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MigrationsdebatteGastvortrag

Migrationsforschung: Gefangen zwischen Fakten und Emotionen

Es gibt mittlerweile ein breites fundiertes Wissen über Migration. Dieses kommt in öffentlichen und politischen Diskussionen allerdings zu selten zum Einsatz. Warum Migrationsforschung oft ungehört bleibt und welche Rolle Emotionalisierung dabei spielt, analysiert Katharina Natter von der Universität Leiden in einem Gastvortrag an der ÖAW.

04.06.2025
Das Thema Migration wird sowohl emotionalisiert, als auch politisch instrumentalisiert.
© Adobe Stock

Die Themenplattform Migration und Diversität der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) möchte den interdisziplinären Austausch in der Forschung stärken und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesellschaft fördern. Regelmäßig finden deshalb auch Gastvorträge statt. Am 4. Juni spricht Katharina Natter von der Universität Leiden über das Thema: „Why has migration research so little impact?“ Im Gespräch erklärt sie, welche Probleme es gibt – und welche neuen Narrative gefragt wären.

Emotionale Debatten, politische Instrumentalisierung

Wie sind Sie auf Ihr Vortragsthema gekommen?

Katharina Natter: Die Frage von Impact und Wirkung beschäftigt viele Migrationsforscher:innen, weil das Thema politisch und sozial relevant ist. Man fragt sich, warum man so viel Zeit damit verbringt, Dinge herauszufinden, wenn dieses Wissen dann ohnehin nicht aufgegriffen wird. Ich habe gemeinsam mit Natalie Welfens einen wissenschaftlichen Artikel publiziert, der hinterfragt, welche Dynamiken – in der Politik aber auch in der Forschung – verhindern, dass unser Wissen in gesellschaftliche Debatten einfließt.

Da Migration ein emotionales Thema ist, ist das Gewicht von Fakten oft begrenzt.

Migration ist ein emotionalisiertes Thema, das gern von rechter Politik instrumentalisiert wird.

Natter:  Es gibt viele Studien die untersuchen, inwiefern Fakten dazu beitragen, dass Menschen ihre Meinung ändern. Da Migration ein emotionales Thema ist, ist das Gewicht von Fakten oft begrenzt. Es wäre deshalb wichtig, neue Narrative zur Migration zu entwickeln, die auf persönliche Erlebnisse der Menschen eingehen, aber auch auf Fakten basieren. Das Problem ist dabei nicht nur, dass rechte Akteur:innen Fakten oft ignorieren. Man sieht quer durch die politische und gesellschaftliche Landschaft, dass die wenigsten Narrative oder Argumente auf zeitgemäßen, wissenschaftlichen Fakten beruhen. Auch linke politische Akteur:innen argumentieren sehr oft nicht faktenbasiert.

Rechte und linke Fake News

Warum ist das so?

Natter: Die Emotionalisierung und Instrumentalisierung von Rechts ist nur ein Grund. Ein weiterer Punkt liegt in institutionellen Dynamiken, darin, wie Wissen in Entscheidungsprozesse einfließt und was überhaupt als legitimes Wissen angesehen wird. Viele Studien zeigen, dass Wissen oft rein symbolisch angewandt wird, um die eigene Institution oder Position gegenüber anderen Akteur:innen zu unterbauen. Was wir sehen, ist, dass solche Dynamiken auch oft in der Forschung eine Rolle spielen, darin, wie in den Universitäten Wissen kreiert und verwendet wird. Da wird es leider auch oft selektiv angewandt, zerrieben und gegeneinander ausgespielt.

Das Problem ist nicht nur, dass Rechte Fakten oft ignorieren. Auch linke politische Akteur:innen argumentieren sehr oft nicht faktenbasiert.

Viel Wissen, wenig Einigkeit

Welche Probleme gibt es noch?

