Zurück
"SpudCell"Molekularbiologie

Künstliche Zelle: Revolution oder Hype?

Wächst, isst, teilt sich: Medienberichten zufolge soll es Forscher:innen in den USA erstmals gelungen sein, eine künstliche Zelle herzustellen. Warum die Forschungen an "SpudCell" allerdings zu hinterfragen sind, erklärt ÖAW-Molekularbiologe Jürgen Knoblich im Gespräch.

18.08.2026
Illustration einer Zelle
© AdobeStock

Diesen Sommer sorgte eine Studie der University of Minnesota für Aufsehen: Eine im Labor von Kate Adamala entwickelte Zelle namens „SpudCell” soll angeblich wachsen, ihr Erbgut vervielfältigen und sich teilen. Dies könnte ein Meilenstein auf dem Weg zu künstlichem Leben sein. Die Reaktionen in der Fachwelt fielen gespalten aus. Einige Forscher:innen feiern einen historischen Durchbruch, andere kritisieren die dünnen Daten und das fragwürdige Vorgehen bei der Veröffentlichung. Wir haben bei Jürgen Knoblich, Gruppenleiter am IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Mitglied der ÖAW, nachgefragt. Er selbst forscht an Gehirnorganoiden und sein Urteil über die Studie fällt deutlich aus: Von einer echten synthetischen Zelle könne keine Rede sein - und die Art der Veröffentlichung sei mit guter wissenschaftlicher Praxis kaum vereinbar.

Lebende Zelle?

Die New York Times beschrieb SpudCells als „künstliche Zellen mit den meisten Merkmalen des Lebens“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jürgen Knoblich: Zunächst muss man wissen, dass Versuche, zelluläre Prozesse aus gereinigten, künstlich hergestellten Bestandteilen zu rekapitulieren, ein großes Forschungsfeld sind. Dieses Manuskript (veröffentlicht von Forscher:innen der University of Minnesota, Anm.) reiht sich dort ein und beschreibt einen Fortschritt. Das eigentlich Neue ist dabei gar nicht so offensichtlich: Es handelt sich um eine Methode, mit der man bestimmte Moleküle – etwa DNA oder Proteine – in eine künstliche, membranumschlossene Struktur einbringen kann. Die Autor:innen beschreiben, wie sich solche Membranen mit einer echten Zelle fusionieren lassen.

„Synthetisch" ist die Zelle nicht, jedenfalls nicht vollständig.

Die Studie trägt den Titel „A Chemically Defined Synthetic Cell Capable Of Growth And Replication". Was bedeutet diese Sensationsmeldung – eine synthetische Zelle, die wächst, ihr Erbgut vermehrt und sich teilt – für den wissenschaftlichen Fortschritt?

Knoblich: Ich halte den Titel für nicht gerechtfertigt. Interessant am Manuskript ist, dass es viele Ansätze verschiedener Gruppen kombiniert und dabei einen Schritt weitergeht. Aber „synthetisch" ist die Zelle nicht, jedenfalls nicht vollständig – es werden durchaus natürliche Produkte einbezogen. Und es gibt keinen Beweis, dass sich diese Zelle unbegrenzt fortpflanzen kann. Sie macht ein paar Teilungen, dann ist Schluss. Das Manuskript selbst finde ich interessant, aber ich finde es schade, dass sich die Autor:innen für eine derart plakative Übertreibung entschieden haben – das mindert die wissenschaftliche Qualität und wäre nicht nötig gewesen.

Studie ohne Peer-Review-Verfahren

Das Manuskript wurde beim hoch renommierten Wissenschaftsmagazin Cell nach einer ersten Begutachtung abgelehnt, bevor es außerhalb des Peer-Review-Prozesses veröffentlicht wurde. Welche Risiken birgt dieses Vorgehen?

Knoblich: Das ist problematisch und eigentlich auch nicht mit wissenschaftlicher Ethik vereinbar. Ich habe mir das Manuskript durchgelesen. Angesichts der Formatierung, des Stils und der Professionalität war es vorhersehbar, dass es nicht zum Review rausgeschickt wurde – und das betrifft nicht nur die Übertreibung in der Überschrift, sondern die gesamte Art, wie es geschrieben ist. Der Text hätte sehr davon profitiert, wenn man sich mehr Zeit genommen und ihn so verfasst hätte, wie ein fertiges Manuskript aussehen sollte.

Inwiefern ist es gefährlich, wissenschaftliche Ergebnisse zuerst mit der Presse und dann erst mit der scientific community zu diskutieren?

