Bedrohung durch Russland: Polen, Finnland & Co ziehen Lehren aus der Geschichte
17.11.2025
Russlands Angriffe auf die Ukraine haben alte Grenzen, alte Rivalitäten und alte Ängste in Europa neu sichtbar gemacht. In seinem auf der Shortlist für das Wissenschaftsbuch des Jahres stehenden Buch „Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer“ beleuchtet Oliver Jens Schmitt, Historiker und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die Beziehungen zwischen Moskau und seinen Nachbarn über sieben Jahrhunderte hinweg. Von den skandinavischen Küsten über das Baltikum und Polen bis nach Moldau zeigt er, dass die Unterschiede nicht primär in Sprache oder Religion liegen, sondern tief in der politischen Kultur verwurzelt sind.
Im Interview erklärt er, warum die westlichen, einst einflussreichen Rivalen Moskaus so entschlossen an der Seite der Ukraine stehen, wie alte imperiale Narrative in Moskau fortleben – und weshalb Europa sich seiner historischen Erfahrungen bewusster werden muss.
Neue Achse in Europa an der Seite der Ukraine
Für Ihr Buch „Moskaus westliche Rivalen“ haben Sie sich für eine neue Perspektive entschieden. Sie beschreiben die historischen Erfahrungen in einer nord-südlichen Betrachtungsachse – von Norwegen bis zur Moldau – und nicht wie häufig von West nach Ost. Warum?
Oliver Jens Schmitt: Ausgangspunkt war die Reaktion der europäischen Staaten auf den russischen Überfall auf die Ukraine. Dabei fiel auf, dass sich eine klar erkennbare Gruppe im Norden Europas formierte: die skandinavischen Staaten, insbesondere Finnland, dazu die baltischen Länder und Polen. Diese Länder reagierten sehr entschlossen, während Europas Westen eher zurückhaltend blieb – und sie haben sich inzwischen zu einem starken Block innerhalb von EU und NATO entwickelt. Ich wollte dieser Nord-Süd-Dynamik auf den Grund gehen und fragen, ob die Entschlossenheit dieser Länder, sich zu verteidigen, historische Wurzeln hat.
Um einen russischen Angriff zu verhindern, bleibt Europa nur eine Möglichkeit: seine Gesellschaften technologisch wie mental widerstandsfähig zu machen.
Ein zweiter Grund war, dass sich die Osteuropaforschung in den vergangenen Jahren stark auf eine West-Ost-Achse, also Ukraine-Russland, konzentriert hat – dadurch sind wichtige Dynamiken, etwa im Norden, im Baltikum und in der Moldau, aus dem Blick geraten.
Ein zentrales Thema Ihres Buches ist die politische Kultur, die Russland von seinen westlichen Nachbarn trennt. Worin zeigt sich dieser Gegensatz?
Schmitt: In bisherigen Theoriebildungen zur Gliederung Europas, etwa bei Samuel Huntington in „The Clash of Civilizations“, wurde meist mit Sprache und Religion argumentiert. Huntington ordnete den gesamten orthodoxen Raum Europas pauschal der russischen Einflusssphäre zu. Doch die Ukraine zeigt deutlich, dass das nicht zutrifft: Die Menschen dort wollen schlicht keine Russ:innen sein. Sprache und Religion taugen also nicht als Erklärung, sondern vielmehr die politische Kultur. Denn: In all diesen Staaten gab es frühe Formen institutionalisierter Teilhabe, also Ständeparlamente, in denen die Macht des Herrschers in der Regel begrenzt war. Es entstand ein Verständnis von Recht und Freiheit. Gerade Freiheit im Sinne gesellschaftlicher Selbstorganisation war zum Beispiel bei den ukrainischen Kosaken tief verankert.
Noch immer wird in Österreich und der Schweiz die Illusion genährt, Neutralität könne schützen.
Russland: Hang zur Autokratie
Und in Moskau?
Schmitt: In Moskau hingegen herrschte eine autokratische Tradition. Schon seit dem späten 15. Jahrhundert bezeichneten sich selbst die höchsten Berater des Zaren als „Sklaven“. In Polen-Litauen dagegen waren Adlige stolz darauf, dem König im Sejm zu widersprechen. In Russland waren die Bauern weitgehend rechtlos, während in Schweden landbesitzende Bauern im Reichstag als eigener Stand vertreten waren.
Gab es in der russischen Geschichte denn keine demokratischen Denkanstöße?
Schmitt: Ansätze zu einer demokratischeren Staatsform gab es in der russischen Geschichte kaum – nur kurz nach der Revolution von 1905, zwischen Februar und Oktober 1917 sowie zu Beginn der 1990er-Jahre. Insgesamt umfasst die Erfahrung mit freien Wahlen und wirklich demokratischem Wettbewerb in Russland nicht einmal zehn Jahre. Im Gegensatz zu den westlichen Nachbarn fehlen dort Erfahrungen mit Parlamentarismus und der Einschränkung der Herrschermacht. Eine echte Verfassung hat Russland nie gekannt: Das Zarenreich besaß keine, die Sowjetunion nur eine Scheinverfassung, die nichts mit der politischen Realität zu tun hatte. Auch Erfahrungen mit der Wahrung von Recht fehlen – ebenso wie die Vorstellung vom Wert und der Würde des einzelnen Menschen. Die menschenverachtende Kriegsführung Russlands führt dies auch gegenwärtig deutlich vor Augen. Hinzu kommt, dass die russische Opposition gegen den allmächtigen Staat oft noch nationalistischer war als dessen imperiale Führer. Daher ist es ein erhebliches Missverständnis des Westens, die Opposition gegen die derzeitigen Machthaber als liberal im westlichen Sinne anzusehen.
