27.04.2022 | Medizingeschichte

Faulige Dämpfe oder zu viel Galle: Wie man sich einst Krankheiten erklärte

Viren sind in unserer Welt allgegenwärtig – und seit zwei Jahren sind sie es auch vermehrt in unserem Bewusstsein. Anders war das vor 200 Jahren. Der Medizinhistoriker Marcel Chahrour gibt im Interview einen Überblick über das Verständnis von Seuchen und die Entwicklung der Vorstellung vom Krankheitserreger.

Louis Pasteur, französischer Chemiker und Mitbegründer der medizinischen Mikrobiologie © Wikimedia

Nie zuvor wussten so viele Menschen Bescheid über die Beschaffenheit von Viren wie heute. Während wir uns in den vergangen zwei Jahren eine Menge Wissen über Infektionskrankheiten angeeignet haben, tappten Ärzte vor 200 Jahren noch im Dunklen, was die Entstehung der meisten Krankheiten betraf. Der Medizinhistoriker Marcel Chahrour spricht im Interview darüber, welche Erklärungsmodelle damals kursierten und wie sich das ärztliche Verständnis von infektiösen Krankheiten am Vorabend der Wende zum mikrobiologischen Zeitalter zu verändern begann.

Herr Chahrour, was konnten Ärzte vor 200 Jahren über infektiöse Krankheiten wissen?

Marcel Chahrour: Infektiöse Krankheiten wie etwa Cholera, Typhus und Ruhr spielten damals eine große Rolle im Alltag der Ärzte. Für sie waren Seuchen und der Ausnahmezustand, in dem wir jetzt leben, Normalität. Die Erkenntnis, dass Krankheitserreger von außen kommen, hatte sich aber noch nicht durchgesetzt. Vor 250 Jahren lernte ein Arzt an der Universität zunächst einmal, dass die Gesundheit wesentlich vom Gleichgewicht der Säfte abhängt, die sich im Körper befinden. Die berühmten vier Säfte: gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim. Geraten diese Säfte im Körper ins Ungleichgewicht, treten Krankheiten auf. Diese Vorstellung herrschte seit der Antike in der institutionalisierten Medizin vor. Alle Theorien mussten mit dieser Grundidee in Übereinstimmung gebracht werden.

Von der Viersäftelehre zur Theorie der belebten Teilchen

Dass Krankheiten direkt übertragen werden konnten, glaubte man damals nicht?

Chahrour: Schon seit dem 16. Jahrhundert existierte die Vorstellung, dass es vektorenübertragene Krankheiten geben könnte, die also von einem Menschen zum anderen weitergegeben werden. Der italienische Arzt Girolamo Fracastoro stellte durch Beobachtung von Infektionskrankheitsverläufen fest, dass die Ansteckung über kleine belebte Teilchen erfolge: seminaria morbi. Doch die Idee war völlig abstrakt und für Ärzte schwer in Einklang zu bringen mit den theoretischen Modellen jener Zeit. Sie blieb umstritten und viele Ärzte legten den Fokus auf andere krankheitserzeugende Faktoren.

„Seit der Antike glaubte man, dass Krankheiten über faulige Prozesse in Luft und Wasser übertragen werden, sogenannte Miasmen.“

Welche alternativen Erklärungsmodelle waren das?

Chahrour: Seit der Antike glaubte man, dass Krankheiten über faulige Prozesse in Luft und Wasser übertragen werden, sogenannte Miasmen. Auf Basis dieser Theorien dachte man auch an Gerüche oder den Einfluss der Sterne, die ebenfalls Krankheiten bewirken würden – aber letztlich immer an das Gleichgewicht der Säfte.

Das Zeitalter der Labormedizin beginnt

Wann und warum kommt es zum Paradigmenwechsel?

Chahrour: Vor ungefähr 200 Jahren setzte die Wende zum heutigen mikrobiologischen Zeitalter ein, also die Erkenntnis, dass sich im Körper vieles auf zellulärer Ebene abspielt. Ich verwende gerne den Begriff des Denkstils, der dem österreichisch-polnischen Wissenschaftstheoretiker und Arzt Ludwik Fleck geprägt wurde. Grundlage für den Wechsel im Denkstil war eine neue Art, auf die Dinge zu schauen. Ende des 18. Jahrhunderts, Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitern sich die anatomischen Kenntnisse und die Histologie wird zum Thema. Da tauchten massive Widersprüche auf zu dem, was man bisher glaubte. Die Konsequenz: Es entstanden viele neue Erklärungsmodelle, eigene medizinische Systeme, die auf diese Erkenntnisse reagierten und sie mit dem humoralpathologischen Denken, also der Viersäftelehre, quasi zu versöhnen versuchten.

