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DemographieGesundheit

„Gene erklären nur einen kleinen Teil unserer Lebenserwartung“

Warum leben Frauen im Schnitt länger als Männer? Sind genetische Unterschiede dafür verantwortlich – oder spielen andere Faktoren eine größere Rolle?

25.02.2026
© Adobe Stock

Demograph Marc Luy, Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), erklärt, welche Rolle Gene tatsächlich spielen, wenn es um die Lebenserwartung geht und was Rauchen, Lebensstil und Umwelt damit zu tun haben.

Herr Luy, wenn wir ganz grundsätzlich beginnen: Was sind genetische Faktoren – und welche Rolle spielen sie für die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern?

Marc Luy: Der zentrale genetische Unterschied zwischen Frauen und Männern liegt in den Geschlechtschromosomen. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Das X-Chromosom ist groß und enthält über tausend Gene, während das Y-Chromosom vergleichsweise klein ist und nur wenige Dutzend Gene trägt. Das heißt, das X-Chromosom beinhaltet wesentlich mehr Informationen und hat mehr Funktionen als das Y-Chromosom. Und für Frauen bedeutet die Verfügbarkeit von zwei X-Chromosomen, dass sie gewissermaßen ein genetisches „Backup“ haben: Wenn bei Zellteilungen Fehler auftreten, kann das zweite X-Chromosom bestimmte Funktionen ausgleichen, die auf dem ersten verloren gingen. Diese Möglichkeit gibt es bei den Männern nicht. Das lässt vermuten, dass die Geschlechtschromosomen zur höheren Lebenserwartung der Frauen führen oder mit dazu beitragen könnten.

In einer aktuellen Studie wurde tatsächlich nahegelegt, dass die Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung vor allem genetisch bedingt seien. Sie sehen das kritisch. Warum?

Luy: Das Problem ist nicht die Studie an sich – sie untersucht Säugetiere und Vögel und kommt zum Ergebnis, dass jeweils das Geschlecht länger lebt, das homomorphe – also gleichartige – Geschlechts-Chromosomen hat. Bei den Säugetieren sind das die Weibchen, bei den Vögeln die Männchen. Schwierig wird es dort, wo die Ergebnisse aus solchen Studien direkt auf den Menschen übertragen werden. Durch eine solche Darstellung entsteht leicht der Eindruck, dass genetische Faktoren der Hauptgrund dafür sind, warum Frauen länger leben als Männer. Das legt dann wiederum die Schlussfolgerung nahe, dass die Lebenserwartung im Grunde von der Natur festgelegt ist und man ohnehin wenig daran ändern kann. Nach dem Motto: Männer sterben früher, das ist halt genetisch so.

Von den derzeit rund fünfeinhalb Jahren Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern lassen sich höchstens ein bis eineinhalb Jahre durch biologische oder genetische Faktoren erklären.

Es ist also nicht so?

Luy: Aus sozialwissenschaftlicher und demographischer Forschung wissen wir sehr gut, dass es so nicht stimmt. Ich zweifle gar nicht an, dass sich die genetischen und anderen biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf die Lebenserwartung auswirken. Zahlreiche Studien haben aber gezeigt, dass die Auswirkungen dieser Faktoren deutlich kleiner sind, als es durch genetische Studien über Tierpopulationen suggeriert wird. Von den derzeit rund fünfeinhalb Jahren Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern lassen sich höchstens ein bis eineinhalb Jahre durch biologische oder genetische Faktoren erklären. Der Großteil der Differenz muss also andere Ursachen haben – Faktoren, die nicht durch die Natur vorgegeben sind.

Was länger leben lässt

Welche Faktoren sind das?

Luy: Es gibt hier eine ganze Reihe von Faktoren, die eine Rolle spielen. Dazu gehören Verhaltensweisen wie Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, Bewegung, Risikoverhalten oder auch Schlaf, der in den letzten Jahren als wichtiger Einflussfaktor stärker in den Fokus gerückt ist. Auch Stress und berufliche Risiken spielen eine Rolle. All diese Faktoren kann man – zumindest teilweise – selbst beeinflussen. Und sie erklären einen sehr großen Teil des Unterschieds in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern, Schätzungen zufolge bis zu 75 Prozent.

Rauchen ist der wichtigste einzelne Faktor für die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern.

Ein Faktor sticht in Ihrer Forschung besonders hervor: das Rauchen. Warum?

Luy: Rauchen ist der wichtigste einzelne Faktor für die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern. Wir haben das in mehreren Studien untersucht. Dabei zeigt sich: Die Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung war nicht immer so groß wie heute. Mitte des 20. Jahrhunderts lag sie bei etwa drei Jahren, stieg dann bis in die frühen 1980er-Jahre auf über sieben Jahre an und geht seither wieder zurück. Dieses Auseinanderdriften und das spätere Zusammengehen lässt sich fast vollständig durch das Rauchverhalten der Frauen und Männer erklären und daran, wie stark das Rauchen in einer Bevölkerung verbreitet ist. In Ländern wie Österreich oder Deutschland war in den 1980er-Jahren etwa die Hälfte des Geschlechterunterschieds in der Lebenserwartung allein auf das Rauchen zurückzuführen.

Lässt sich daraus auch etwas über die Zukunft sagen?

