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Ein Genie des gesunden Menschenverstands

Der Todestag von Ernst Mach jährt sich in diesem Jahr zum 100. Mal. ÖAW-Mitglied und Mathematiker Karl Sigmund über dessen prägende Ideen und seine Freundschaft zu Albert Einstein.

23.06.2016
Bild: Charles Scolik (1854–1928)/PD-US/Wikimedia Commons

Ernst Machs Bedeutung für die Wissenschaften ist kaum zu überschätzen: Als Physiker gilt der 1916 Verstorbene als Wegbereiter von Einsteins Relativitätstheorie. Als Philosoph war er Vorreiter einer modernen Wissenschaftsphilosophie und Vorbild für die wissenschaftliche Weltauffassung des Wiener Kreises. Anlässlich des 100. Todestags widmete die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gemeinsam mit der Universität Wien dem „Allrounder“ Mach vom 16. bis 19. Juni 2016 eine internationale Konferenz, die sich mit seinem Leben, Werk und Wirken auseinandersetzte.

Der Mathematiker Karl Sigmund, ÖAW-Mitglied und Autor des Buchs „Sie nannten sich Der Wiener Kreis“, gibt Einblicke in Machs einzigartige Geisteswelt – und erläutert, was ihn zu einem „Genie des gesunden Menschenverstands“ machte.

Herr Sigmund, welche Rolle spielt Ernst Mach für Sie und ihre wissenschaftliche Tätigkeit?

Mich hat Philosophie seit meiner Jugend fasziniert – insbesondere Wittgenstein. Über ihn bin ich zum Wiener Kreis gekommen und somit zu Ernst Mach – er war ja einer der Paten des Wiener Kreises. Ich bin sicher kein Mach-Experte, aber es ist mir immer ein besonderes Vergnügen, ihn zu lesen.

Hatte er auch so etwas wie Selbstironie?

Durchaus – er hatte einen behäbigen Stil, immer mit einer Prise Humor – besonders in seinen populärwissenschaftlichen Werken. Auch hier war er auf gewisse Weise ein Pionier des heutigen „Infotainment“, würde ich sagen.

So beschreibt er beispielsweise, dass er einen alten, zerzausten Mann dabei beobachtete, wie dieser in den Zug einstieg. Er fragte sich, wer dieser alte Kerl wohl sei, bis er erkannte, dass es sein eigenes Spiegelbild war. Solche Geschichten kommen sehr häufig vor. Diese sind aber auch sehr berührend zu lesen – vor allem hinsichtlich seines schweren Schicksals und der Heiterkeit oder Souveränität, die er sich nichtsdestotrotz dabei behielt.

Sie sprechen von seinem Schlaganfall, den er erlitt, kurz nachdem er in Wien den Lehrstuhl für Philosophie übernahm.

Genau, er war damals rund 60 Jahre alt und konnte aufgrund seiner rechtseitigen Lähmung nicht mehr unterrichten, obwohl er geistig noch voll präsent war. Das war sicher ein schwerer Schlag für ihn, und für die Wiener Universität. Es gab damals nämlich reges Interesse an seinen Ideen. Aber letztlich hat er diese Krise großartig bewältigt und noch mehrere Bücher verfasst. Vor allem „Erkenntnis und Irrtum“, in dem seine Vorträge und Vorlesungen gesammelt sind, ist selbst heute noch sehr lesenswert.

Man sagt, dass Mach gar nicht Philosophie betreiben oder unterrichten wollte?

Da war durchaus Koketterie dabei. Er hat immer gewusst, dass seine Gedanken viele Philosophen beeindrucken würden und so war es schließlich auch. Nicht umsonst hat Bertrand Russell später seine Ideen immer wieder aufgegriffen. Dabei wollte Mach, wie er selbst sagte, in der Philosophie nie etwas Neues einführen, sondern ausschließlich alte und abgestandene Philosophie beseitigen.

Mach bewegte sich in vielen Bereichen souverän – Physik, Philosophie, Physiologie etc. – Würden Sie sagen, er war ein Universalgenie?

Egal was er aufgegriffen hat, er war sehr gut, keine Frage. Ich möchte nur daran erinnern, dass er von physikalischen Überlegungen ausgehend einen sechsten Sinn entdeckt hat – nämlich den Gleichgewichtssinn. Das ist wirklich allerhand. Seit Aristoteles wusste man, dass es fünf Sinne gab und dann kam plötzlich jemand und sagte, es gibt sechs.

Aber in keiner Leistung war Mach außergewöhnlich – sprich abseits der Norm. Im Gegenteil, er hatte vielmehr einen handfesten Hausverstand. Wenn er ein Genie war, dann ein Genie des gesunden Menschenverstands.

Mach ist vor allem bekannt für seinen Phänomenalismus – also der Hypothese, dass es nur gibt, was wir tatsächlich sehen. Diese Haltung schlug sich vor allem im Streit mit Ludwig Boltzmann nieder, wo es um die Existenz von Atomen ging und Mach behauptete, es gäbe sie nicht. Ist er jemals davon abgerückt?

Atome waren für Mach bloße Gedankendinge, die man nicht direkt wahrnehmen kann. Er lenkte zwar später im Gespräch mit Einstein ein, dass es ökonomisch sinnvoll ist, von der Existenz der Atome zu sprechen, aber nur solange man keine bessere Alternative hat – ein richtiger Widerruf war das aber eher nicht.

Sie sprachen eben von Einstein – was verband ihn mit Mach?

Ernst Mach gilt als Vorreiter der Relativitätstheorie und Einstein betonte das selbst immer wieder. Er wurde von Machs Kritik am Newtonschen Weltbild – insbesondere an dessen Vorstellung von einem absoluten Raum und einer absoluten Zeit – stark beeinflusst. Mach und Einstein hatten große Anerkennung für einander.

Welche Rolle spielen Ernst Mach und seine Ideen heute noch?

Er ist eine ganz wichtige Figur in der Wissenschafts- und Geistesgeschichte. Auf ihn beziehen sich auch heute noch viele Wissenschaftler/innen. Allerdings hat er wohl keinen direkten Einfluss mehr. Hinter uns liegen immerhin mehr als 100 Jahre wissenschaftlicher Fortschritt.

Mach hätte das auch nicht anders erwartet, er war ein hervorragender Wissenschaftshistoriker – wenn nicht einer der besten. Er hat sehr gut verstanden, wie die Entwicklung der Wissenschaft funktioniert, dass eine Generation die vorhergehende wiederlegt und dass es eigentlich ein Exzellenzmerkmal eines Denkers ist, wenn seine Überlegungen weitergeführt und umgebaut werden.

 

Karl Sigmund ist Professor an der Fakultät für

Mathematik der Universität Wien, Wissenschaftler am International

Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg und

wirkliches Mitglied der ÖAW. Er wurde mit zahlreichen Preisen und

Auszeichnungen geehrt, darunter dem Preis der Stadt Wien für

Naturwissenschaften (2010) und der Blaise-Pascal-Medaille in Mathematik

(2011). Sein aktuelles Buch „Sie nannten sich Der Wiener Kreis: Exaktes

Denken am Rand des Untergangs“ wurde 2016 zum Wissenschaftsbuch des

Jahres gewählt.