Knoblich: Dieses Vorgehen nutzt eine Schwäche des modernen Publikationsbetriebs aus: Medienpräsenz erhöht die Aufmerksamkeit für einen Artikel, was auch im Interesse der Zeitschrift liegt. Manche Arbeiten werden gerade deshalb häufig zitiert, weil sie – methodisch oder in der Darstellung – schwach sind, aber Ängste auslösen oder Tabus brechen und dadurch Popularität erzeugen, ohne wissenschaftlich seriös zu sein. Ich möchte den Autor:innen nicht unterstellen, dass genau das ihr Ziel war, aber ich halte das Vorgehen zumindest für geeignet, andere Zeitschriften oder Reviewer unter Druck zu setzen. In diesem Fall ist es allerdings so eindeutig: Dieses Manuskript hatte in dieser Form nie eine Chance, in Cell veröffentlicht zu werden.

Kriterien für Peer-Reviewing

Auf welche Aspekte wird im Peer-Review-Prozess besonders geachtet?

Knoblich: Erstens: Ist die Publikation für die jeweilige Zeitschrift geeignet? Für Cell, Science oder Nature (andere hochrangige Wissenschaftsmagazine, Anm.) muss sie von herausragender Bedeutung und für Wissenschaftler:innen aller Disziplinen interessant sein. Zweitens wird geprüft, welche Behauptungen – die sogenannten Claims – die Autor:innen aufstellen und ob dafür experimentelle Belege vorliegen. Drittens wird kontrolliert, ob die einzelnen Experimente technisch so durchgeführt wurden, dass ihre Ergebnisse glaubhaft und schlüssig sind.

Hinzu kommt eine ethische Prüfung: Sind, falls Patient:innen involviert sind, die nötigen Genehmigungen eingeholt worden? Wurden ethische Grenzen eingehalten? Gibt es Hinweise auf wissenschaftliches Fehlverhalten? Am Ende schreiben die Reviewer der Zeitschrift zurück und machen einen Vorschlag: ob die Arbeit überhaupt weiterverfolgt werden soll, ob sie für die Zeitschrift geeignet ist – und falls ja, welche Experimente noch nötig sind, damit die Behauptungen vollständig belegt sind.

Gesicherte Erkenntnisse

Die Studie zu Spud Cells war nicht Teil eines Peer-Review-Prozesses. Was folgt daraus für den Umgang mit solchen Publikationen in der Öffentlichkeit?

Knoblich: Dazu ein paar allgemeine Bemerkungen. Wenn Wissenschaftler:innen mit der Presse kommunizieren, müssen sie Dinge vereinfachen. Die gesamte Logik einer wissenschaftlichen Arbeit lässt sich nicht in ihrer Komplexität weitergeben – ich muss sie herunterbrechen und bringe dabei zwangsläufig meine eigene Einschätzung ein. Deshalb halte ich es für extrem wichtig, dass in der Presse-Kommunikation nur Erkenntnisse vermittelt werden, die nicht individuelle Einzelmeinungen sind, sondern in der Wissenschaftswelt tatsächlich akzeptiert. Genau das wird durch den Peer-Review Prozess sichergestellt, ist aber hier nicht erfolgt.

Allerdings muss man zugeben, dass der Peer-Review-Prozess auch seine Probleme hat. Dieses Argument wird oftmals von Wissenschaftler:innen angeführt, die lieber direkt mit der Presse sprechen, statt ihre Arbeit begutachten zu lassen. Natürlich hat jede und jeder Wissenschaftler:in eine eigene Meinung; würde man zehn Wissenschaftler:innen zu dieser Publikation befragen, bekäme man zehn verschiedene Einschätzungen, und das spiegelt sich auch im Review-Prozess wider. Es stimmt, dass in Top-Journals im Schnitt Relevanteres publiziert wird als in Spezialzeitschriften – aber das trifft nicht für jede einzelne Publikation zu. Deshalb ist gerade die Beurteilung von Wissenschaftler:innen alleine durch die Zahl der Publikationen in diesen Top-Journalen problematisch. Unumstritten bleibt aber: Wenn in der Wissenschaft etwas behauptet wird, muss Evidenz dahinterstehen. Und genau dieses Prinzip wird hier nicht vollständig eingehalten.

 

Auf einen Blick

Jürgen Knoblich ein Molekularbiologe am IMBA – Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Professor für Synthetische Biologie an der Medizinischen Universität Wien sowie Mitglied der ÖAW und der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Pre-Print-Veröffentlichung von Forscher:innen der Universität Minnesota:

A Chemically Defined Synthetic Cell Capable Of Growth And Replication, Nathaniel J. Gaut, Christopher Deich, Brock Cash, Tanner Hoog, Aaron E. Engelhart, Katarzyna P. Adamala
DOI: https://doi.org/10.64898/2026.07.01.735724