Luy: Ja, zumindest was den Einfluss des Rauchens betrifft. Männer haben zuerst mit dem Rauchen begonnen, Frauen folgten etwa 20 bis 30 Jahre später. Entsprechend zeitversetzt wirkt sich das Rauchen auf die Sterblichkeit aus. Da sich die Rauchgewohnheiten von Frauen und Männern seit den 1960er Jahren zunehmend angleichen, wird sich auch der Einfluss des Rauchens auf die Lebenserwartungsunterschiede weiter verringern. Deshalb ist davon auszugehen, dass sich die Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung künftig weiter verkleinern wird.

Warum Männer eher ihre Lebensdauer verkürzen

Warum gibt es einen so großen Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Frauen und Männern, wenn biologische oder genetische Faktoren nur etwa ein bis eineinhalb Jahre erklären?

Luy: Theoretisch gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder Frauen tun etwas, das sie deutlich länger leben lässt – oder Männer tun etwas, das ihre Lebenserwartung stark verkürzt. Unsere Forschung zeigt, dass eher Letzteres zutrifft. Der große Unterschied in der Lebenserwartung ist also vor allem auf die hohe Sterblichkeit der Männer zurückzuführen. In einer unserer Studien haben wir zum Beispiel die Sterblichkeit verschiedener Lebensstilgruppen untersucht – von Menschen mit sehr gesundem Lebensstil bis hin zu weniger gesund lebenden Personen. Bei den Männern sind die Sterblichkeitsunterschiede zwischen den Gruppen deutlich größer, aber diese Differenz zu den Frauen wird mit zunehmend gesundheitsbewusstem Lebensstil immer kleiner. Wenn man jene Gruppe betrachtet, die besonders gesund lebt und sehr bewusst auf die Gesundheit achtet, finden wir praktisch keinen Unterschied in der Sterblichkeit zwischen Frauen und Männern.

Bedeutet das, dass die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern am Ende vielleicht gar keinen Einfluss auf die Lebenserwartung haben?

Luy: Nein, das kann man aus diesem Ergebnis nicht schlussfolgern. Die extrem gesund lebende Personengruppe der Studie ist sehr speziell und hier gibt es dann andere Faktoren, in denen sich Frauen und Männer unterscheiden. Aber es zeigt deutlich: Die Geschlechterdifferenz in der Lebenserwartung muss nicht so groß sein, wie es sich in den Durchschnittswerten für die Gesamtbevölkerung darstellt. Hierfür ist eben ein wichtiger Teil der Erklärung, dass das Ausmaß der Sterblichkeitsunterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen – seien es die genannten Lebensstile, Bildungsabschlüsse, Einkommensklassen und so weiter – bei Männern deutlich größer sind. Das kommt daher, dass es bei Männern immer Gruppen mit einer besonders hohen Sterblichkeit gibt, die den Gesamtdurchschnitt der Lebenserwartung der Männer nach unten ziehen.

Kein Ticket mit Sterbealter

Wie denkt denn die Öffentlichkeit über das Thema Lebenserwartung?

Luy: Was mir immer wieder auffällt, wenn ich Vorträge vor einer breiten Öffentlichkeit halte, ist die weit verbreitete Vorstellung, dass Lebenserwartung im Wesentlichen genetisch festgelegt sei – als würde man bei der Geburt ein Ticket in die Hand gedrückt bekommen, auf dem das eigene Sterbealter steht. Es gibt dann immer große Verwunderung, wenn ich Ergebnisse aus unserer Forschung präsentiere, die zeigen, dass dem eben nicht so ist.

Zwischen Nonnen und Mönchen beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung nur etwa ein Jahr.

Welche Ergebnisse zeigen Sie denn da zum Beispiel?

Luy: Besonders schön lässt sich das mit unserer Klosterstudie zeigen. Zwischen Nonnen und Mönchen beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung nämlich nur etwa ein Jahr. Wäre die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männern hauptsächlich biologisch oder genetisch bedingt, müsste die Differenz auch im Kloster ähnlich groß sein wie in der Gesamtbevölkerung. Das ist aber nicht der Fall. Wenn ich dann so zeige, dass der Großteil der Unterschiede in der Lebenserwartung nicht genetisch ist, sondern mit Lebensbedingungen, Verhalten und Umwelt zu tun hat, sorgt das oft für Überraschung. Genau darin liegt eine zentrale Aufgabe unserer Forschung: zu zeigen, wie stark Lebenserwartung tatsächlich beeinflussbar ist. Die Überraschung darüber kann durchaus entstehen, wenn genetische Studien über die Lebenserwartung von Tierpopulationen so interpretiert werden, als sei alles von der Natur vorgegeben. Wie schon gesagt: An den Studien selbst ist meist nichts falsch – kritisch ist der Eindruck, der entsteht, wenn ihre Ergebnisse auf die menschliche Lebenserwartung übertragen werden. Denn das kann den Blick darauf verstellen, wie viel Handlungsspielraum wir tatsächlich haben.

 

Auf einen Blick

Marc Luy ist Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dort leitet er auch die Forschungsgruppe “Health and Longevity”. Er unterrichtet zudem an der Universität Wien. Eines seiner bekanntesten Forschungsprojekte ist die Deutsch-Österreichische Klosterstudie, die die Gesundheit und Langlebigkeit von Ordensleuten untersucht.

Mehr zur „Klosterstudie“ findet sich auf einer eigenen Website unter: www.klosterstudie.at.