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ArchäologieInnovationen

KI spricht Altgriechisch: Apollo schließt Lücken in 2.000 Jahre alten Texten

Neues Sprachmodell von Österreichischer Akademie der Wissenschaften und Mistral entwickelt. „Apollo“ ergänzt fehlende Inhalte in fragmentarischen antiken Texten. Weltweit erstes LLM für Altgriechisch.

 

23.09.2026
Papyrus aus der römischen Kaiserzeit mit einer griechischen Geburtsanzeige, von Apollo rekonstruiert (Römisches Ägypten, 149 n. Chr.)
© Österreichische Nationalbibliothek

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike. Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. 92 Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte. Doch: Die wissenschaftliche Erschließung erfordert enorm viel Zeit und sehr spezifisches Wissen. Genau hier setzt „Apollo“ an: das weltweit erste große KI-Sprachmodell für Altgriechisch.

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer einzigartigen Kooperation zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply. Nun präsentieren die Forschungspartner die erste Stufe des Apollo KI-Systems, die damit ab sofort der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

600 Millionen Wörter Altgriechisch in Sekundenschnelle abrufbar

Das Besondere an Apollo: Das Sprachmodell kann fehlende Inhalte von Fragmenten eigenständig ergänzen. Denn die meisten Texte der Antike sind nur unvollständig überliefert. Es fehlen einzelne Wörter oder sogar ganze Textpassagen. Diese können für das Verständnis und die historische Einordnung eines Schriftstückes entscheidend sein. Mit Apollo können nun in Sekundenschnelle solche Textlücken geschlossen werden. Der lückenhafte Text wird einfach in die KI eingegeben, diese erstellt sofort passende Vorschläge, die Forschende dann wiederrum sichten und prüfen können.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter sind üblicherweise der Standard für LLMs – ist Apollo enorm treffsicher. „Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer Blindstudie evaluiert haben, Apollo's Vorschläge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser.

Altgriechisch ist nicht gleich Altgriechisch

Besonders beeindruckend ist zudem, wie präzise Apollo zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann, betont Anna Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers „Odyssee“ stammt, und ergänzt ihn im passenden Sprachregister.“

Wie gut das funktioniert demonstrierte Anna Dolganov bei der erstmaligen Präsentation von Apollo vor Medien anhand von drei originalen Beispielen aus der Geschichte. Eine antike Geburtsurkunde wurde von Apollo vollständig rekonstruiert, eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle wurde an entscheidenden Stellen vollständig lesbar gemacht. Mit der Rekonstruktion einer fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum lässt sich zudem belegen, dass in einer bestimmten Region bereits Römisches Recht galt, eine weitreichende Erkenntnis, die durch einen Beleg für die römische Prostitutionssteuer untermauert wird.

Völlig neue Erkenntnisse zur Antike möglich

Das Apollo KI-System kann damit völlig neue Einblicke in die antike Welt geben und zu einem tieferen Verständnis unseres kulturellen Erbes beitragen. „Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei Steuerquittungen“, erklärt Dolganov. Gleichzeitig könnten einzelne, bisher unpublizierte Schriftstücke völlig überraschende historische Zeugnisse bergen.

Für Dolganov ist aber auch klar, was die KI nicht kann: den Menschen ersetzen. „Apollo bedeutet nicht nur eine Beschleunigung der Arbeit, sondern eine echte Anregung. Das Modell schlägt Ergänzungen in Texten vor, auf die man sonst vielleicht nie oder erst nach langer Suche gekommen wäre.“ Forschende können so neuen Fragestellungen nachgehen.

Next step: Eine KI für Latein

Der ersten Stufe des Modells, die nun präsentiert wurde, sollen bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“, wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen bei Altgriechisch nicht aufhören. Aufbauend auf den wertvollen Erfahrungen soll die KI künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für das Projekt noch fehlt, ist ein passender Name. Aber vielleicht kann Apollo diese Lücke für seinen lateinischen Bruder füllen und einen Vorschlag machen.

Was hinter dem Namen Apollo steckt

Apollo ist der antike Schutzpatron der Künste und Wissenschaften. In Zusammenarbeit mit den europäischen KI-Unternehmen Mistral und SAIL Reply hat die ÖAW das KI-System mit rund 400.000 Euro finanziert. Apollo ist im Eigentum der ÖAW und als Open-Access-Anwendung frei zugänglich.

Stimmen zu Apollo

Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung: „KI allein macht noch keine gute Wissenschaft. Entscheidend ist, was wir daraus machen: mit fachlicher Expertise, klaren wissenschaftlichen Standards und guter Qualitätssicherung. Genau das zeigt dieses Projekt eindrucksvoll und macht sichtbar, welches Potenzial entsteht, wenn europäische KI-Kompetenz auf wissenschaftliche Exzellenz trifft. Ich gratuliere allen Beteiligten herzlich und bin gespannt, welche Erkenntnisse daraus noch entstehen werden.“

Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW): „Apollo bringt die Erforschung von historischen Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral: „Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI, die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann, auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft. Indem Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das ist erst der Anfang. Wir sind stolz darauf, mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an einem Modell zu arbeiten, das offen und frei zugänglich ist und ganz im Dienst der Forschung steht.“

 

Auf einen Blick

apollo.vbc.ac.at  
 

Publikation:

Apollo Restore: A Foundation LLM for Historical Greek Optimized for Fill-in-the-Middle Restoration of Ancient Greek Texts, Hope McGovern, Anna Dolganov, Samuel Belkadi, Guillaume Kunsch, Dimitris Vlitas, David A. Smith, ArXiv 2026
DOI: https://doi.org/10.48550/arXiv.2609.22455