08.01.2024 | Gebirgsforschung

Gletscherforscherin Andrea Fischer ist Wissenschaftlerin des Jahres

​​​​​​​ÖAW-Glaziologin Andrea Fischer wurde vom Club der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen zur Wissenschaftlerin des Jahres gewählt. Vom Zustand der österreichischen Gletscher und der Rolle langfristiger Beobachtung des „ewigen Eises“ in der Forschung erzählt Andrea Fischer im Interview.

Die Wissenschaftlerin des Jahres: ÖAW-Gebirgsforscherin Andrea Fischer. © Martin Stocker-Waldhuber/ÖAW

Seit 1891 wird in Österreich die Länge von Gletschern systematisch gemessen. Das erlaubt Vergleichswerte und zeigt, wie sich die Eismassen über Jahrzehnte hin verändern. Andrea Fischer, Glaziologin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW und frisch gekürte Wissenschaftlerin des Jahres, pocht auf die Bedeutung solch langfristiger Forschung. Sie weist auf den bedrohten Zustand der österreichischen Gletscher hin sowie auf die Chance, aus den aktuellen Krisen zu lernen.

Das Ende der Gletscher

Wie würden Sie den aktuellen Zustand der österreichischen Gletscher beschreiben?

Andrea Fischer: Mit einem Wort: prekär. Mit drei Worten: Das Ende naht. Die im letzten Inventar über 900 österreichischen Gletscher sind in den letzten 20 Jahren schon sehr dünn geworden. Die letzten beiden Jahre haben nochmals extreme Eisverluste gebracht, die nun nicht mehr - wie in vergangenen Jahren - hauptsächlich zu einem Rückgang an der Gletscherzunge führen, sondern zum großflächigen Zerfall der Eiskörper bis in die Gipfelregionen hinauf. Auch das Aussehen der Gletscher hat sich entsprechend markant geändert, ab Juli/August sind große Flächen schneefrei, auch der helle Firn ist zum größten Teil abgeschmolzen, und so sind die Gletscher sehr dunkel geworden.  2023 sind einzelne Gletscher vollkommen abgeschmolzen, eine Quantifizierung steht noch aus.

Wir wollen Änderungen messen, die innerhalb eines Forscherlebens nicht fassbar sind.

Wie wichtig ist die langfristige Beobachtung der Gletscher in der Forschung?

Fischer: Gletscherforschung ist eine Disziplin, die zwar Arbeit über Generationen braucht, aber dann sehr starke und gut nachvollziehbare Aussagen zu Klimaänderungen und ihren lokalen Auswirkungen liefert. Wir wollen Änderungen messen, die innerhalb eines Forscher:innenlebens nicht fassbar sind. Dafür werden die Messmethoden und das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben und um neue Methoden ergänzt. Ein schönes Beispiel sind die seit 1891 in Österreich systematisch durchgeführten Gletscherlängenmessungen. Die Methode ist einfach, wird seit Generationen gleich angewendet und ergibt so lange und aussagekräftige Zeitreihen, aus denen klar ersichtlich ist, dass der Gletscherrückgang derzeit so stark ist wie noch nie seit Beginn der Messungen. Wir verwenden Eisbohrkerne, um den Beobachtungszeitraum noch einmal zu verlängern, in den Alpen bis zur Mittelholozänen Warmzeit, an deren Ende Ötzi der Eismann gelebt hat. Damals war es etwa ebenso warm wie heute, aber aus anderen Gründen. Der heutige, menschgemachte Klimawandel hat das Potential, uns aus dem Regime der letzten 1.5 Millionen Jahre, in der sich Eiszeiten und Zwischeneiszeiten abgewechselt hatten, herauszukatapultieren - mit noch unabsehbaren Folgen für die Ökosysteme und folglich auch für die Menschen. Um festzustellen, wie ungewöhnlich der heutige Temperaturanstieg und folglich auch der Gletscherrückgang ist, brauchen wir die langen Zeitreihen und die Eisbohrkerne.

Jahrtausende altes Eis

Jede Krise bietet neue Möglichkeiten, die Welt ein Stück besser zu machen.

Welche langfristigen Trends haben Sie dadurch in Ihrer Forschung feststellen können?

Fischer: Die Massenbilanzdaten werden im Netzwerk des World Glacier Monitoring Service mit Daten aus anderen Gebirgen der Erde verglichen. Dieser Vergleich zeigt, dass der Rückgang der Ostalpengletscher weiter fortgeschritten ist als in anderen Regionen. Der Vergleich mit den Eisbohrkernen zeigt, dass die letzten 6.000 Jahre im Mittel deutlich gletschergünstiger waren als heute, und dass solche Schmelzperioden wie wir sie jetzt erleben, falls überhaupt, nur kurz aufgetreten sind. Andernfalls hätte das Eis unserer Gletscher gar nicht 6.000 Jahre alt werden können. Aus diesen Daten lernen wir auch, dass der Temperaturbereich, in dem wir uns heute bewegen, für die Alpen nicht ganz neu ist, alles was darüber hinausgeht aber sehr wohl eine Situation darstellt, die über eine Million Jahre noch nicht da war.

Die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft ist, Wissen für alle zu schaffen, und zwar möglichst barrierefrei und da wo es gebraucht wird.

Sie wurden vom Club der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen zur Wissenschaftlerin des Jahres gewählt – was bedeutet Ihnen diese Ehrung?

Fischer: Mit bedeutet diese Ehrung sehr viel, weil sie zeigt, dass mein Anliegen, unsere Forschungsergebnisse zu vermitteln, auf Interesse stößt. Es werden – nicht nur, aber auch – im Zuge des Klimawandels Herausforderungen auf uns zukommen, die wir wissensbasiert angehen sollten, und zwar im Dialog mit allen Menschen. Es sind ja wir alle, die wir unsere Zukunft gestalten, und auch die unserer Nachkommen. Die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft ist, Wissen für alle zu schaffen, und zwar möglichst barrierefrei und da wo es gebraucht wird.

Chancen einer Krise

Was hoffen Sie durch Ihre Forschung zu erreichen?

Fischer: Ich würde mir wünschen, den Dialog zu Klimathemen positiv mitzugestalten, das Wahrnehmen der Chancen ins Zentrum zu stellen. Jede Krise bietet neue Möglichkeiten, die Welt ein Stück besser zu machen. Es ist wichtig, unser aller Umgang mit Ressourcen, aber auch mit der Natur und Themen wie etwa Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, Mobilität und Migration neu zu gestalten. Das kann eine neue Qualität bringen, etwa durch ein Ende der in der Soziologie thematisierten großen Beschleunigung. Darauf freue ich mich.

 

Andrea Fischer in MAKRO MIKRO - Podcast der ÖAW

Andrea Fischer. © ÖAW/Daniel Hinterramskogler

 

AUF EINEN BLICK

Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie Vizedirektorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Seit 2022 ist sie zudem wirkliches Mitglied der ÖAW.