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Künstliche IntelligenzDiskussion

KI am Scheideweg: Wem dient der Fortschritt?

Ob und wie KI zum Zweck des Gemeinwohls eingesetzt werden kann, diskutieren Expert:innen an der ÖAW. Im Zentrum stand dabei der Human Development Report "A Matter of Choice: People and Possibilities in the Age of AI", der vom Österreichischen IIASA-Rat in Kooperation mit dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) und dem United Nations Development Programme (UNDP) in Wien vorgestellt wurde.

16.12.2025
Menschliches Handeln im Zeitalter der KI diskutierten Expert:innen an der ÖAW.
© Adobe Stock

KI führt uns an einen Scheideweg der menschlichen Entwicklungsgeschichte, so IIASA-Direktor Johann Schellnhuber in seinem Eröffnungsstatement der Veranstaltung "Human Agency in the Age of AI" am 9. Dezember 2025 an der ÖAW. Er verglich die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz mit der größten technischen Umwälzung des vergangenen Jahrtausends, dem Buchdruck. Der Buchdruck habe Gutes, aber auch Schlechtes gebracht. Er habe Renaissance und Aufklärung ermöglicht, aber auch die großen Religionskriege befeuert: „Diese bisher größte Disruption der Menschheitsgeschichte zeigt, dass es ganz von uns abhängt, was wir aus einer Erfindung machen.“

Wie aber können wir dafür sorgen, damit KI uns in unserem Streben nach Würde und Wohlstand für alle unterstützt? „Wir brauchen einen KI-Umgang, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, forderte Melanie Hauenstein, Direktorin der UNDP-Repräsentanz in Deutschland. Damit die Politik hier sinnvolle Richtungsentscheidungen treffen könne, müsse zunächst die Wissenschaft zuverlässige Forschungsdaten liefern. Daten, wie sie der „Human Development Report 2025“ unter dem Thema „Eine Frage der Wahl: Menschen und Möglichkeiten im KI-Zeitalter“ enthält.

Synthetische Wirklichkeit

Eine der Leitfragen des Berichts lautet: Arbeitet KI für die Menschenoder gewöhnen sich Menschen daran, dass Entscheidungen zunehmend von Algorithmen, Plattformen und Konzernen getroffen werden? Die Antwort des Human Development Report 2025: Wir sind noch nicht fremdbestimmt, doch der Prozess, Auswahl, Gewichtung und Entscheidungen auszulagern, hat bereits begonnen.

Dass KI unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit verändert, zeigte sich eindrücklich bei der Präsentation des Reports. Intelligente Videowerkzeuge wie Google VEO oder Sora von OpenAI erzeugen mit minimalem Aufwand synthetische Bild- und Nachrichtenwelten, die das Netz schon heute fluten. UNDP-Chefstatistikerin Yanchun Zhang eröffnete ihre Keynote entsprechend mit einem KI-generierten, erschreckend lebensechten Interview mit ihrem eigenen Avatar.

Die Umfragen des HDR 2025 zeigen zudem: Der Blick auf KI ist eine Frage von Bildung und Lebensstandard. Je höher beides ist, desto größer die Skepsis. Umgekehrt setzen gerade jene, die durch die wachsende digitale Kluft potenziell weiter ins Hintertreffen geraten, besonders große Hoffnungen in die Technologie.

Stagnation der Entwicklungskurve

Ein zentrales Ergebnis des Human Development Report 2025 zeigt, dass Lebensqualität, Bildung, Gesundheit und Einkommen weltweit seinen jahrzehntelangen Aufwärtstrend nicht fortsetzen. Nach den Einbrüchen der Pandemie erholt sich die Entwicklung langsamer als erwartet; in manchen Bereichen stagniert sie, in einzelnen Ländern und Bevölkerungsgruppen geht sie sogar zurück. Der Report diagnostiziert damit keinen abrupten Absturz, wohl aber einen gefährlichen Stillstand. Bildungserfolge verlieren an Dynamik, Fähigkeiten entwickeln sich ungleich, bestehende Ungleichheiten vertiefen sich. Digitale Technologien – von Smartphones bis zu KI – wirken dabei laut Report nicht als eindeutige Ursache, sondern als Verstärker bestehender Trends.

