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RaumfahrtMondforschung

Mondmission im Check: Große Pläne, offene Fragen

Mit Artemis will die NASA wieder Menschen zum Mond bringen. Geowissenschafter Christian Köberl erklärt, warum die Mission wissenschaftlich wichtig ist – und warum er skeptisch bleibt.

04.02.2026
Der Artemis I Testflug am 16. November 2022
© NASA/Keegan Barber

Seit mehr als 50 Jahren hat kein Mensch mehr den Mond betreten. Dabei gilt er als Schlüssel, um zu verstehen, wie unser Sonnensystem entstanden ist, wie sich die Planeten und vor allem die Erde entwickelten – und welche Ressourcen künftig für die Raumfahrt nutzbar wären. Mond- und Marsmissionen liefern nicht nur Gesteinsproben, sondern auch Tests für Technologien, die eines Tages längere Aufenthalte im All ermöglichen sollen. Mit dem Artemis-Programm will die NASA nun erstmals seit 1972 wieder Astronaut:innen zum Mond schicken. Warum hat das so lange gedauert – und wie realistisch sind die aktuellen Pläne? Der Geowissenschafter und ÖAW-Forscher Christian Köberl ordnet die Rückkehr zum Mond aus wissenschaftlicher und politischer Perspektive ein – und bleibt skeptisch.

Warum Menschen auf den Mond sollen

Herr Köberl, seit 1972 war kein Mensch mehr am Mond. Warum hat man so lange gewartet, bis nun wieder Menschen auf den Mond sollen?

Köberl: Es war ja schon damals umstritten, warum man Menschen auf den Mond schicken muss und warum nicht unbemannte Raumsonden die Aufgabe übernehmen können. Meine persönliche Meinung ist: Die Zahlen sprechen für sich. Es gab damals drei unbemannte sowjetische Missionen, die Proben zur Erde zurückgebracht haben – Luna 16, Luna 20 und Luna 24. Insgesamt waren das etwa 300 Gramm. Im Wesentlichen wurde mitgenommen, was gerade neben der Sonde gelegen ist. Im Gegensatz dazu haben die sechs bemannten Apollo-Missionen knapp 400 Kilogramm Mondgestein zur Erde gebracht. Und nicht einfach „Zufallsproben“, sondern gut ausgesucht, dokumentiert, sogar aus kleineren Bohrungen. Man wusste außerdem genau, woher die Proben stammen.

Diese orangenen, glitzernden Dinge – das müssen wir uns anschauen.

Die Astronauten waren damals wirklich gut ausgebildet. Auch die, die keine Geologen waren, haben eine geologische Feldausbildung bekommen – zum Beispiel bei Vulkanen oder Meteoritenkratern. Es ist erstaunlich, was das Team geleistet hat: Der Geologe Harrison Schmitt (Apollo 17) hat zum Beispiel diese ungewöhnlichen vulkanischen Gläser gefunden, weil er an einem Felsblock vorbeiging und sagte: „Halt, was ist das?“ Diese orangenen, glitzernden Dinge – das müssen wir uns anschauen. Er wusste natürlich genau, welche Proben er jetzt mitnimmt. Das auf einen Roboter zu übertragen, hat bisher nicht wirklich funktioniert. Übrigens: Die Untersuchung der Mondproben von damals ist eigentlich noch immer nicht beendet. Man hat damals auch Proben versiegelt und bewusst aufbewahrt – mit der Idee, dass alle zehn Jahre neue Methoden kommen. Heute haben wir Analysenmethoden, die es vor 50 Jahren nicht gab – mit höherer Präzision und besseren Nachweisgrenzen. Ich schätze, ungefähr ein Drittel  der Proben wurde noch nicht untersucht. Ich finde das eine sehr zukunftsweisende Strategie: nicht alles sofort aufzubrauchen, sondern bewusst zu warten.

Warum geht es dann jetzt überhaupt wieder los – mit Artemis?

Köberl: Aus wissenschaftlicher Sicht ist es natürlich wichtig und gut, wenn wieder Proben zurückkommen und Messungen von Menschen gemacht werden. Aber ich habe hier eine eher skeptische Herangehensweise. Dieses „Zurück zum Mond“ ist ja nicht neu – es gab Vorgängerprogramme, etwa Constellation. Da hieß es einmal, 2009 landen wir wieder am Mond. Das ist nicht passiert. Programme wurden begutachtet, Ziele als mit den zugeteilten Mitteln nicht erreichbar eingestuft – und dann hat man sie eingestellt. Übrig geblieben ist unter anderem die Orion-Kapsel. Die Programme, die wir jetzt sehen, sind geprägt von permanenten Verzögerungen, nicht adäquater Finanzierung und mangelndem politischen Willen.

Es fehlt der langzeitpolitische Wille, es fehlt die öffentliche Unterstützung.

Sie meinen: Das Problem ist weniger Technik, sondern Politik und Geld?

Köberl: Beides hängt zusammen. Damals hatte die NASA ein Budget von über einem Prozent des Bruttonationalprodukts der USA. Heute sind wir weit unter 0,1 Prozent. Und die Kosten sind natürlich gestiegen. Der Grund für Apollo war damals auch nicht primär wissenschaftlich, sondern politisch: Kalter Krieg, Sputnik, Gagarin – die USA wollten zeigen, dass sie das mit dem Mond auch können. Man hatte politischen Willen, Geld und öffentliche Unterstützung. Wissenschaftliche Ziele kamen dann dazu, nach dem Motto: Wenn wir schon hinfliegen, machen wir halt auch ein paar Messungen. Und dann haben wir ja eigentlich erreicht, was wir wollen. Wir haben den Sowjets gezeigt, wie gut wir sind und dass wir das alles viel besser können. Und dann kam nichts mehr. Ich habe den Eindruck, dass das momentan auch eher ein Aufblustern ist. Mir fehlt der langfristige Wille. Man ändert alle paar Jahre etwas: neue Rakete, neues Triebwerk, neue Kapsel, neues Programm. Dann stellt man das eine Programm ein, dann stellt man das andere Programm ein, dann macht man wieder etwas Neues. Artemis wurde ja auch schon mehrfach verschoben. Ich sage da: Ich glaub’s, wenn ich es sehe. Es fehlt der langzeitpolitische Wille, es fehlt die öffentliche Unterstützung. Die Leute wissen nicht, wozu ist das Ganze eigentlich gut – und zwar weil es ihnen niemand erklärt. Und das Ganze wird mit inadäquaten Mitteln betrieben.

