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MusikarchäologieAntike

Klang aus dem Grab der Königin

Vor mehr als hundert Jahren wurden im Grab der meroitischen Königin Amanishakheto antike Blasinstrumente entdeckt. Lange galten sie als unlösbares Rätsel. Nun zeigen ÖAW-Forscher Stefan Hagel und sein Team, was die zerbrochenen Auloi über griechische Musik, technische Meisterschaft und kulturelle Verbindungen in der Antike verraten.

07.10.2026
Von links nach rechts: Susanne Gänsicke, Peter Holmes, Stefan Hagel und Olga Sutkowska bei der Bearbeitung des Fundes im Jahr 2015
© Museum of Fine Arts, Boston (SC323865).

Mehr als 2.000 Jahre lang waren sie verstummt: kunstvoll gearbeitete Blasinstrumente aus dem Grab der Königin Amanishakheto im antiken Meroë, im heutigen Sudan. Doch die Instrumente waren zerfallen, beschädigt und in unzählige Bruchstücke zerlegt. Was genau war hier erhalten? Wie hatten diese Instrumente geklungen? Und welche Musik wurde am Hof einer afrikanischen Königin gespielt? In dem Band Music from Ancient Meroë: Reconstructing Queen Amanishakheto’s Auloi legen Susanne Gänsicke, Senior Conservator of Antiquities am J. Paul Getty Museum, und Stefan Hagel, Experte für Musikarchäologie am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nun die Ergebnisse eines zwölfjährigen Forschungs- und Konservierungsprojekts vor. 

Der "heilige Gral" der Musikarchäologie

Herr Hagel, was wurde 1921 in Meroë eigentlich gefunden und warum ist dieser Fund so außergewöhnlich?

Stefan Hagel: Gefunden wurden Auloi, also antike Blasinstrumente griechischer Bauweise. Man kannte solche Instrumente aus Darstellungen und Ausgrabungen, aber ein Fund dieser Größenordnung war etwas ganz anderes. Das Material stammt aus dem Grab der Königin Amanishakheto im antiken Königreich von Meroë, im heutigen Sudan. Als ich begonnen habe, mich mit Auloi zu beschäftigen, war dieser Fund schon bekannt. Er war 1921 ausgegraben worden, später beschrieben und publiziert. Aber die Instrumente waren in unzählige Bruchstücke zerfallen. Wir haben später mehr als 200 größere Fragmente gezählt. Mir erschien dieser Fund immer also so etwas wie der heilige Gral der klassischen Musikarchäologie. Es war der größte Fund dieser Art – aber eben in einem Zustand, der eine Deutung fast unmöglich machte.

Mir erschien dieser Fund immer also so etwas wie der heilige Gral der klassischen Musikarchäologie.

Wie kommt man überhaupt an so ein Material heran?

Hagel: Ich hatte mich schon viele Jahre mit Auloi beschäftigt, Instrumente nachgebaut und gespielt und eine Software entwickelt, die genau für solche Fragen gedacht war. Dabei geht es darum, Fragmente zu erfassen, ihre Maße zu dokumentieren und aus Parametern wie Grifflochpositionen oder Durchmessern zu berechnen, welche Tonhöhen ein Instrument erzeugt haben könnte. Irgendwann bekam ich eine E-Mail aus Amerika mit der Frage, ob ich Interesse hätte, an diesem Fund zu arbeiten. Das war natürlich ein Angebot, das man als Forscher nicht ausschlägt.

Was war die größte Herausforderung bei der Rekonstruktion?

Hagel: Man durfte sich zunächst auf fast nichts verlassen. Die Fragmente waren über Jahrzehnte im Museum aufbewahrt worden, verschiedene Menschen hatten sich damit beschäftigt, manches war wahrscheinlich ausprobiert oder falsch zusammengesteckt worden. Viele ursprüngliche Informationen waren verloren. Die Restauratorin Susanne Gänsicke hatte bereits enorme Arbeit geleistet. Sie hatte winzige Bronze- und Knochenfragmente aufgrund von Farbe, Material und Form wieder zusammengebracht. Aber irgendwann kommt man mit rein konservatorischen Methoden nicht weiter. Viele Stücke haben glatte Enden. Um sie richtig zusammenzusetzen, muss man wissen, wie ein Aulos funktioniert und welche musikalischen Möglichkeiten es gab.

Es war eine Detektivarbeit über viele Jahre.

Da kam dann die musikarchäologische Seite ins Spiel. Ich habe mir Raster mit möglichen Tonabständen angelegt und Fragmente mit mehreren Tonlöchern dort positioniert, wo sie musikalisch Sinn ergeben konnten. Dabei musste man immer mehrere Dinge gleichzeitig bedenken: die Mechanik des Instruments, die möglichen Skalen, die antike Musiktheorie und die physische Form der Fragmente. So sind dann langsam mögliche Spielrohre „gewachsen“.

Das klingt nach einer Mischung aus Archäologie, Mathematik und Detektivarbeit.

Hagel: Ja, absolut. Es war eine Detektivarbeit über viele Jahre. Wir mussten Fragmente nummerieren, fotografieren, vermessen, in einer Datenbank erfassen und immer wieder neu prüfen. Wenn man ein Fragment an eine andere Stelle setzte, musste man zugleich sehen, was das musikalisch bedeutet. Nach etwa einem Jahr war klar, wie viele Instrumente es ungefähr waren und wie sie grundsätzlich aufgebaut sein mussten. Aber bis zu einer vollständigen Lösung dauerte es noch viele Jahre. Immer wieder musste ich Annahmen aufgeben, Software weiterentwickeln und neu beginnen. Insgesamt hat uns diese Arbeit über ein Jahrzehnt beschäftigt.

