Durst nach Strom und Inhalten: KI am Scheideweg
15.10.2025
KI-Tools wie ChatGPT verändern, wie wir arbeiten, lernen und Informationen abrufen – doch auch der Energieverbrauch wächst rasant. Laut aktuellen Studien wird der Strombedarf von KI exponentiell ansteigen. Davon geht auch Ivona Brandić aus, Expertin für Cloud Computing an der TU Wien und Mitglied der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Systeme wie ChatGPT könnten bald so viel Strom benötigen wie ganz Argentinien“, sagt sie gegenüber der ÖAW. Welche Folgen der KI-Boom für Gesellschaft und Wirtschaft hat und wie wir Bildung und Forschung nutzen können, um die Technologie nachhaltig zu gestalten, darüber spricht Brandić im Interview.
Höflichkeit verschwendet Energie
Sie haben in einer Studie vorgerechnet, dass allein „Bitte“ und „Danke“ auf ChatGPT sehr viel Strom verbraucht – so viel wie 2.500 Haushalte im Jahr. Müssen wir unser Prompten verändern, um weniger Energie zu verbrauchen?
Ivona Brandić: Das ist tatsächlich ein eigenes Gebiet für sich. Prompten funktioniert ja über gesprochene oder geschriebene Sprache. Man braucht dafür keine Zusatzausbildung – man formuliert einfach so, wie man auch mit Menschen spricht. Aber der Punkt ist: Je effizienter man promptet, desto besser erreicht man das gewünschte Ergebnis. Man muss lernen, Eingaben systematisch zu strukturieren. Informatiker:innen verstehen das recht gut, weil sie es gewohnt sind, in Programmiersprachen zu denken.
Man darf nicht vergessen: Für die allermeisten Menschen existiert KI eigentlich erst seit Ende 2023, als ChatGPT in die breite Masse kam. Vorher war das etwas Abstraktes, schwer Greifbares. Jetzt lernen wir, wie man sie tatsächlich nutzt. Dadurch dass Menschen jetzt mehr prompten und ausprobieren, trainieren sie sich selbst. Es beginnt oft spielerisch, aber am Ende ist es eine Form der Weiterbildung.
Generative KI ist noch in einer Art Testphase.
Zunehmend rückt ins Bewusstsein, dass KI auch eine Frage von Ressourcen ist. So hat die internationale Energieagentur ausgerechnet, dass sich der Energiebedarf von Rechenzentren bis 2030 verdoppeln wird. Wie ordnen Sie den steigenden Energiebedarf von KI-Anwendungen ein?
Brandić: Es gibt viele verschiedene Studien dazu. Die Tendenz geht eher in Richtung eines exponentiellen Anstiegs. Es könnte also tatsächlich passieren, dass der Energiebedarf enorm wächst. Wir haben zum Beispiel einmal in unserer Gruppe berechnet, dass Systeme wie ChatGPT bald so viel Strom benötigen könnten wie ganz Argentinien.
Der entscheidende Punkt ist, dass die Anwendungen, die gerade so mächtig werden, noch im Anfangsstadium sind. Generative KI ist noch in einer Art Testphase. Manche nutzen sie schon in der Arbeit, andere noch nicht. Aber letztlich muss man sich vorstellen, dass diese Technologien viele Aufgaben in der Gesellschaft übernehmen werden – etwa in der Buchhaltung, die zu großen Teilen automatisiert werden könnte. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass KI langfristig effizienter sein kann – vorausgesetzt, man betreibt sie effizient und versorgt Rechenzentren mit grünem Strom.
Wettbewerb um Strom und Hardware
Wenn immer mehr Strom in KI-Anwendungen fließt, erwarten Sie einen Wettstreit um Energie?
