Mädchen am Altar: Kindheit und Religion im antiken Griechenland
15.07.2026
Sophie Laribi Glaudel von der Université de Lorraine erforscht die Rolle von Kindern in den religiösen Praktiken des antiken Griechenlands. Im Rahmen eines Vortrags an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) stellte sie die Belege für die Beteiligung von Mädchen an Ritualen, Festen und weiteren religiösen Handlungen vor.
Junge Mädchen als Priesterinnen
Welche Rollen spielten junge Mädchen in rituellen Kontexten im antiken Griechenland?
Sophie Laribi Glaudel: Im gesamten griechischen Raum finden wir Mädchen, die rituelle Dienste verrichteten und Priesterinnenämter innehatten. Nach den literarischen und epigraphischen Quellen zu urteilen, war ihre Rolle aus meiner Sicht für ihre Gemeinschaft durchaus wichtig. Allerdings beziehen sich fast alle uns vorliegenden Belege auf Mädchen aus der Elite. Über Mädchen aus der gemeinen Bevölkerung wissen wir daher nur sehr wenig, und wir müssen diese Verzerrung der Quellen immer berücksichtigen.
Welche rituellen Aufgaben hatten junge Mädchen?
Laribi Glaudel: Was den Ritualdienst betrifft, kennen wir eine Inschrift aus Messene auf der Peloponnes aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., in der ein junges Mädchen berichtet, dass sie die Fackel der Göttin und außerdem ihre Statue trug. Wir wissen nicht, auf welchen Anlass sie sich bezieht, aber schon das zeigt, dass ihr eine große Verantwortung übertragen wurde.
Alle Aufgaben, die wir identifizieren können, stehen in Zusammenhang mit dem, was wir heute als „Fürsorge“ (care) bezeichnen.
Aus Athen, wo wir zahlreiche Zeugnisse über den Ritualdienst von Mädchen haben, wissen wir, dass einige Mädchen, die sogenannten Plynteriden, die Statue der Athena waschen mussten. Andere waren möglicherweise mit der Zubereitung ritueller Kuchen betraut, die in Heiligtümern geopfert wurden. Alle diese Aufgaben, die wir identifizieren können, stehen in Zusammenhang mit dem, was wir heute als „Fürsorge“ (care) bezeichnen: Waschen, Kochen, Weben …
Also Tätigkeiten, die auch damals als typisch weiblich galten?
Laribi Glaudel: Ja, genau – aber keineswegs unbedeutende Tätigkeiten. Wir neigen manchmal dazu, "Frauenarbeit" als minderwertig anzusehen. Tatsächlich handelte es sich jedoch um wirtschaftlich sehr wichtige Aufgaben, die zum Wohlstand des oikos (Haushalts) beitrugen. Ebenso besteht bisweilen die Vorstellung, dass ein Priesteramt wenig bedeutend gewesen sein müsse, wenn es von einem Kind ausgeübt wurde. Ich halte das für falsch. Meiner Ansicht nach übernahmen Kinder religiöse Aufgaben gerade deshalb, weil sie Kinder waren und man sie den Göttern näher glaubte als Erwachsene.
Wie war das Verhältnis zwischen Kindheit und Religion im antiken Griechenland?
Laribi Glaudel: Genau diese Frage versuche ich seit Jahren zu beantworten. Zunächst einmal ist Kindheit ein kulturelles Konstrukt. Jede Gesellschaft entwickelt ihre eigene Vorstellung davon, was „Kindheit“ bedeutet. Ein Kind im Athen oder Sparta des 5. Jahrhunderts v. Chr. lebte beispielsweise unter ganz anderen Bedingungen als eines im 4. Jahrhundert. Deshalb sollten wir die Frage vielleicht umkehren: Welche kulturellen und religiösen Aufgaben wurden Kindern übertragen? Und was verraten diese darüber, wie die jeweilige Gesellschaft Kindheit verstand?
Die Altersfrage
Welche Bedeutung hatte das Alter eines Kindes im rituellen Kontext?
Laribi Glaudel: Unser heutiges Verständnis des chronologischen Alters erscheint mir sehr modern – oder zumindest wenig griechisch. Die Römer legten großen Wert darauf, Jahre, Wochen und Tage zu zählen, wie ihre Grabinschriften zeigen. Die Griechen dagegen erwähnen das Alter Verstorbener auf ihren Inschriften praktisch nie. Das legt nahe, dass das Lebensalter für sie weniger wichtig war. Entscheidend waren vielmehr der soziale Status und der biologische Entwicklungsstand – also etwa, ob bestimmte körperliche Veränderungen der Pubertät bereits eingetreten waren oder nicht.
Allerdings hat Julien Dechevez kürzlich gezeigt, dass Altersgrenzen für Priesterämter auf Kos in hellenistischer Zeit möglicherweise auch dazu dienten, eine bestimmte Familie gegenüber anderen zu bevorzugen. Es hing also stark vom jeweiligen historischen und lokalen Kontext ab.
Wie wurden die Kinder ausgewählt?
Laribi Glaudel: Sie mussten ein Verfahren durchlaufen, das Dokimasia genannt wurde. Dabei überprüften Vertreter der Stadt ihre Herkunft, den Ruf und die moralische Integrität ihrer Familie, ihre körperliche Eignung und ob sie den Anforderungen des Amtes entsprachen.
Zu den Auswahlkriterien gehörte auch die Schönheit des Kindes.
Zu den Auswahlkriterien gehörte auch die Schönheit des Kindes. Für bestimmte Priesterämter wissen wir, dass – zumindest im 2. Jahrhundert n. Chr. – Schönheitswettbewerbe veranstaltet wurden, um den schönsten Jungen als Priester des Zeus in der Stadt Aigion auszuwählen, vermutlich allerdings nur unter Angehörigen der Elite.
Außerdem wissen wir, dass manche Familien kultische Ämter über Generationen hinweg innehatten. Auch der Wohlstand der Familie spielte eine Rolle, denn manche religiösen Aufgaben waren kostspielig: Die Familie musste Feste finanzieren oder den Bau neuer Gebäude ermöglichen.
Wann endete die rituelle Laufbahn eines Kindes?
Laribi Glaudel: Für Mädchen endete sie mit der Heirat – es gab weder ein lebenslanges Keuschheitsgelübde noch die Möglichkeit, dauerhaft unverheiratet zu bleiben. Bei Jungen konnten biologische Veränderungen das Ende ihres Priesteramtes markieren, etwa wenn ihnen der erste Bart wuchs. Wie alt sie dabei genau waren, wissen wir allerdings nicht. Manche Ämter waren zudem ohnehin auf ein Jahr befristet und endeten nach Ablauf dieser Zeit.
Auf einen Blick
Sophie Laribi Glaudel promovierte in Geschichte und unterrichtet griechische Geschichte am Lycée Claude Gellée in Épinal. Darüber hinaus ist sie assoziiertes Mitglied des Forschungsteams SAMA an der Université de Lorraine.
