Irrwege der Medizin: Asthma-Zigaretten, Nikotin-Einläufe und Strychnin-Pillen
05.06.2025
Wogegen sollte „rektales Rauchen“ helfen? Wer waren die sogenannten „Radium-Girls“? Wie lange wurden „Asthma-Zigaretten“ verkauft? Und: Warum streute man in der Steiermark das giftige chemische Element Arsen aufs Butterbrot? Die Medizinhistorikerin Daniela Angetter-Pfeiffer vom Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat in ihrem jüngsten Buch „Rausch, Gift und Heilung“ (Amalthea Verlag) erstaunliche Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen zusammengetragen.
Ungesunde Therapien
Was war der Anlass für dieses Buch?
Daniela Angetter-Pfeiffer: Ich dachte schon bei meinem letzten Buch „Als die Dummheit die Forschung erschlug“, dass es spannend sein könnte, alte Heilmethoden unter die Lupe zu nehmen. Einige werden gerade wiederentdeckt, etwa die Kältetherapie, die nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde, um Shellshock-Symptome zu behandeln, also bei traumatisierten Veteranen, die bei Lärm in Deckung gingen, weil sie dachten, es handle sich um Kanonen. Moderate Kälte hat geholfen, sie zu beruhigen. Oft stellt sich aber auch die Frage: Wie konnten Patient:innen bestimmte Behandlungen überhaupt überleben? Beim Aderlass wurden bis zu eineinhalb Liter Blut abgezapft. Man ging von der irrigen Ansicht aus, der Mensch habe 24 Liter Blut im Körper.
Beim Aderlass wurden bis zu eineinhalb Liter Blut abgezapft. Man ging von der irrigen Ansicht aus, der Mensch habe 24 Liter Blut im Körper.
Manche Therapien waren also im Ansatz gut, aber man wusste noch zu wenig darüber?
Angetter-Pfeiffer: Genau, Schädeloperationen hat man bereits in der Antike durchgeführt. Wenn Patient:innen eine Beule hatten, wurde der Schädel aufgeschnitten oder ein Loch gebohrt. Man dachte, dadurch könne das Blut austreten. Man hat teilweise ganze Schädelknochen herausgenommen und wieder eingesetzt, wenn die Wunde verheilt war. In der Zwischenzeit wurde dieser Knochen im Bauchraum der Patient:innen eingesetzt, damit er dort überleben konnte. Als Betäubung hat man zumindest Opiumschwämme verwendet, die den Patient:innen vor Mund und Nase gehalten wurden.
Nobelpreis für den „Lobotomie-Papst“
Die Lobotomie, ein Eingriff ins Gehirn, wurde lange angewandt, um psychische Krankheiten zu behandeln. Eine äußerst umstrittene Methode.
Angetter-Pfeiffer: Sein Erfinder António Egas Moniz bekam 1949 den Medizin-Nobelpreis dafür, eine Entscheidung der Nobelversammlung, die bereits damals für Diskussionen sorgte. Der US-Psychiater Walter Freeman wurde zum Lobotomie-Papst und tourte mit seinem „Lobotomobile“ durch die USA. Er behandelte Menschen, die psychisch auffällig waren und ruhiggestellt werden sollten. Viele haben durch den Eingriff ihre Persönlichkeit verloren oder haben nicht überlebt. Ein prominentes Beispiel ist Rosemary Kennedy, die Schwester der späteren US-Präsidenten, die nach einer Lobotomie ihr Leben schwerbehindert in einem Pflegeheim verbringen musste.
Am Anfang wurde Coca-Cola gegen Müdigkeit, Zahnschmerzen und Depressionen eingesetzt. Es versprach zudem, die Potenz zu steigern. Es ist bis heute nicht geklärt, wie viel Kokain enthalten war.
Warum galt Coca-Cola als Medizin?
Angetter-Pfeiffer: Das Getränk wurde durch einen Zufall 1886 erfunden. Der amerikanische Apotheker John Stith Pemberton wollte einen Sirup herstellen, der Kopfschmerzen lindert und hat dafür mit Coca-Pflanzen experimentiert. Am Anfang wurde Coca-Cola aber auch gegen Müdigkeit, Zahnschmerzen und Depressionen eingesetzt. Es versprach zudem, die Potenz zu steigern. Man bekam Coca-Cola glasweise in den Apotheken. Es ist bis heute nicht ganz geklärt, wie viel Kokain enthalten war. Es gab Anfang der 1890er-Jahre einige Berichte über Coca-Cola-Vergiftungen.
Rauchen als Medizin
Warum wurde Nikotin lange als Heilmittel betrachtet?