Ein Beispiel, bitte.

Chahrour: Manche Erklärungsmodelle sind nur kurz aufflackernde Moden und nur wenige überleben. Während die einen versuchen, alles, was im menschlichen Körper passiert, chemisch zu erklären, führen andere alle Zusammenhänge im Körper auf mechanische Vorgänge zurück. Prominentes Beispiel ist Gerard van Swieten, der Leibarzt von Maria Theresia, der dazu rät Husten zu unterdrücken, denn der führe mechanisch zur Zerstörung des Lungengewebes. Mit Ludwik Fleck gesprochen war diese Zeitspanne eine Phase der Täuschung.

Inwiefern?

Chahrour: Ganz lange versuchten Wissenschaftler alle Fakten in den eigenen Denkstil zu integrieren – bis es nicht mehr zusammenpasste. Dann kam der Zeitpunkt des Umbruchs und des Denkstilwechsels. Fleck spricht in diesem Zusammenhang auch von der sozialen Bedingtheit des wissenschaftlichen Arbeitens. Für ihn ist es nicht das einzelne Genie, sondern es sind Denkkollektive von Menschen, die gemeinsam einen Gedanken wie einen Ball in einem Spiel weitergeben, inklusive Widersprüche. Und irgendwann kommt der Ball zu einem Menschen, der sie nicht mehr weiter integriert.

„Der Erste, der die Ansteckungslehre vertrat, also ansteckende Krankheiten als durch mikroskopisch kleine Lebewesen hervorgerufen sah, war der deutsche Anatom und Pathologe Jakob Henle.“

Soziale Reformen

Und wer war derjenige, der mit dem vorherrschenden Denkstil brach?

Chahrour: Der Erste, der die Ansteckungslehre vertrat, also ansteckende Krankheiten als durch mikroskopisch kleine Lebewesen hervorgerufen sah, war der deutsche Anatom und Pathologe Jakob Henle. 1840 publiziert er über das Contagium Animatum und erkannte Mikroorganismen als Ursache von Infektionskrankheiten. Er griff damit die Ideen des italienischen Arztes Fracastoro auf. Henles Problem war aber, dass er diese Mikroorganismen noch nicht nachweisen konnte.

Das machte ihn besonders angreifbar.

Chahrour: Zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es wilde Kontroversen zwischen Ärzten um die Frage, ob dieses Contagium existiere oder total irrelevant sei. Daran gekoppelt waren auch schwerwiegende politische Fragen, denn daran entschied sich Sinn und Nutzen der seit dem Mittelalter in Europa eingeführten Quarantäne. In den 1840er-Jahren geriet das Konzept der Quarantäne unter Druck, weil sie entgegen der Handelsinteressen stand. Es war der Beginn des Dampfschiffsverkehrs. 1837 wurde eine direkten Dampfschifflinie zwischen Triest und Alexandria hergestellt. Statt an Henles Thesen zu glauben, sah man die Ursache für Krankheiten in den sozialen Verhältnissen. Denn: Besonders häufig verbreiteten sich Krankheiten in armen Verhältnissen.

„Louis Pasteuer sagte: Wenn wir mit Chemie Mikroorganismen abtöten können, dann müssen sie vorher belebt sein.“

An der Zeitenwende zum mikrobiologischen Zeitalter wurde gleichzeitig das sozialreformerische Zeitalter eingeläutet?

Chahrour: Ja. Mitte des 19. Jahrhunderts werden Kanäle gebaut, die Städte gereinigt. Das ist zum Teil auch ein Erbe des Denkstils der Antike, in dem man an Miasmen glaubt. Man macht sich Gedanken über sauberes Trinkwasser. Und dann kommt die Händedesinfektion dank der Erkenntnisse des Wiener Geburtshelfers Ignaz Semmelweis. Wenig später sagt der französische Chemiker Louis Pasteur: Wenn wir mit Chemie Mikroorganismen abtöten können, dann müssen sie vorher belebt sein. Und dann kommt der deutsche Mikrobiologe Robert Koch, ein Schüler Henles, dem es erstmals gelang, die Rolle eines Krankheitserregers beim Entstehen einer Krankheit zu beschreiben. Er traf auch auf die richtigen Umstände. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die große Zeit der Labormedizin. Technisch gibt es erstmals die Möglichkeit, große Labors aufzubauen, in denen chemisch gearbeitet wurde – und in denen man Wissenschaft organisieren konnte, so wie wir sie heute kennen.

 

AUF EINEN BLICK

Marcel Chahrour ist Mitglied der Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin und Medical Humanities der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften der ÖAW. Er arbeitet als Kulturvermittler und publiziert insbesondere zu Themen der Medizingeschichte.