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MedizingeschichteLungenpest

Lungenpest: Warum die Angst bis heute geblieben ist

Der ungeklärte Tod einer Mitarbeiterin eines russischen Anti-Pest-Instituts sorgt für internationale Aufmerksamkeit. ÖAW-Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer erklärt, warum die Pest bis heute gefürchtet ist, welche Rolle Krankheitserreger in der sowjetischen Biowaffenforschung spielten – und weshalb Forschung in Hochsicherheitslaboren trotzdem unverzichtbar ist.

16.10.2026
Visualisierung von Yersinia pestis
© Adobe Stock

Eine 28-jährige Mitarbeiterin eines Anti-Pest-Instituts in  Irkutsk in Sibirien, Russland, stirbt Anfang Oktober an einer schweren Lungenentzündung. Kurz darauf kommt der Verdacht auf, sie könnte sich mit Lungenpest infiziert haben. Bestätigt ist das bisher nicht. Doch der Fall sorgt international für Aufmerksamkeit und wirft Fragen auf: Wie gefährlich ist die Lungenpest heute noch? Was geschieht in Laboren, die mit tödlichen Krankheitserregern arbeiten? Und was hat das mit biologischen Waffen zu tun?

Die Pest hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Jahrhundertelang forderte sie in Europa Millionen Todesopfer. Heute ist sie behandelbar, aber nicht verschwunden. Zugleich erinnert der Fall in Russland an ein dunkles Kapitel der Wissenschaftsgeschichte: die Erforschung und Entwicklung biologischer Waffen mithilfe von Krankheitserregern, insbesondere in der Sowjetunion.

Die ÖAW-Historikerin Daniela Angetter-Pfeiffer beschäftigt sich mit Medizin-, Naturwissenschafts- und Militärgeschichte. Im Interview erklärt sie, was wir aus früheren Seuchen und Laborunfällen gelernt haben, weshalb Geheimhaltung Ängste schürt – und warum gefährliche Erreger trotzdem erforscht werden müssen.

Frau Angetter-Pfeiffer, der ungeklärte Tod einer Mitarbeiterin in einem russischen Anti-Pest-Institut sorgt derzeit für Beunruhigung. Warum löst dieser Fall so große Ängste aus?

Daniela Angetter-Pfeiffer: Ein wesentlicher Faktor ist die Unsicherheit. Es gibt nur wenige gesicherte Informationen darüber, woran die Mitarbeiterin tatsächlich gestorben ist. Wenn dann noch der Verdacht aufkommt, ein gefährlicher Krankheitserreger könnte aus einem Labor gelangt sein, schürt das natürlich Ängste. Auch die Corona-Pandemie ist ja noch nicht lange her. Viele Menschen erinnern sich an Quarantäne, Kontaktbeschränkungen und Lockdowns und fürchten, dass sich so etwas wiederholen könnte. 

Bei der Pest kommt hinzu, dass sie über Jahrhunderte in Europa gewütet und einen enormen Teil der Bevölkerung dahingerafft hat. Und sie ist keineswegs verschwunden. Weltweit gibt es jährlich etwa 1.000 bis 3.000 Pestfälle, rund 200 Menschen sterben daran. Betroffen sind vor allem Regionen in Afrika, Asien und Amerika. Besonders gefährlich ist die Lungenpest, weil sie unbehandelt häufig tödlich endet.

Sie wird durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht und kann bei engem Kontakt durch infektiöse Tröpfchen, etwa beim Husten, von Mensch zu Mensch übertragen werden. Heute haben wir allerdings einen entscheidenden Vorteil gegenüber früher: Die Pest lässt sich mit Antibiotika behandeln. Wichtig ist, dass die Erkrankung möglichst früh erkannt und die Therapie rasch begonnen wird.

Geschichte der Pest

Wie haben die Menschen früher versucht, sich vor der Pest zu schützen?

Angetter-Pfeiffer:  Man hatte nur sehr begrenzte Möglichkeiten. Viele Maßnahmen erinnern an das, was wir während der Corona-Pandemie erlebt haben: Quarantäne, die Schließung von Gasthäusern und Kirchen oder Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Märkte wurden beispielsweise aus Städten hinausverlegt, weil man Angst hatte, dass mit Waren auch die Krankheit eingeschleppt werden könnte.

Teilweise griff man zu drastischen Maßnahmen. Gegenstände wurden verbrannt oder vergraben, manchmal wurden sogar Häuser und ganze Dörfer niedergebrannt. Zugleich gab es aus heutiger Sicht kuriose Vorstellungen. Man glaubte etwa, Zigarrenrauch könne die Pest vertreiben. Anderswo empfahl man, eine Ziege im Wohnraum zu halten, weil ihr Geruch angeblich vor der Krankheit schützen sollte. Man wusste damals schlicht noch nicht, dass Bakterien die Krankheit verursachen. Das änderte sich erst mit den Fortschritten der modernen Medizin im 19. Jahrhundert. 1894 wurde der Pesterreger identifiziert. Damit entstanden völlig neue Möglichkeiten, Infektionskrankheiten zu verstehen und später gezielt zu behandeln.

Dieselben Erreger, die für die medizinische Forschung wichtig sind, können auch für die Entwicklung biologischer Waffen interessant sein.

Warum wird überhaupt in Laboren mit so gefährlichen Krankheitserregern geforscht?