KI kann in der Wissenschaft Datensätze säubern und Studierende als persönlicher Tutor unterstützen.

Dabei könnte KI durchaus gegensteuern, etwa in der Forschung oder in der Bildung, wie Podiumsteilnehmerin Ariane Mora, Rechercheleiterin ATIHYRA-Institut der ÖAW, betonte: „KI kann in der Wissenschaft Datensätze säubern und Studierende als persönlicher Tutor unterstützen.“

Kehrseite der hilfreichen KI

Doch jeder positive Aspekt hat eine Kehrseite: Der Energieaufwand für KI sei enorm, führte Carl-Friedrich Schleussner (IIASA) als Negativbeispiel an. Zugleich habe man aber die Hoffnung, mit Hilfe von KI Architektur und Transportwesen Richtung Nachhaltigkeit zu verändern. Es komme eben ganz darauf an, wie man KI einsetze, ob man den Alltag sinnvoll augmentiere oder versuche, die Wirklichkeit durch synthetische Inhalte zu ersetzen.

Dabei ist die Frage, ob KI zum Wohl oder Niedergang der Menschheit beitragen wird, eine alte: Podiumsteilnehmer und KI-Urgestein Robert Trappl (OFAI) publizierte bereits in den frühen 2000er Jahren zur Frage „Kann KI Kriege verhindern?“. 

Kritisches Denken gefragt

„Wie viele Menschen haben ein derart tiefes Verständnis von Künstlicher Intelligenz, dass sie sie entwickeln und wirklich beherrschen können: Einige hundert? Einige Tausend?“, stellte Joachim Schellnhuber gegen Ende der Diskussion eine entscheidende Frage an die Expert:innen des Podiums – um gleich im Anschluss nachzuhaken, in welchen Bereichen diese Wissenselite tätig sei. Eine rhetorische Frage, denn wer von den hochbezahlten KI-Expert:innen stellt sein oder ihr Know-how in den Dienst des Gemeinwohls? Die meisten arbeiten vielmehr für die privatwirtschaftlichen Ziele großer Tech-Konzerne.

„Was also können wir tun?“, fragte Moderatorin Elena Rovenskaya. „Ich würde nicht auf einen positiven Ausgang wetten“, so Karl-Friedrich Schleussner, „aber: Wir müssen unbedingt alles versuchen.“ Die Schlüsselfähigkeit im Zeitalter der KI? „Kritisches Denken“, formulierte Clara Neppel (IEEE) den Abschlussgedanken. „Das ist heute wichtiger, als je zuvor war!“

 

Auf einen Blick 

IIASA (International Institute for Applied Systems Analysis) ist ein internationales Forschungsinstitut mit Sitz in Laxenburg bei Wien, das globale Probleme wie Klimawandel, Energie, Demografie oder Ungleichheit mit interdisziplinären, datenbasierten Modellen analysiert. Gegründet wurde das IIASA 1972 von nationalen Wissenschaftsakademien aus Afrika, Amerika, Asien, Europa und Ozeanien. Die ÖAW ist die österreichische Mitgliedsorganisation des IIASA und beheimatet den IIASA-Rat.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) ist die zentrale UN-Organisation für Entwicklungszusammenarbeit und Armutsbekämpfung. Es unterstützt Staaten weltweit bei nachhaltiger Entwicklung, guter Regierungsführung, Klimaschutz und Krisenprävention.

Der Human Development Report (HDR) ist ein internationaler Entwicklungsbericht, der misst und analysiert, wie es um Lebensqualität, Bildung, Gesundheit und Einkommen in Ländern weltweit steht. Zentrales Instrument ist der Human Development Index (HDI), der diese Faktoren vergleichbar macht. Herausgegeben wird der jährlich mit einem thematischen Schwerpunkt erscheinende Bericht vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP).