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FilmkritikHomer-Adaption

„Nicht für uns gemacht“: Homer-Experten über Christopher Nolans „Odyssey“

Christopher Nolans „The Odyssey“ sorgt seit ihrem Kinostart für Gesprächsstoff. Zuletzt hat die vernichtende Kritik der Altphilologin Emily Wilson, an deren „Odyssee“-Übersetzung Nolan sich orientiert haben soll, Schlagzeilen gemacht. Wir haben bei den Klassischen Philologen und ÖAW-Mitgliedern Georg Danek und Stefan Hagel nachgefragt, wie sie zur Neuverfilmung des antiken Stoffs stehen (Achtung, Spoiler).

04.08.2026
Odysseus und der Kyklop Polyphem (Jacob Jordaens, 1635)
© Wikicommons

„Wir sind nicht die primäre Zielgruppe dieses Films.“ Da sind sich die beiden Experten Georg Danek und Stefan Hagel einig. Christopher Nolans „The Odyssey“ sei nicht für Homer-Kenner gemacht, denn: „Wenn man die ‚Odyssee‘ Wort für Wort im Kopf hat, ärgert man sich alle fünf Minuten und denkt: Da wurde eine Chance verpasst,“ so Georg Danek, der schon in einem Interview mit Der Standard über den Film gesprochen hat.

Da wurde eine Chance verpasst.

Aber selbst Laien, die die Sagen des Odysseus nur aus Nacherzählungen kennen, dürften von der filmischen Umsetzung seiner größten Heldentaten enttäuscht sein. Die Sequenz mit dem Kyklopen Polyphem, laut Danek „die spannendste Episode in der Odyssee, die auch am präzisesten ausgearbeitet ist und alles an Pointe, Witz und Raffinesse enthält“, kommt ohne die berühmte Täuschung aus. „Kein Trick mit dem ‚Niemand‘ und die Flucht aus der Höhle ist auch völlig abgeplattet. Vermutlich war die Lösung, am Bauch der Schafe zu entkommen realistisch nicht darstellbar. So kriechen sie eben auf allen Vieren aus der Höhle.“ 

Die Frauenfiguren der Odyssee

Emily Wilson, die Odyssee-Übersetzerin, deren Kritik in der London Review of Books Wellen geschlagen hat, nennt Nolans Skript und Dialoge platt. Die ÖAW-Experten sehen ähnliche Mängel. Stefan Hagel: „Die Charakterführung war nicht überzeugend, die Figuren sind nicht sehr tief geworden, die moralischen Aufkleber waren sehr plakativ.“ Uneinig sind sich die Experten aber bei zumindest einer Szene: „Das Gespräch von Odysseus und Penelope am Abend vor dem Freiermord zieht sich in Homers ‚Odyssee‘ über mindestens dreißig Minuten Erzählzeit. Die psychologische Annäherung, die da im Text stattfindet, ist im Film überhaupt nicht zu spüren“, so Georg Danek. Für Stefan Hagel ist diese Szene dagegen gelungen: „Odysseus spricht von sich in der dritten Person, bis Penelope völlig klar sein muss, wer er ist, aber es wird nicht ausgesprochen. Ich denke, viel mehr kann man im Film wahrscheinlich nicht machen.“

Auch wenn Georg Danek die Darstellung von Penelope durch Anne Hathaway lobt, schätzt er ihre Rolle als weniger plotrelevant ein als im Homerischen Epos: „Es wird viel weniger herausgearbeitet, dass sie wirklich eine starke Frau ist, die alles tut, was im begrenzten Rahmen ihrer Macht steht, um zu verzögern.“ Emily Wilson kritisiert die Umsetzung von Nolans Frauenfiguren ebenfalls. In einem aktuellen LBR-Podcastinterview meint sie, Nolan habe allgemein kein Interesse an Frauenfiguren, die eigenständig denken, weswegen auch eine der spannendsten Frauen aus der Verfilmung entfernt wurde, die Königstochter Nausikaa.

Eine Welt ohne Götter?

