein zentrales Ergebnis der Forschung ist die Perspektive auf die Psychiatrie als soziales Abbild der Nachkriegszeit. Markova betont: „In den Krankensälen sind sowohl Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen in der NS-Zeit – Opfer und Täter:innen – sowie Personen sehr diverser sozialer Herkunft aufeinandergetroffen. Das macht diese Einrichtung zu einem Mikrokosmos der österreichischen Gesellschaft nach 1945.“
