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KlimawandelGebirge

Europas Gipfel erwärmen sich – Pflanzen reagieren überraschend unterschiedlich

Jahrzehnte des Klimawandels sind auch an Europas Gebirgsvegetation nicht spurlos vorüber gegangen. Die beobachteten Veränderungen entsprechen allerdings nicht immer den Erwartungen. Wie eine neue internationale Langzeitstudie auf 53 europäischen Gipfeln eines Forschungsteams von Universität Wien, ÖAW und BOKU University zeigt, hat sich die alpine Vegetation deutlich in Richtung wärmeliebender Arten entwickelt. Der direkte Zusammenhang zwischen dieser sogenannten Thermophilisierung und der lokalen Erwärmung ist jedoch überraschend schwach. Die Studie ist im Fachmagazin Nature Ecology and Evolution erschienen.

14.08.2026
Campanula barbata (Bärtige Glockenblume): Die Bärtige Glockenblume (Campanula barbata) wächst typischerweise in subalpinen Grasländern. Im Zuge des Klimawandels könnten steigende Temperaturen ihr jedoch die Ausbreitung in höhere Lagen erleichtern. So wurde die Art in den letzten Jahren beispielsweise in den Walliser Alpen (Schweiz) zunehmend häufiger beobachtet.
© Norbert Helm/Universität Wien

Für die Studie analysierte das internationale Forschungsteam Daten von 724 Dauerbeobachtungsflächen auf 53 Gipfeln, verteilt über alle wichtigen europäischen Gebirgsregionen. Diese Flächen wurden über 21 Jahre hinweg insgesamt viermal im Rahmen des globalen Monitoringnetzwerks GLORIA, dem bislang umfassendsten Monitoringprogramm zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation von Berggipfeln, untersucht.

Die Ergebnisse der Forschenden von Universität Wien, dem Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der BOKU University zeigen, dass wärmeliebende Pflanzenarten heute vielerorts häufiger vorkommen als noch zu Beginn der Untersuchungen. Gleichzeitig stiegen die Temperaturen auf den untersuchten Gipfeln an. Überraschenderweise ließ sich aber das Ausmaß der Thermophilisierung einer Beobachtungsfläche nur schlecht durch die dort gemessene Erwärmung erklären.

"Unsere Daten belegen eindeutig, dass sich die Vegetation auf europäischen Berggipfeln verändert und wärmeliebende Arten an Bedeutung gewinnen", erklärt der Biodiversitätsforscher Johannes Hausharter von der Universität Wien, Erstautor der Studie. "Doch die Geschwindigkeit dieser Veränderungen hängt offensichtlich nicht allein von den steigenden Temperaturen ab."

Die Studie liefert damit neue Einblicke in die komplexen Mechanismen, die den Wandel alpiner Vegetation steuern, und zeigt, dass die Folgen des Klimawandels selbst in sensiblen Ökosystemen, wie jener der europäischen Hochgebirge differenzierter sind als bislang oft angenommen.

Lokale Bedingungen überlagern den Effekt des Klimas

Die Forschenden verglichen die beobachteten Vegetationsveränderungen mit einer ganzen Serie unterschiedlicher Kennwerte des Temperaturklimas aus unterschiedlichen Datenquellen. Trotz dieses außergewöhnlich umfangreichen Datensatzes blieb der Zusammenhang zwischen Temperaturanstieg und Vegetationsveränderung auf lokaler Ebene begrenzt.

Als besonders wichtig erwies sich die Einbettung der Beobachtungsflächen in die Umgebungsvegetation. "Wie die alpine Vegetation auf den Klimawandel reagiert, hängt nicht nur davon ab, um wieviel Grad es wärmer wird, sondern auch davon, ob bereits andere wärmeliebende Arten vorhanden sind", sagt Projektleiter Stefan Dullinger von der Universität Wien.

Klimawandel bleibt der übergeordnete Treiber

Trotz der komplexen lokalen Dynamik betonen die Forschenden, dass der Klimawandel die wesentliche Ursache der beobachteten Veränderung ist. Das wird klar, wenn die Daten der einzelnen Beobachtungsflächen aggregiert werden. "Fasst man die Daten auf einem größeren räumlichen Maßstab zusammen, dann sieht man deutlich: in Gebirgen, die sich stärker erwärmt haben, zeigt die Gipfelvegetation im Durchschnitt auch eine stärkere Thermophilisierung" erläutert Hausharter, "sprich: mehr Erwärmung bedeutet tendenziell mehr wärmeliebende Arten, aber im Einzelnen reagiert jeder Gipfel etwas anders".

Langfristiges Monitoring bleibt unverzichtbar

Nach Ansicht des Forschungsteams unterstreichen die Ergebnisse den hohen Wert langfristiger Monitoringprogramme. Voraussagen für einzelne Berggipfel oder andere Landschaften sind für einen effizienten Naturschutz von großer Bedeutung, erfordern jedoch ein besseres Verständnis des Zusammenwirkens von Klimawandel und weiteren Einflussfaktoren auf Basis langfristiger und breit angelegter Datenerhebung.

"Langfristige Monitoringprogramme liefern unverzichtbare Einblicke für das Verständnis alpiner Ökosysteme und ihrer Vegetation", betont Harald Pauli, Leiter des GLORIA-Netzwerks an der ÖAW und der BOKU: "Um die Zukunft der Biodiversität in den europäischen Hochgebirgen besser vorhersagen zu können, müssen wir diese Programme fortsetzen und auch inhaltlich ausbauen, damit die verschiedenen, oft miteinander wechselwirkenden Einflussfaktoren besser erfasst werden können."

 

Auf einen Blick

Publikation:
“Widespread thermophilization but weak link to climate warming in Europe's summit plant communities”, Johannes Hausharter, et al, Nature Ecology & Evolution, 2026. DOI: 10.1038 s41559-026-03150-x

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