Happy birthday, EASAC!
11.06.2026
Waldbrände, Tiefseebergbau, der Einsatz von Pestiziden: Zu vielen drängenden Fragen hat das European Academies' Science Advisory Council (EASAC) hat der EU-Politik wissenschaftliche Grundlagen geliefert – und feiert 2026 sein 25-jähriges Bestehen. EASAC vereint die nationalen Wissenschaftsakademien der EU-Mitgliedsstaaten sowie Norwegens, Großbritanniens und der Schweiz – darunter die Royal Society, die Académie des sciences und die Österreichische Akademie der Wissenschaften – und erarbeitet wissenschaftliche Stellungnahmen und Empfehlungen für die EU-Institutionen, ohne dabei Aufträge von außen entgegenzunehmen. Was dieses unabhängige und wissensbasierte Modell leistet, wo es an Grenzen stößt und welche Themen derzeit besonders dringlich sind, erläutert Präsidentin Lise Øvreås im Interview.
Unsere veröffentlichten Berichte werden regelmäßig von Wissenschaftler:innen und Politiker:innen gleichermaßen herangezogen.
Seit 25 Jahren liefert EASAC wissenschaftliche Beratung für die Entscheidungsprozesse der Europäischen Union. Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem dies besonders erfolgreich war?
Lise Øvreås: Ein besonders erfolgreiches Beispiel ist unser Bericht über den Einsatz von Neonikotinoiden in der Landwirtschaft. Es war ein langer Prozess, aber die Belege waren eindeutig: Diese Substanzen sind schädlich für Insekten und die biologische Vielfalt. Schließlich handelte die Europäische Union auf dieser Grundlage – und hat hat nach wie vor als einzige Rechtsordnung diese Chemikalien in der Landwirtschaft einschränkt. Die Kommunikation mit den Entscheidungsträger:innen war dabei zentral, zumal die Industrie erheblichen Gegendruck ausübte, um die weitere Verwendung dieser Produkte zu sichern. Es war ein schwieriger Prozess, der bereits vor meiner Zeit begann, aber er zählt nach wie vor zu den wichtigsten Errungenschaften von EASAC.
Ein neueres Beispiel ist unser Bericht „Changing Wildfires“, der im vergangenen Jahr erschien – genau zu dem Zeitpunkt, als Europa buchstäblich in Flammen stand. Die zeitliche Übereinstimmung war beeindruckend. Der Bericht erfasste nicht nur die Dringlichkeit des Moments, sondern enthielt auch konkrete Empfehlungen zur Prävention, zur Vorbereitung und zur Reaktion auf solche Ereignisse. Ein weiteres überzeugendes aktuelles Beispiel ist unsere Stellungnahme zum Tiefseebergbau, die ebenfalls im richtigen Moment kam – als europäische Länder abwägten, ob sie den Meeresgrund für den Abbau freigeben sollten. Wir haben dabei wichtige Fragen aufgeworfen: Brauchen wir all diese Rohstoffe für die grüne Transition wirklich, und sind die damit verbundenen Kosten gerechtfertigt? Dies sind nur die Beispiele, die mir spontan einfallen, aber unsere veröffentlichten Berichte werden regelmäßig von Wissenschaftler:innen und Politiker:innen gleichermaßen herangezogen.
Unabhängige Expertise
Was unterscheidet die Empfehlungen von EASAC von den zahlreichen anderen wissenschaftlichen Berichten, die die EU-Institutionen erhalten?
Øvreås: Der Unterschied liegt darin, dass unser Prozess vollständig von unten nach oben verläuft. Wir erhalten keine Aufträge vom Europäischen Parlament oder anderen Institutionen, die uns vorschreiben, welche Themen wir untersuchen sollen. Stattdessen arbeiten wir über unser Netzwerk nationaler Akademien und identifizieren selbst Wissenslücken – Bereiche, in denen uns eine fundierte wissenschaftliche Einschätzung fehlt. Wir wählen dann ein Thema, führen eine gründliche Überprüfung und Bewertung durch und präsentieren die Ergebnisse. Essentiell dabei ist, dass wir vollständig unabhängig sind. Niemand hat unser Gutachten in Auftrag gegeben. Wir schreiben, was wir für notwendig erachten.
Die wissenschaftliche Gemeinschaft findet in der Regel einen gemeinsamen Nenner, weil die Schlussfolgerungen auf realen Daten basieren.
Wie funktioniert die Konsensfindung unter 29 nationalen Akademien? Bemerken Sie unterschiedliche wissenschaftliche Kulturen?
Øvreås: Natürlich bringen 29 Akademien unterschiedliche Kulturen mit. Das wurde besonders während der Pandemie deutlich, als verschiedene Länder Probleme auf sehr unterschiedliche Weise angingen. Wir sind eine heterogene Gruppe. Dennoch teilen wir dasselbe grundlegende Bekenntnis zu wissenschaftlicher Unabhängigkeit und Qualität. Wir bemühen uns, Expert:innen aus möglichst vielen Akademien einzubeziehen. Sobald ein Bericht ausgearbeitet ist, durchläuft er ein Begutachtungsverfahren, und alle Akademien müssen ihm vor der Veröffentlichung zustimmen. Meinungsverschiedenheiten kommen gelegentlich vor, aber fast immer gelingt es uns, die Formulierungen so anzupassen, dass alle dahinter stehen können. Die wissenschaftliche Gemeinschaft findet in der Regel einen gemeinsamen Nenner, weil die Schlussfolgerungen auf realen Daten basieren. Wir betreiben keine eigene Forschung, sondern synthetisieren und bewerten, was bereits vorhanden ist.