Von Griechenland bis Meroë

Wir haben es also sehr wahrscheinlich mit einem Kulturimport aus dem Norden zu tun, vielleicht aus Alexandria.

Welche zentrale Erkenntnis hat die Rekonstruktion gebracht?

Hagel: Eine wichtige Frage war: Haben wir es hier mit lokaler Musik zu tun? Gibt es afrikanische oder andere lokale Elemente? Oder lassen sich die Instrumente mit griechischer Musik erklären? Am Ende zeigte sich: Alles an diesen Instrumenten lässt sich mit griechischer Musiktheorie erklären – und zwar teilweise mit Dingen, von denen die Griechen selbst gesagt hätten: Das ist zutiefst griechisch. Wir haben es also sehr wahrscheinlich mit einem Kulturimport aus dem Norden zu tun, vielleicht aus Alexandria. Denkbar ist, dass Musiker mit ihren Instrumenten an den Hof kamen oder dort angestellt wurden. Gleichzeitig ist der Fund für die griechische Musik selbst unglaublich wertvoll. Denn er bestätigt Dinge materiell, die wir bisher vor allem aus Texten kannten.

Was genau konnte der Fund bestätigen?

Hagel: Ein Beispiel ist ein Drehring an einem der Instrumente. Er schaltet zwischen mehreren Tonlöchern um, verlegt ein Tonloch auf den Daumen und verschließt ein anderes. Das ist keine beliebige Mechanik, sondern ein sehr spezifisches musikalisches Design. Als wir die Stellung dieses Rings verstanden, ergab sich eine bestimmte Skala. Und diese Skala kannte ich aus der Literatur: Sie wird in einem hellenistischen Gedicht beschrieben, in dem es um Hermes, die Leier und die Harmonie der Planeten geht. Dort werden Tonstufen mit kosmischen Vorstellungen verbunden. Das Überraschende war: Was man leicht für ein philosophisches Spiel halten könnte, findet sich auf einem realen Instrument wieder. Damit zeigt sich ein viel engerer Zusammenhang zwischen philosophischer Spekulation und praktischer Musikausübung, als wir erwartet hätten.

Die Instrumente waren auch außergewöhnlich groß. Was bedeutet das?

Hagel: Ja, einige Instrumente sind unglaublich lang, über 1,15 Meter. Man muss sich vorstellen: Ein Aulosrohr wird mit nur einer Hand gehalten, ruht also auf dem Daumen, der gleichzeitig ein Tonloch bedient, und der Mund muss das ganze Gegengewicht tragen. So ein langes Instrument zu spielen, muss enorm schwierig gewesen sein. Diese Länge ist aber musikalisch entscheidend. Die tiefsten Löcher dieser Instrumente reichen genau bis zur tiefsten Note des griechischen Musiksystems, wie es in der Theorie beschrieben wurde. Dazu kommen weitere Löcher, mit denen sich Grundtöne verschiedener wichtiger griechischer Skalen erreichen lassen. Das ist eine großartige Bestätigung: Wir kannten diese Tonsysteme aus theoretischen Texten. Hier sehen wir sie plötzlich materiell umgesetzt – in einem Instrument. 

Was verraten die Auloi von Meroë historisch gesehen?

Hagel: Sie zeigen, wie weit hellenistische Kultur gereicht hat und wie komplex solche kulturellen Verbindungen waren. Meroë lag nicht im griechischen Kernraum. Und trotzdem finden wir dort Instrumente, die technisch und musikalisch tief in griechischer Musiktheorie verwurzelt sind. Das bedeutet nicht einfach, dass Kultur von einem Zentrum in eine Peripherie wandert. Es zeigt vielmehr, dass Eliten, Höfe, Musiker und religiöse Praktiken miteinander verbunden waren. Musik war Teil solcher Verbindungen. Sie wurde mit Menschen, Instrumenten, Ideen und Wissen weitergegeben.

Was verändert der Fund von Meroë an unserem Bild der Antike?

Hagel: Er zeigt, dass Musik nicht nur ein Randthema ist. In ihr verbinden sich Technik, Mathematik, Philosophie, Religion und kultureller Austausch. An einem Instrument kann man sehen, wie Menschen über Klang, Ordnung und Weltbilder nachgedacht haben. Die Auloi von Meroë sind deshalb nicht nur schöne oder seltene Objekte. Sie sind Zeugnisse einer hochentwickelten Musikkultur – und eines Austauschs, der über große Distanzen hinweg stattgefunden hat. Gerade heute – in Zeiten von viel Spaltung – ist es wichtig zu sehen, dass Kulturen nie isoliert waren. Es gab Verbindungen, auch dort, wo man sie auf den ersten Blick nicht erwarten würde.

 

Auf einen Blick

Stefan Hagel ist Altertumswissenschaftler am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er forscht zur antiken griechischen Musik, zu Musiktheorie, Instrumenten, Metrik und Rhythmus. Gemeinsam mit Susanne Gänsicke veröffentlichte er 2026 den Band Music from Ancient Meroë: Reconstructing Queen Amanishakheto’s Auloi, der die Rekonstruktion und musikalische Interpretation der Auloi aus dem Grab der Königin Amanishakheto dokumentiert. Die Rekonstruktion der Instrumente war Teil eines vom Europäischen Forschungsrat (ERC) geförderten Forschungsprojekts.