






Gute Kommunikation beginnt bei der Verpackung. Das weiß Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim, die mit ihrem Youtube-Kanal und der ZDF-Sendung MAITHINK X zur bekanntesten Wissenschaftskommunikatorin im deutschsprachigen Raum wurde. Bei einem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und im Interview mit scilog sprach sie über ihr Erfolgsrezept in den Sozialen Medien und die Notwendigkeit, sich zwischen Nachrichtenflut und Katzenvideos Gehör zu verschaffen.
Frau Nguyen-Kim, Sie sprechen vom „Geschrei“ im Informationszeitalter. Wen erreicht man mit Wissenschaft überhaupt noch?
Mai Thi Nguyen-Kim: Ich glaube, man muss Wissenschaftskommunikation in Schichten denken. Ich nenne das gern die „Zwiebel“. Im Innersten steht die wissenschaftliche Publikation – sehr detailliert, aber nur einem kleinen Kreis zugänglich. Ganz außen sind Formate wie TikTok oder Instagram, also alles, was Aufmerksamkeit erzeugt: Titel, Thumbnail, Bild. Das ist oberflächlich, erreicht aber sehr viele Menschen. Und jede dieser Schichten hat ihre Berechtigung.
Journalismus ist schnell und zugespitzt, Forschende wollen in die Tiefe gehen. Wie kann man diese Pole aus Sicht der Medienlogik zusammenbringen?
Nguyen-Kim: Das ist richtig, Journalismus will oft steile Thesen: „Erklären Sie das in zwei Minuten.“ Das geht, aber dann darf man nicht erwarten, dass man viel versteht. Umgekehrt scheuen Forschende oft genau diese äußere Schicht, also die Verpackung. Dabei ist das die Ebene, auf der wir im Wettbewerb um Aufmerksamkeit stehen. Natürlich gilt für Wissenschaft umso mehr: Don’t judge a book by its cover, denn es geht um den Inhalt. Aber es wäre schade, wenn gute Inhalte niemanden erreichen, nur weil das Cover so langweilig ist.
Erreicht man nicht trotzdem vor allem jene, die schon wissenschaftsaffin sind?
Nguyen-Kim: Dieses „Zu den Bekehrten predigen“-Problem gibt es definitiv. Aber ich finde, man darf das nicht unterschätzen: Wir liefern unserem Publikum nicht nur Wissen, sondern auch Werkzeuge. Also Bilder, Argumente, Erklärweisen dazu, wie man zu Ergebnissen kommt. Und die geben Menschen weiter – im Freundeskreis, in der Familie. Insofern verbreiten sich wissenschaftliche Inhalte indirekt weiter.
Sie sprechen damit einen zentralen Punkt an: Vertrauen.
Nguyen-Kim: Absolut. Ich glaube, wir überschätzen völlig, was Rationalität leisten kann. Die meisten Menschen überprüfen Quellen nicht im Detail. Sie entscheiden, wem sie vertrauen. Und das ist auch völlig nachvollziehbar – niemand hat die Zeit, alles selbst nachzuvollziehen. Unser ganzes Leben und so viele unserer Entscheidungen basieren auf Vertrauen. Deshalb ist es so wichtig, dass Wissenschaft über Menschen vermittelt wird.
Sollten auch Forschende selbst sichtbarer sein?
Nguyen-Kim: Ich finde es sehr wichtig, dass man Forschende auch als Menschen wahrnimmt. Sichtbarkeit schafft Vertrauen, hat aber auch eine Kehrseite. Wer öffentlich auftritt, wird angreifbar. Trotzdem glaube ich, dass sie wichtig ist. Gerade in der Pandemie hat man gesehen, wie stark einzelne Personen wirken können, wenn sie als glaubwürdig wahrgenommen werden. Ich habe aber auch gelernt: Der Hass ist proportional zum Impact. Am Ende steht für mich persönlich jedoch eine positive Bilanz.
Noch ist Wissenschaftskommunikation oft ein Zusatz – etwas, das man „auch noch“ macht.
Kann Wissenschaftskommunikation auch zur Belastung werden, speziell für aufstrebende Wissenschaftler:innen, die eigentlich forschen wollen?
Nguyen-Kim: Es gibt seitens der Politik viel Motivation und auch Geld für mehr Wissenschaftskommunikation. Ich denke aber, dass das nicht so viel bringt. Vor allem braucht man Strukturen, um Forschende in der Öffentlichkeit zu unterstützen und im Zweifelsfall auch zu schützen. Noch ist Wissenschaftskommunikation oft ein Zusatz – etwas, das man „auch noch“ macht. Aktuell zählt im Lebenslauf von Forschenden nur die wissenschaftliche Publikation. Damit fehlt den Wissenschaftler:innen die Motivation, denn man hat wenig zu gewinnen und viel zu verlieren, wenn man sich öffentlich äußert – das ist kein gutes System.