Die Rolle der Athene sei laut Georg Danek „relativ eng an die der Odyssee angelehnt. Sie erscheint Odysseus mehrmals in der Funktion einer Ratgeberin, teilweise nur um ihn zu bestärken. Im Film hatte ich den Eindruck, dass sie nur so etwas wie eine innere Stimme des Odysseus vertreten soll. Die Rolle war dabei aber so blass wie die Farbe ihres Gewands, nämlich ein leichtes schmutziges Weiß. Wenn bei Homer Göttergewand erwähnt wird, dann heißt es ausdrücklich ‚buntfarbig‘.“

Im Übrigen zündet man eine Stadt auch nicht an, solange man noch nicht mit der Eroberung fertig ist.

Stefan Hagel stellt im Gespräch in den Raum, ob Athene am Ende des Films nicht als Odysseus‘ abgespaltenes Kriegstrauma enthüllt wird, geboren aus der Priesterin, deren Ermordung vor der Statue der Göttin er mitansieht – und die Eingeweihte offenbar an die Figur der Seherin Kassandra erinnern soll. Stefan Hagel: „Allgemein wird den Frauen links und rechts die Kehle durchgeschnitten, was nicht sehr antik ist.“ Denn: „In der Ilias wird der Kriegszweck auf zwei Verse komprimiert: Die Männer werden getötet, die Frauen und Kinder werden versklavt und die Stadt abgebrannt,“ so Georg Danek. „Im Übrigen würde ich sagen, zündet man eine Stadt auch nicht an, solange man noch nicht mit der Eroberung fertig ist.“

Odysseus scheint im Lauf seiner Irrfahrten den Glauben an die Götter zu verlieren. Auch die Nymphe Kalypso wird in Nolans Version zu einer scheinbar sterblichen Frau, die Odysseus sieben Jahre lang durch die berauschende Wirkung der Lotusblüte von der Heimkehr abhält. Auf die Frage, ob sie eine Göttin sei, gibt sie keine eindeutige Antwort, bietet ihm letztendlich aber doch die Unsterblichkeit an. Laut Georg Danek könnte man das als Metapher ihrer unsterblichen Liebe interpretieren – was dazu führt, dass das Thema der Odyssee verfehlt wird. „Es geht tatsächlich um eine bewusste Willensentscheidung: Ich lehne die Unsterblichkeit ab und begebe mich zurück ins Leben.“

Die Episode funktioniert also, nur ohne Sex.

Ein paar positive Episoden sehen die Experten dennoch, z.B. die Szenen mit der Zauberin Kirke, die weniger einer griechischen Göttin als einer frühneuzeitlichen Hexe nachempfunden zu sein scheint. „Diese Episode fand ich vielleicht am gelungensten. Nicht nur ‚korrigiert‘ Nolan hier die frauenfeindliche Geschichte in einer überraschenden eigenständigen Version, sondern es ist wirklich der einzige Fall, wo Odysseus auch mit seinem eigentlichen Talent der Überzeugung arbeitet,“ sagt Stefan Hagel. Georg Danek ergänzt: “Auch die Tatsache, dass Odysseus von selbst verstanden hat, dass seine Männer in Schweine verwandelt wurden, hat für mich gut funktioniert. In der Odyssee braucht es Hermes dazu, der Odysseus aufklärt. Die Episode funktioniert also, nur ohne Sex.“

Für wen ist dieser Film also gemacht? „Für Amerikaner:innen, wahrscheinlich speziell für Amerikaner,“ schlussfolgert Stefan Hagel. Schließlich segeln Odysseus und Penelope am Ende des Films in Richtung „unbekannter Westen“. Ob es sich dabei um eine Anspielung auf eine Entdeckung oder gar ‚Zivilisierung‘ Amerikas handelt, bleibt offen.

 

Auf einen Blick 

Georg Danek ist Klassischer Philologe und ÖAW-Mitglied. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf Homer und dem Südslawischen Heldenlied.

Stefan Hagel ist Klassischer Philologe, ÖAW-Mitglied und forscht unter anderem zu antiken Musikinstrumenten am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.