Russland als alte und neue Kolonialmacht
Ihr Buch spannt den Bogen von der Kyjiver Rus‘ bis zum russischen Angriff auf die Ukraine. Sie zeigen, dass die russische Argumentation für Krieg, wie sie heute auch Wladimir Putin verwendet, ein uraltes Narrativ ist. Woher kommt es?
Schmitt: Dieses Denkmuster lässt sich tatsächlich auf das späte Mittelalter zurückführen. In vielen westlichen Handbüchern werden die Eroberungskriege Moskaus gegen das Großfürstentum Litauen – das damals ganz Belarus, weite Teile der Ukraine und des heutigen Westrussland umfasste – als „Sammeln der russischen Erde“ beschrieben. Tatsächlich hat sich die orthodoxe Bevölkerung Litauens, die Vorfahren der heutigen Belarus:innen und Ukrainer:innen, erbittert gegen vorrückende Moskauer Truppen gewehrt. Als Katharina II. 1795 die Vernichtung des polnisch-litauischen Staates abschloss, behauptete sie, sie habe nur „Verlorenes zurückgeholt“. Ebenso alt ist auch die Idee, von einem „verderbten“ Westen bedroht zu sein und das wahre Christentum verteidigen zu müssen. Im späten Mittelalter verstand sich Moskau als neues Israel, als Hort des rechten Glaubens, und rechtfertigte 1558 so seinen Angriff auf das protestantische Livland, heute Estland und Lettland.
Im Gegensatz zu den westlichen Nachbarn fehlen in Russland Erfahrungen mit Parlamentarismus und der Einschränkung der Herrschermacht.
Inwiefern würde das Wissen um historische Erfahrungen helfen, die gegenwärtige Politik besser zu verstehen?
Schmitt: Die unmittelbaren Anrainerstaaten Moskaus machen seit Jahrhunderten Erfahrungen mit einem Nachbarn, der immer wieder brutale Eroberungskriege führt und ganze Gesellschaften in ihrer Existenz bedroht – die Moskauer Behauptung, die Ukraine gebe es gar nicht, ist viele Jahrhunderte alt. Est:innen und Lett:innen wurden in der Sowjetunion durch massive russische Kolonisierung in ihrer schieren Existenz als Nationen gefährdet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchten Behörden des Zaren im annektierten Polen, das Polnische aus Schule, Universität und Verwaltung zu verdrängen. Selbst die Warschauer Straßenbahnschaffner mussten Fahrkarten auf Russisch verkaufen. All dies wurde begleitet von Deportationen, Massengewalt, Geheimdienstterror und der Verschleppung von Kindern – in Finnland bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In der Ukraine und der Moldau manifestierte sich die Repression zudem in Massensterben durch staatlich herbeigeführten Hunger. Hält man sich diese Erfahrungen vor Augen, wird klar, weshalb all die genannten Gesellschaften so wehrhaft sind und keine Kompromisse eingehen wollen – sie wissen aus leidvoller Erfahrung, was Moskauer Herrschaft bedeutet und was sie im Falle einer erneuten Eroberung erwartet.
Mythos der österreichischen Neutralität
Heute beobachten wir eine Rückkehr imperialer Machtansprüche. Wie sollte Europa darauf reagieren?
Schmitt: Indem es versteht, dass wir derzeit einen Kampf politischer Kulturen erleben: hier ein System, das auf Recht, Freiheit und der Würde des Einzelnen beruht, dort eine gewalttätige Diktatur, in der der Einzelne nichts, das Kollektiv aber alles bedeutet. Dieses autoritäre Regime rüstet massiv auf und ist auch nicht zu Verhandlungen bereit.
Um einen russischen Angriff zu verhindern, bleibt Europa nur eine Möglichkeit: seine Gesellschaften technologisch wie mental widerstandsfähig zu machen. Ein erster Schritt dazu ist, einzugestehen, dass von Russland eine reale Gefahr ausgeht. Immer mehr europäische Politiker:innen sprechen dies klar aus. Doch noch immer wird in Österreich und der Schweiz die Illusion genährt, Neutralität könne schützen.
1939/40 wurden die neutralen Staaten Luxemburg, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Griechenland von deutschen, sowjetischen und italienischen Invasoren überrollt. Neutralität hat sie nicht vor einem Angriff bewahrt, sondern vielmehr isoliert – sie wollten niemandem helfen, und so half ihnen in der Not auch fast niemand.
Weitere Informationen
Oliver Jens Schmitt ist seit 2005 Professor für Geschichte Südosteuropas an der Universität Wien und seit 2017 wissenschaftlicher Direktor des Forschungsbereichs Balkanforschung am Institut für die Geschichte der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Von 2017 bis 2022 war er Präsident der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW.
Das aktuelle Buch von Oliver Jens Schmitt heißt „Moskaus westliche Rivalen. Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer“und steht auf der Shortlist für das beste Wissenschaftsbuch des Jahres 2026. Hier können Sie bis 6. Jänner abstimmen:
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