Sie behandeln in Ihren Formaten ganz unterschiedliche Themen, auch gesellschaftlich brisante. Wie suchen Sie Ihre Inhalte aus?
Nguyen-Kim: Mich interessieren vor allem Themen, die ohnehin stark diskutiert werden, aber bei denen eine evidenzbasierte Perspektive fehlt oder verzerrt ist. Also etwa Klimawandel, Impfungen oder Alternativmedizin. Da wird oft mit Zahlen argumentiert – aber nicht immer korrekt. Und ich finde, da sollte sich Wissenschaft einmischen.
Es gibt so etwas wie einen Neutralitätsfehlschluss.
Viele sagen, Wissenschaft sollte neutral bleiben.
Nguyen-Kim: Das stimmt grundsätzlich. Aber ich glaube, es gibt so etwas wie einen Neutralitätsfehlschluss. Wenn Wissenschaft Teil einer Debatte ist – weil mit Studien oder Zahlen argumentiert wird –, dann kann sie sich nicht einfach raushalten. Sonst überlässt man das Feld verzerrten Darstellungen. Und es ist wichtig, zwischen gut belegtem Wissen und bloßen Meinungen zu unterscheiden. Wissenschaft lebt davon, dass man Dinge hinterfragt. Problematisch wird es, wenn Minderheitenmeinungen ohne entsprechende Evidenz gleichwertig dargestellt werden.
Gibt es Formate, die sich besonders gut für Wissenschaftskommunikation eignen?
Nguyen-Kim: Kurze Formate sind wichtig, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber sie können keine Tiefe ersetzen. Die Lösung kann nicht sein, Wissenschaft immer weiter zu verkürzen. Wir brauchen auch Formate, die sich Zeit nehmen – etwa Podcasts oder längere Videos. Und wir sollten uns öfter trauen, mit Humor und Unterhaltung zu arbeiten.
Viele sehen Plattformen wie TikTok kritisch, wie beurteilen Sie das?
Nguyen-Kim: Natürlich gibt es Dinge, die man kritisieren kann, aber das gilt für alle Plattformen. YouTube hat man anfangs belächelt und nicht ernst genommen. Es gibt immer noch dieses Sender-Empfänger-Denken, das ja längst Vergangenheit ist. Ich glaube, man unterschätzt solche Plattformen oft. Sie sind nicht per se oberflächlich – sie können sehr gezielt Inhalte vermitteln. Wichtig ist, dass man sie ernst nimmt und versteht, wie sie funktionieren.
Welche Rolle spielen persönliche Begegnungen – etwa bei Wissenschaftsevents wie der Langen Nacht der Forschung, die in Österreich sehr populär ist?
Nguyen-Kim: Ich bin da vielleicht ein wenig voreingenommen, da ich oft „mit der Kamera spreche“ und dann immer wieder überwältigt bin, wenn ich sehe, wie viele Menschen in ihrer Freizeit irgendwohin gehen, um etwas über Wissenschaft zu erfahren. Durch die persönlichen Kontakte und Gespräche kann viel entstehen. Ich bin auch früher schon als Teilnehmerin ganz inspiriert von solchen Events nach Hause gekommen. Ich glaube daher, dass solche Veranstaltungen wichtig sind, eine solche Erfahrung wirkt viel stärker als das Betrachten einer Sendung.
Was heißt das für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation?
Nguyen-Kim: Dass wir beides brauchen: Reichweite und Tiefe. Und dass wir lernen müssen, mit dieser Spannung umzugehen. Wissenschaft lässt sich nicht auf Schlagzeilen reduzieren – aber sie muss sichtbar sein. Jede Schicht der Zwiebel ist wichtig und die Zielrichtung führt immer nach innen. Genau darin liegt die Herausforderung.
Mai Thi Ngyuen-Kim ist promovierte Chemikerin und eine der bekanntesten Stimmen der Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Die Journalistin und Autorin wurde durch ihr YouTube-Format „maiLab“ (funk) bekannt. 2021 startete sie ihre eigene Show „MAITHINK X“ auf ZDFneo, der auf YouTube 1,5 Millionen Menschen folgen. Neben Bestsellern wie „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ schreibt Mai Thi Ngyuen-Kim auch Kinderbücher. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Grimme-Preis 2026, die wichtigste deutsche TV-Auszeichnung.