Angetter-Pfeiffer: Bereits im Mittelalter wurde Nikotin angewendet, um Beschwerden wie Verstopfungen und Blähungen durch einen Einlauf zu lindern. Einläufe sind eine der ältesten Behandlungsmethoden der Medizingeschichte, man kannte sie schon in der Antike. Für diese Anwendung hat man Tabak-Sud oder Rauch mittels einer Klistierspritze in den Darm eingeleitet. Dieses „rektale Rauchen“ sollte bei Verdauungsproblemen helfen. Man hat diese Form des Einblasens im 18. Jahrhundert aber auch genutzt, um beinahe Ertrunkene wiederzubeleben.
Ich nehme an, das hat nicht funktioniert.
Angetter-Pfeiffer: Es konnte zur Bewusstlosigkeit führen, zum Erbrechen, aber auch zum Tod. Tabak-Sud ist hochgiftig. Wenn ein Kind den Rest eines Zigarettenstummels kaut, kann das schwere Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Trotzdem hat man Rauchen lange als Behandlungsmethode gegen Asthma eingesetzt, weil man glaubte, dass sich durch den Rauch die Bronchien öffnen. Asthma-Zigaretten gab es bis in die 1980er-Jahre.
Todkranke „Radium Girls“
In Ihrem Buch ist auch von „Radium-Girls“ die Rede. Was ist das?
Angetter-Pfeiffer: Nach der Entdeckung des Radiums setzte eine breite Vermarktung ein. Es wurde nicht nur gegen Hautkrankheiten verwendet, „Radium-Girls“ waren US-Fabriksarbeiterinnen, die Uhrenblätter mit Radium bemalten, die leuchten sollten. Damit ihre Pinsel schön bleiben, haben sie diese mit der Zunge nass gemacht und so Radium aufgenommen. Viele haben sich die Fingernägel mit Radium lackiert oder die Haare gefärbt. Die Fabriksbesitzer haben das toleriert, obwohl sie wussten, dass Radium schädlich ist. Es kam zu schweren gesundheitlichen Schäden: Den Frauen sind die Zähne ausgefallen, bei manchen sind die Knochen und die Wirbelsäule zerbröselt. Nicht selten hat das mit dem Tod geendet. Radium ist heute als Basis moderner Therapien nicht mehr wegzudenken, allerdings in richtiger Dosierung.
Bandwurmdiäten haben geboomt.
Welche Irrwege in Sachen Schönheitsbehandlungen gab es?
Angetter-Pfeiffer: Man hat Strychnin-Pillen verwendet, um schlank zu bleiben. Beliebt waren aber auch Bandwürmer, weil man dachte, der Wurm sei ein kleiner Helfer im Körper, der einen Teil der Nahrung verwertet. Bandwurmdiäten haben geboomt. Es gab den Mythos, dass die Opernsängerin Maria Callas oder das Supermodel Claudia Schiffer eine Bandwurmdiät gemacht hätten. Auch, wenn das Zeitungsenten waren, haben sie viele Nachahmerinnen gefunden. Kurzzeitig ist man schlanker geworden, aber letztendlich brauchte man eine Kur, um den Bandwurm wieder loszuwerden. Nachhaltig war das nicht.
Und wie sieht es mit den Arsen-Essern aus?
Angetter-Pfeiffer: Man wollte nicht nur schlank sein, sondern auch einen rosigen Teint haben. Arsen war deshalb bei jungen Frauen sehr beliebt, man hat es wie Salz aufs Brot gestreut oder Käse mit Arsen gegessen. Das war bis in die 1970-er und 1980er-Jahre in der Steiermark weit verbreitet. Ich habe Leute kennengelernt, die erzählt haben, dass sie Arsen-Esser gewesen sind. In diesem Fall hat sich der Satz von Paracelsus bewahrheitet: Die Dosis macht das Gift. Aber natürlich sollte man das nicht nachahmen, es gibt andere Methoden, um schön zu sein.
AUF EINEN BLICK
„Rausch, Gift und Heilung. Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen“ lautet der Titel des neuen Buches von Daniela Angetter-Pfeiffer. Es ist im Wiener Amalthea Verlag erschienen und umfasst 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.
ISBN-13: 978-3-99050-284-6
Daniela Angetter-Pfeiffer studierte Geschichte und Germanistik und ist am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig. Die aktive Notfallsanitäterin befasst sich mit Medizin-, Militär-, (Natur-) und Wissenschaftsgeschichte, Notfall- und Katastrophenmedizin. 2024 wurde sie für das Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet.