Brandić: Momentan herrscht ein ökonomisches Wettrennen: Unternehmen wollen auf keinen Fall riskieren, nicht genug Strom zu haben. Dazu kommt ein Wettrennen im Hardware-Bereich: Generative KI boomt, Anwendungen werden leistungsfähiger, und Hersteller müssen effizientere Lösungen liefern. Die Hardware selbst wird also stetig energieärmer, neue Chips werden oft direkt auf aktuelle KI-Anwendungen zugeschnitten – TPUs, CPUs, GPUs, FPGAs und andere Prozessoren in digitalen Geräten.
Darüber hinaus versucht man in der Grundlagenforschung Computersysteme von Grund auf neu zu denken. Es tut sich derzeit also unglaublich viel – und Österreich ist in Sachen Quantencomputer ganz vorne mit dabei.
Wenn niemand mehr Inhalte erstellt, hat die KI irgendwann keine Basis mehr, auf der sie lernen kann.
Früher suchte man Informationen über Google, heute wendet man sich direkt an ChatGPT – welche Konsequenzen hat das?
Brandić: Wenn man heute googelt, bekommt man teilweise schon KI-generierte Einblendungen. Sollte Google aber seine Suchanfragen grundsätzlich von indexbasierter Suche auf generative KI umstellen, würde das durchschnittlich das 20‑fache an Ressourcen beanspruchen. Das hätte sehr weitreichende Folgen. Denn wenn Menschen nur noch die generierten Antworten sehen und die eigentlichen Webseiten gar nicht mehr anklicken, dann entfallen für viele Anbieter – Zeitungen, Verlage, Plattformen – die Einnahmen.
Aber: Wenn niemand mehr Inhalte erstellt, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr trägt, hat die KI irgendwann keine Basis mehr, auf der sie lernen kann. KI lebt ja davon, dass es im Internet vielfältige Inhalte gibt. Viele Webseiten finanzieren sich über Werbung, doch wenn Nutzer nur noch KI nutzen und nicht mehr die Originalseiten besuchen, bricht dieses Modell zusammen. Entscheidend wird sein, ob große KI-Anbieter wie Google künftig dafür zahlen, dass Inhalte weiterhin produziert werden. Momentan ist das ein Stück weit Wilder Westen. Niemand weiß so genau, wie sich das weiterentwickeln wird.
Forschung als Chance für Europa
Weltweit konzentriert sich viel Macht in den Händen weniger Tech-Konzerne, und das Vertrauen in internationale Lösungen scheint begrenzt. Welche Möglichkeiten sehen Sie?
Brandić: Europa geht da schon einen anderen Weg. Unser Vorteil ist die Forschung. Wir haben gerade eine einmalige Chance: Wir können Forscher:innen aus den USA nach Europa holen und hier Impulse setzen. In der Industrie wurde vieles verschlafen, gerade in Österreich – man sieht das zum Beispiel im Bereich der Automobilzulieferer. Aber über Forschung können wir die Transformation aktiv mitgestalten und in die richtige Richtung lenken.
Sehr wichtig ist auch, dass wir das Bildungssystem anpassen. Digitalisierung bedeutet nicht, dass man Laptops an Schüler:innen austeilt. Das ist das Letzte, was Kinder brauchen. Sie müssen stattdessen lernen, wie KI funktioniert, damit sie sie später selbst gestalten können. Wir müssen sie befähigen, die Gesetze von morgen zu machen und diese neue Welt mitzugestalten. Es tut weh, wenn man sieht, dass Schule immer noch in denselben Strukturen verharrt – 50-Minuten-Einheiten, dieselben Fächer wie seit hundert Jahren.
Auf einen Blick
Ivona Brandić studierte Wirtschaftsinformatik an der Universität und Technischen Universität Wien und promovierte 2007 über Grid Workflows. Nach Stationen als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Postdoc habilitierte sie 2013 in Praktischer Informatik. 2014/15 war sie Assistenzprofessorin, seit 2016 ist sie Universitätsprofessorin für High Performance Computing Systems an der TU Wien. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie der Österreichische Akademie der Wissenschaften.
