Neue Datenbank gibt Opfern von NS-Experimenten ihre Namen zurück
05.11.2025
Ende 2025 wurden die sterblichen Überreste der Opfer der „Kindereuthanasie“ aus der Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund am Wiener Zentralfriedhof bestattet. Bis vor Kurzem befanden sich Präparate in den Beständen der Medizinischen Universität Wien, sowie des Naturhistorischen Museums Wien. Die Beisetzung stelle "einen weiteren Schritt in der historischen Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der österreichischen Zeitgeschichte dar", erklärte das Innenministerium in einer Aussendung. Mit dieser Geschichte – und der Entmenschlichung von Betroffenen, setzt sich auch die Wissenschaft bis heute auseinander.
Ein neues Projekt von Max-Planck-Gesellschaft und Leopoldina will dazu beitragen, dieser Entmenschlichung entgegen zu wirken, indem es rund 30.000 Profile von Opfern unethischer Forschungen in der NS-Zeit in den Mittelpunkt rückt. Darin findet sich auch ein Institutionen-Eintrag zur Klinik „Am Spiegelgrund“, sowie die Namen und Lebensdaten von zahlreichen Opfern der „Kindereuthanasie“.
Meta Bärwolf liebte die Musik. In Thüringen unterrichtete sie als junge Frau Klavier und Violine. Auch als sie krank wurde und 1929 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Hildburghausen eingewiesen wurde, blieb die Musik unter den widrigen Umständen ihres neuen Alltags ihr Halt. Regelmäßig spielte sie Klavier – für sich selbst und für die anderen Patient:innen. Immer dann, wenn sie gerade nicht die monotone und belastende Arbeit in der Nähstube der Anstalt verrichten musste, unter Disziplinierungsmaßnahmen litt oder sediert und isoliert wurde. In Briefen an den Direktor der Anstalt und ihre ehemaligen Schüler:innen bat sie um ihre Entlassung, sie schrieb davon, dass es ihr viel besser gehe und von ihrer Sehnsucht, wieder Lehrerin sein und zu ihrem alten Leben zurückkehren zu können.
Doch sie kam nie mehr frei: 16 Jahre lang sollte man sie festhalten und Elektroschockbehandlungen unterziehen, bis sie 1943 im Alter von 68 Jahren in der Anstalt starb. Vor ihrem Tod hat sie die Medikamente Luminal und Skopolamin bekommen, beides Mittel, die im Nationalsozialismus genutzt wurden, um gezielt Anstaltspatient:innen zu töten. Nach dem Tod Meta Bärwolfs wurden am Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie in München Gewebeproben ihres Gehirns zu Forschungszwecken aufbereitet. Noch Mitte der 1950er-Jahre wurden die daraus hervorgegangenen Präparate in der Dokumentation der dortigen Sammlung erwähnt; ihr weiterer Verbleib lässt sich jedoch nicht mehr nachvollziehen. Heute gelten sie als verschollen.
Meta Bärwolf ist somit ein Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen. Jahrzehntelang blieb sie namenlos in den Akten verzeichnet, eine von hunderttausenden kranken Menschen und Menschen mit Behinderungen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden.
Rund 30.000 Opfer sichtbar gemacht
Heute ist Meta Bärwolfs Name und ihre Geschichte in einer neuen Datenbank dokumentiert. Sie macht die Schicksale von insgesamt mehr als 30.000 Menschen sichtbar, die Opfer unethischer medizinischer Forschungen im Nationalsozialismus wurden, von Experimenten in Konzentrationslagern über psychiatrische Einrichtungen bis zur Verwendung ihrer Leichname für anatomische Studien. Hinter der Datenbank steckt ein internationales Forschungsprojekt, finanziert von der deutschen Max-Planck-Gesellschaft und unter Beteiligung der Leopoldina.
„Das Wichtigste ist, den Betroffenen und Opfern von diesen unethischen Forschungen die Würde als Individuen und als historische Subjekte zurückzugeben, indem man ihre Identität ermittelt und die Lebensgeschichten rekonstruiert“, sagt Lisa Gottschall, Kultur- und Sozialanthropologin und Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften (IKW) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie war im Projekt unter anderem für die Wissenschaftskommunikation verantwortlich.
Namen statt Anonymität
Die Datenbank geht auf jahrzehntelange Recherchen des Medizinhistorikers Paul Weindling und seinem Forschungsteam an der Oxford Brookes University zurück. Ergänzt wurden rund 1.900 weitere Opferprofile aus einem Forschungsprojekt zur NS-Hirnforschung an Instituten der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (der heutigen Max-Planck-Gesellschaft), das von Weindling, Herwig Czech (Medizinische Universität Wien), Philipp Rauh (Technische Universität München, als Nachfolger des verstorbenen Gerrit Hohendorf) sowie Volker Roelcke (Universität Gießen) geleitet und in Kooperation mit Patricia Heberer Rice (United States Holocaust Memorial Museum) durchgeführt wurde.
„Noch bis in die 1960er wurde mit Gehirnpräparaten von Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet wurden, in Forschung und Lehre gearbeitet. Anschließend wurde ihre Existenz totgeschwiegen“, betont Gottschall. Nach neuerlichen Funden solcher Gehirngewebeproben im Jahr 2015 wurde das Forschungsprojekt initiiert und im Jahr 2017 gestartet.
„Über Jahrzehnte war die Zahl und die Identität der Opfer kaum oder nur sehr unvollständig bekannt“, sagt Gottschall. Mit der Datenbank könnten nun auch Angehörige nach Familienmitgliedern suchen und deren Schicksale nachvollziehen. Wichtig sei das Projekt zudem für die historische Forschung: „Die Datensätze sollen Grundlage für weitere Studien und Analysen sein. Und mit einem pädagogischen Konzept könnten sie auch in Schulen oder Gedenkstätten genutzt werden.“
Zwischen Wissenschaft und Ethik
Während der Projektarbeit sind immer wieder ethische Fragen aufgetaucht. Die Datenbank enthält sensible medizinische Informationen und oft blieb nur die Täter:innen-Sicht aus Krankenakten. Deshalb haben die Forschenden vieles kritisch kontextualisiert und ein zweistufiges Modell für den Zugang zur Datenbank entwickelt: Basisdaten sind öffentlich abrufbar, vertiefende Informationen erhalten Angehörige, Forschende oder Journalist:innen auf Antrag. Auch bei Fotos musste das Team abwägen. „Wir wollen keine Bilder zeigen, die die Opfer in entwürdigenden Situationen darstellen. Aber Fotos können entscheidend sein, um Menschen aus der Anonymität zu holen. Jede Entscheidung muss deshalb sorgfältig getroffen werden“, so Gottschall.
Die Abschlussphase des gesamten Projekts läuft bis 2026. Geplant sind Gedenkbände mit Lebensgeschichten sowie die würdige Bestattung noch vorhandener Präparate in München. Die Datenbank soll darüber hinaus ein dauerhaftes Referenzwerk für Forschung, Bildung und Erinnerung bleiben. „Die Datenbank ist kein abgeschlossenes Werk und kann nie vollständig sein“, sagt Gottschall. „Aber sie schafft einen Ort der Aufklärung, des Gedenkens und der Grundlage für weitere Forschung. Das Wichtigste bleibt: Die Datenbank macht Opfer und Betroffene sichtbar, die bisher anonym waren oder einfach vergessen worden sind.“