Wasser, Biodiversität und Energie
Welche Themen oder Programme sehen Sie derzeit als besonders dringlich an?
Øvreås: Wir starten gerade ein neues Projekt zur Wasserknappheit und Wasserrückhaltung in Europa. Wasser – genug davon zu haben, es sauber zu halten und Überschüsse zu bewirtschaften – ist für jedes Land von grundlegender Bedeutung und steht ganz oben auf der EU-Agenda. Ich bin sehr gespannt, wohin diese Arbeit führen wird.
Auch unser jüngster Kommentar zur Renaturierung liegt mir besonders am Herzen. Angesichts des Ausmaßes der Klima- und Biodiversitätskrise kann man sich leicht überwältigt fühlen. Aber dieser Bericht lieferte ein detailliertes, evidenzbasiertes Bild des aktuellen Zustands unserer Natur sowie konkrete Beispiele erfolgreicher Renaturierungsmaßnahmen. Was mich am meisten beeindruckt hat, war, wie häufig biologische Systeme – beispielsweise Feuchtgebiete, die für die Kohlenstoffbindung unverzichtbar sind – kurzfristigen Annehmlichkeiten geopfert werden, etwa um eine Fahrtzeit um ein paar Minuten zu verkürzen. Diese Spannung zwischen wirtschaftlichem Druck und ökologischem Wert wurde dabei besonders klar herausgearbeitet.
Zudem haben wir mehrere Berichte zur Energienachfrage und zur Schnittstelle von Energie und Wirtschaft verfasst, die ich für zunehmend bedeutsam halte. Im April 2026 haben wir einen Kommentar zur Integration von Energiesystemen veröffentlicht. Die Arbeit wird interdisziplinärer als noch vor wenigen Jahren – eine wichtige Entwicklung. Die Berichte erreichen dadurch ein breiteres Publikum.
KI unter der Lupe
Und EASAC hat auch einen Bericht zu Künstliche Intelligenz in Vorbereitung?
Øvreås: Ja, es handelt sich um einen Bericht über Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen, der im September veröffentlicht wird. Dieser gemeinsame Bericht mit der Federation of European Academies of Medicine (FEAM) wird anhand von Fallstudien untersuchen, wie der Mehrwert von KI-integrierten Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen bewertet werden kann, um sie in die Gesundheitsversorgung zu überführen.
Darüber hinaus hat EASAC auch eine umfassendere Reflexion über den Einsatz von KI im Bereich der wissenschaftlichen Beratung angestoßen – zu den Möglichkeiten und Fallstricken sowie zu den Aspekten, auf die man achten sollte. Was mir dabei am wichtigsten erscheint, ist das Verständnis der Logik hinter KI-Werkzeugen: wie man sie sinnvoll einsetzen kann – und wie nicht. Als Professorin erlebe ich diese Herausforderung unmittelbar bei Studierenden. Künstliche Intelligenz kann das menschliche Gehirn oder menschliche Kreativität niemals ersetzen. Sie arbeitet, indem sie vorhandene Daten und Informationen neu kombiniert. Das ist eine wesentliche Einschränkung, die man sowohl beim Einsatz dieser Werkzeuge als auch bei der Ausbildung der nächsten Generation von Wissenschaftler:innen im Blick behalten muss. Zu der genannten Reflexion werden wir zu gegebener Zeit mehr mitteilen können.
Wir müssen mehr Anstrengungen unternehmen, um Vertrauen zu gewinnen.
Vertrauen Politiker:innen der Wissenschaft noch? Oder werden Belege zunehmend selektiv für politische Zwecke genutzt?
Øvreås: Die Informationslandschaft hat sich enorm verändert. Früher konnte jemand mit einer konkreten Frage eine Expertin oder einen Experten aufsuchen und eine klare Antwort erhalten. Heute werden wir alle mit Informationen aus unzähligen Kanälen überflutet, und selbst eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse stoßen auf mehr Skepsis als früher. Soziale Medien verstärken dies, indem sie Randmeinungen dieselbe Reichweite verschaffen wie etabliertem Fachwissen.
Als Wissenschaftler:innen müssen wir uns dieser Realität anpassen. Wir müssen mehr Anstrengungen unternehmen, um Vertrauen zu gewinnen – und ich bin überzeugt, dass das kollektive Arbeiten, wie es EASAC praktiziert, Teil der Antwort ist.
Auf einen Blick
Lise Øvreås ist ab 2026 Präsidentin der EASAC und Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bergen, Norwegen. Sie forscht seit über 25 Jahren zur mikrobiellen Ökologie in der Arktis, mit Fokus auf die Auswirkungen des Klimawandels auf Permafrost- und Gletscherökosysteme. Sie ist Mitglied mehrerer renommierter Akademien und war 2022–2024 Präsidentin der Norwegischen Akademie der Wissenschaften.