Angetter-Pfeiffer: Weil diese Forschung für die moderne Medizin unverzichtbar ist. Wenn wir Medikamente oder Impfstoffe entwickeln wollen, müssen wir verstehen, wie Krankheitserreger funktionieren, wie sie übertragen werden und wie man sie bekämpfen kann. Das Problem ist, dass dieses Wissen grundsätzlich auch für andere Zwecke genutzt werden kann. Dieselben Erreger, die für die medizinische Forschung wichtig sind, können auch für die Entwicklung biologischer Waffen interessant sein. Deshalb ist es so wichtig, zwischen ziviler Forschung und militärischer Nutzung zu unterscheiden. Forschung an gefährlichen Erregern ist nicht automatisch verdächtig. Entscheidend ist, wofür sie betrieben wird und unter welchen Sicherheitsbedingungen.

Krankheiten als Biowaffe

Die Sowjetunion betrieb ein umfangreiches Biowaffenprogramm. Was weiß man heute darüber?

Angetter-Pfeiffer: Die Entwicklung biologischer Waffen ist seit einem internationalen Abkommen von 1972, das 1975 in Kraft trat, verboten. Trotzdem wurde in der Sowjetunion weiter an solchen Waffen gearbeitet. Dabei ging es unter anderem um gefährliche Krankheitserreger wie Milzbrand, Pest und Pocken. Ein Problem war, dass Teile der militärischen Forschung hinter zivilen Einrichtungen verborgen wurden, etwa solchen, die offiziell in der Biotechnologie, Arzneimittel- oder Impfstoffforschung tätig waren. Vieles darüber wissen wir heute durch Berichte ehemaliger Wissenschaftler, die die Sowjetunion beziehungsweise Russland verlassen haben. Sie haben Einblicke gegeben, wie dort gearbeitet wurde. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man einer Einrichtung von außen nicht unbedingt ansehen kann, ob dort rein zivile Forschung betrieben wird oder ob auch militärische Ziele verfolgt werden. Die verwendeten Geräte oder Gebäude können sehr ähnlich sein.

Warum ist gerade diese Unterscheidung so schwierig – und was bedeutet das für die heutige Debatte um Russland?

Angetter-Pfeiffer: Weil vieles nicht transparent ist. Bei gefährlichen Krankheitserregern macht es einen großen Unterschied, ob Forschung offen dokumentiert und kontrolliert wird oder ob wesentliche Informationen fehlen. In Russland ist es sehr schwierig, zu kontrollieren, ob biologische Waffenprogramme hinter Forschungseinrichtungen stecken. Gerade diese Unsicherheit schürt Ängste. Historische Erfahrungen mit geheimen Biowaffenprogrammen verstärken das Misstrauen. Daraus darf man aber nicht automatisch schließen, dass hinter einem ungeklärten Krankheitsfall ein Biowaffenprogramm oder ein Laborunfall steckt. Auch im aktuellen Fall ist eine Infektion mit dem Pesterreger bisher nicht bestätigt. Man muss also zwischen dem unterscheiden, was historisch bekannt ist, und dem, was über diesen konkreten Fall tatsächlich nachgewiesen wurde.

Dass es in Laboren zu Unfällen kommen kann, zeigt auch die Geschichte. Welche Folgen hatten solche Ereignisse für die Sicherheit?

Angetter-Pfeiffer: Ein bekanntes Beispiel ist ein Pockenfall aus dem Jahr 1978 in Birmingham. Eine medizinische Fotografin infizierte sich mit dem Pockenvirus und starb im Alter von 40 Jahren. Sie arbeitete in einem Gebäude, in dem auch mit lebenden Pockenviren geforscht wurde und offenbar hat es ein fehlerhaftes Belüftungssystem gegeben. Der genaue Übertragungsweg blieb umstritten. Der Fall führte zu einem Umdenken im Umgang mit hochgefährlichen Krankheitserregern. Heute gibt es strenge Sicherheitsvorgaben und unterschiedliche Sicherheitsstufen für Labore. Je gefährlicher ein Erreger ist, desto höher sind die Anforderungen an Schutzmaßnahmen, Ausstattung und Personal.

Entscheidend sind hohe Sicherheitsstandards, verantwortungsvoller Umgang mit den Erregern und Transparenz. 

In Laboren der höchsten Sicherheitsstufe arbeitet man beispielsweise mit speziellen Schutzanzügen und unter besonders strengen Bedingungen. Solche Vorkehrungen sollen verhindern, dass sich Beschäftigte infizieren oder Erreger nach außen gelangen. Natürlich lässt sich ein Risiko nie vollständig ausschließen. Aber aus vergangenen Unfällen hat man viel gelernt.

Müssen wir uns angesichts des aktuellen Falls in Österreich Sorgen vor einer neuen Pestepidemie machen?

Angetter-Pfeiffer: Nein, dazu gibt es derzeit keinen Anlass. Wir wissen ja nicht einmal, ob die Mitarbeiterin in Russland tatsächlich an Lungenpest erkrankt war. Das ist bisher nicht bestätigt. Wichtig ist mir vor allem, dass man wegen eines solchen Falls nicht die Forschung in Hochsicherheitslaboren grundsätzlich infrage stellt. Dort arbeiten speziell ausgebildete Expertinnen und Experten, die mit den Risiken vertraut sind. Diese Forschung brauchen wir, um Infektionskrankheiten besser zu verstehen und wirksame Behandlungen zu entwickeln. Entscheidend sind hohe Sicherheitsstandards, verantwortungsvoller Umgang mit den Erregern und Transparenz. Gerade bei gefährlichen Krankheiten ist gesicherte Information wichtig, damit aus Unsicherheit nicht unnötige Angst wird.

 

Auf einen Blick

Daniela Angetter-Pfeiffer ist Historikerin und Literaturwissenschaftlerin am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage (ACDH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forscht zur Medizin-, Naturwissenschafts- und Militärgeschichte und ist Mitglied der ÖAW-Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin und Medical/Health Humanities.