Natter: Die Migrationswissenschaft hat in den letzten 20 Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Auch als Konsequenz der Politisierung von Migration in der Gesellschaft. Es ist sehr viel neues Wissen entstanden, Spezialgebiete innerhalb der Migrationswissenschaft sind aufgeblüht, was beeindruckend ist. Gleichzeitig hat diese Entwicklung auch neoliberale Dynamiken befördert, durch die Wissenschaftler:innen einer starken Konkurrenz ausgesetzt sind. Da geht es dann vielfach darum, zu zeigen, warum man es besser macht als die anderen – und das führt oft dazu, sich gegenseitig zu diskreditieren. Diese gegenseitige Delegitimierung spielt politischen Akteur:innen in die Hände, die dann sagen können, selbst die Migrationsforscher:innen sind sich uneinig.

Es gibt eine breite Faktenlage, auf die sich Migrationswissenschaftler:innen einigen können. Weniger einig sind sie sich mit der Frage, wie man mit diesem Wissen umgehen soll.

Gibt es zu viel widersprüchliches Material?

Natter: Widersprüchlich nicht unbedingt, ich glaube das Problem ist eher, wie diese Informationen nach außen getragen werden. Es gibt viele Fakten, die als gesichert gelten, zum Beispiel: Entwicklungshilfe führt nicht dazu, Migration zu reduzieren; die Kriminalisierung von irregulärer Migration hilft nicht, den Schmugglern ihr Businessmodell zu zerstören, so wie das sehr oft wiederholt wird in politischen Diskussionen. Es gibt eine breite Faktenlage, auf die sich Migrationswissenschaftler:innen durchaus einigen können. Weniger einig sind sie sich mit der Frage, wie man mit diesem Wissen umgehen soll. Den einen Migrationsforscher:innen wird vorgeworfen, dass sie sich an die Politik verkaufen, indem sie zusammen mit politischen Akteur:innen an Reformvorschlägen arbeiten. Die anderen werden kritisiert, dass ihre radikalen Positionen und Dekonstruktionen der politischen Realität nicht dazu beitragen, konkrete Veränderungen voranzutreiben. Da wird intern viel Energie verloren, die man besser nutzen könnte, um dem Thema mehr Präsenz zu verhelfen.

Schmaler Grat zwischen Wissenschaft und Aktivismus

Das klingt, als ob die Migrationsforschung auch sehr emotionalisiert wäre und der Grat zwischen Wissenschaft und Aktivismus manchmal fließend ist.

Natter: Die meisten Migrationswissenschaftler:innen arbeiten an dem Thema, weil sie einen Impact haben wollen. Aber es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Impact erreicht werden kann. Für die einen ist Aktivismus ein Selbstverständnis, für die anderen eine rote Linie. Das ist an sich kein Problem, es ist sogar gut, verschiedene Wirkungsansätze zu haben – wenn es dabei nicht zur gegenseitigen Delegitimierung kommt. Darum wollten wir mit unserem Artikel eine Diskussion anregen. Die Frage ist: Wie können wir uns kollektiv verhalten, um Wissen besser nach außen zu tragen?

Heutzutage wird über Migration auf eine sehr unmenschliche Art und Weise diskutiert. Es ist wichtig zu sagen, Migrant:innen sind Menschen wie ich.

Können Sie einen konkreten Vorschlag nennen?

Natter: Es geht auch darum, neue Zielgruppen zu erreichen. Ich habe in einem anderen Projekt daran gearbeitet, mit Schüler:innen zwischen 12 und 16 Jahren ein neues und breiteres Verständnis von Migration in Klassenräume zu bringen. Um eine Offenheit für das Thema herzustellen, wenn Menschen anfangen, ihre politischen Positionen aufzubauen. In der heutigen Diskussion wird über Migration auf eine sehr unmenschliche Art und Weise diskutiert. Es ist wichtig zu sagen und zu spüren, Migrant:innen sind Menschen wie ich. Nur wenn diese gemeinsame Menschlichkeit wieder hergestellt ist, können wir uns auch die Fakten anschauen und auf dieser Basis gemeinsam Entscheidungen treffen.

 

AUF EINEN BLICK

Katharina Natter ist Senior Assistant Professor am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leiden, Niederlande. Natter promovierte an der Universität Amsterdam. Davor studierte sie an der SciencePo in Paris und war am International Migration Institute der University of Oxford tätig.