Was Artemis verspricht

Was erwarten Sie von Artemis konkret?

Köberl: Wenn es kommt, ist es zunächst ein Vorbeiflug, wo wieder Technologie getestet werden soll. Der Vorbeiflug am Mond von Apollo 10 war 1969. Und dann soll theoretisch 2027 eine Landung folgen – da habe ich Zweifel, wir wissen ja, wie die momentane amerikanische Regierung alle paar Wochen ihre Meinung und ihre Prioritäten ändert und auch einen Großteil von erfahrenen Wissenschaftler:innen rausgeschmissen hat. Und: Man redet wenig darüber, was denn überhaupt konkret im Artemis-Programm wissenschaftlich gemacht werden soll.

Es heißt, man möchte Richtung Südpol – das wäre interessant, weil es dort Wasservorkommen in Form von Eis gibt.

Es heißt, man möchte Richtung Südpol – das wäre interessant, weil es dort Wasservorkommen in Form von Eis gibt. Das zu untersuchen wäre sehr spannend, aber insgesamt ist vieles sehr vage. Auch diese Idee einer Mondstation in der Umlaufbahn bis 2030 – Lunar Gateway – klingt groß, aber wir wissen, wie lange es gedauert hat, in der Erdumlaufbahn eine Station zu bauen. Ich sehe nicht, dass das zeitnah realistisch ist.

Viele sprechen bereits davon, dass um 2030 Menschen zum Mars fliegen sollen. Wie realistisch ist dieses Ziel aus Ihrer Sicht?
Köberl: Ich halte das für höchst unrealistisch – und ehrlich gesagt auch für unverantwortlich. Wir haben derzeit mit der Perseverance-Mission bereits Proben auf dem Mars gesammelt, die mit einer eigenen Mission zur Erde zurückgebracht werden sollten. Diese Rückholmission hätte ein paar Milliarden Dollar gekostet und wurde inzwischen gestrichen. Das heißt: Wir schaffen es nicht einmal, vorhandene Proben zur Erde zu bringen und auszuwerten – wollen aber gleichzeitig Menschen auf den Mars schicken – und hoffentlich wieder zurück. Dabei wissen wir noch sehr wenig über das Material vor Ort. Dazu kommt: Der Mars ist für Menschen extrem lebensfeindlich. Es gibt keine atembare Luft, die sehr dünne Atmosphäre besteht zu rund 96 Prozent aus Kohlendioxid, Sauerstoff ist praktisch nicht vorhanden. Alles, was Menschen zum Überleben brauchen – Atemluft, Wasser, Nahrung – müsste man entweder mitnehmen oder vor Ort erzeugen. Für all das gibt es bisher keine erprobten Technologien. Ähnliches gilt übrigens auch für eine mögliche Mondstation. Bevor man Menschen hinschickt, müsste man erst zeigen, wie Versorgung und Leben dort überhaupt funktionieren sollen. Davon sind wir derzeit weit entfernt.

Was es braucht

Wie müsste ein Mondprogramm aussehen, damit es aus wissenschaftlicher Sicht Sinn macht?

Köberl: Es braucht einen langfristigen Plan und mehr Geld. Und Vorbereitung. Es wäre zum Beispiel zunächst sinnvoll unbemannte Missionen in Polargebiete des Mondes zu schicken, Proben zurückzubringen, sich das anzusehen – und dann gut ausgebildete Geologen hinzuschicken, die vor Ort gezielt arbeiten. Es braucht ein Programm, dass wissenschaftlich gut ausgearbeitet ist und nicht die kurzfristige politische Machtdemonstration. Es ist derzeit wie der Pfau, der sich den Schweif aufstellt. Außer viel Show ist da nicht viel dahinter. Auch, dass die Firma von Elon Musk wesentliche Technologien entwickeln soll… Wir kennen das ja auch aus Österreich, wo den Freunden Sachen zugeschoben werden. Es ist ja auch eine Geldverschwendung, wenn man nicht wirklich einen Plan hat, den man langfristig durchziehen kann.

Warum sind neue Mondmissionen aus wissenschaftlicher Sicht so wichtig?
Köberl: Die bisherigen Mondproben stammen fast ausschließlich von einem sehr kleinen Gebiet auf der uns zugewandten Seite des Mondes. Von so wenigen Proben auf die geologische Entwicklung, die Vergangenheit und den Ursprung der diversen Formationen zu schließen ist sehr limitierend – das wäre ja praktisch so als ob man die geologische Entwicklung der Erde aus einem Dutzend Proben hauptsächlich von zwei Kontinenten ableiten wollen würde.

 

Auf einen Blick:

Christian Köberl ist Geochemiker und Impaktforscher an der Universität Wien. Seit 2006 ist er wirkliches Mitglied der ÖAW sowie Obmann der Kommission für Geowissenschaften der ÖAW. Von 2010 bis 2020 fungierte er als Generaldirektor des Naturhistorischen Museums Wien.