Die Ärztin am Krankenbett von Kaiser Maximilian
19.11.2024
Gendermedizin ist keine Erfindung der Gegenwart. Bereits im 16. Jahrhundert wussten Hebammen besser über die Symptome einer Schwangerschaft Bescheid als die behandelnden Ärzte. Agatha Streicher (1520-1581) war eine der Ersten in den habsburgischen Regionen in Quellen dokumentierte Ärztin, die 1576 sogar ans Krankenbett von Kaiser Maximilian II. geholt wurde.
In einem hybriden Vortrag am 19. November an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nimmt die Historikerin Alessandra Quaranta die medizinische Praxis des 16. Jahrhunderts aus einer Genderperspektive in den Blick. „Die Rolle der Patientinnen und Ärztinnen am habsburgischen Hof“ analysiert die Rollen der Frauen bei der Gesundheitsvorsorge unter Maximilian I. (1459-1519).
Gendermedizin im 16. Jahrhundert
Welche Reformen des Gesundheitswesens gab es unter Maximilian I.?
Alessandra Quaranta: Er stellte als Erster medizinische Fachkräfte ein. Zuvor verließ man sich in der Medizin auf Universalgelehrte. Diese Spezialisierung auf Wissenschaftler mit medizinischer Ausbildung brachte einen wesentlichen Input, der weit über das habsburgische Reich hinausstrahlte und den Medizinischen Fakultäten in Wien und Prag zentrale Rollen als Ausbildungsstätten brachte. Man brauchte erstmals Abschlüsse und ein Studium, um als Arzt anerkannt zu sein.
Frauen wurden von ihren männlichen Kollegen überschattet.
Gab es zu dieser Zeit auch schon Ärztinnen?
Quaranta: Offiziell wurden sie oft verschwiegen, Frauen wurden von ihren männlichen Kollegen überschattet. Sie durften nicht an den Universitäten studieren. Sie hatten also mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, gerade von ihren männlichen Kollegen, die ihnen anatomisches Wissen absprachen. Dennoch bezeugen einige Quellen, dass sie eine nicht unwichtige Rolle im medizinischen System gespielt haben. Es gibt den Fall einer deutschen Ärztin, die auch einen Habsburger behandelt hat: Agatha Streicher (1520-1581) war eine der ersten in den habsburgischen Regionen dokumentierte Ärztinnen, die 1576 ans Krankenbett von Kaiser Maximilian II. geholt wurde.
Wie viel Mitspracherecht hatten die Habsburgerinnen bei ihrer ärztlichen Betreuung?
Quaranta: Auch das ist ambivalent. Sie hatten offiziell keine Rechte, was die Wahl ihrer Ärzte betraft, sogar, wenn sie selbst in hohen Ämtern standen, entschieden ihre Ehemänner oder ihre Väter. Aber wir wissen, dass sie versucht haben, diagnostische Prozesse zu beeinflussen. Sie haben sehr wohl darauf beharrt, ihre Meinung in therapeutischer Hinsicht zu äußern – und waren durchaus selbstbewusst im Umgang mit Ärzten am Hof.
Hebammen wussten, welche Organe wofür zuständig sind oft besser als die Ärzte.
Wie sah es damals mit Hebammen aus?
Quaranta: Wir wissen von Hebammen vor allem aus dem 18. Jahrhundert, da gibt es zahlreiche Quellen. In der Regel arbeiteten Hebammen ohne Lizenz – Ausnahmen waren sogenannte „geschworene Hebammen“, die für Gerichte aktiv waren –, auch deshalb ist ihre Tätigkeit für das 16. Jahrhundert kaum dokumentiert. Seit dem späten 17. Jahrhundert beschloss die medizinische Fakultät Wien, dass Hebammen eine Prüfung vor den Fakultätsmitgliedern bestehen müssen, um ihren Beruf auszuüben. Aber ich konnte durch meine Forschung nachweisen, dass schon im 16. Jahrhundert Hebammen Kontakte zu Chirurgen und Wundärzten hatten, die Operationen durchführten. Historische Quellen legen nahe, dass Hebammen auch einige anatomische Kenntnisse hatten. Sie wussten, welche Organe wofür zuständig sind oft besser als die Ärzte, denen sie Ratschläge geben konnten – etwa, wie man erkennen kann, ob eine Frau schwanger ist. Man hatte damals keine andere Möglichkeit, als den Körper zu beobachten. Hebammen hatten darin mehr Erfahrung. Sie wurden von verschiedenen Ärzten deshalb als gute Lehrerinnen im Feld der weiblichen Pathologien angesehen, obwohl sie aus der Medizingeschichte weitgehend gestrichen wurden.
AUF EINEN BLICK
Alessandra Quaranta promovierte 2016 mit einer Dissertation über die Beziehungen zwischen Medizin und fides christiana. Anschließend erhielt sie verschiedene Post-doc Forschungsstipendien an den Universitäten in Trient, Berlin, Wien und Lüttich.
Der Vortrag findet im Rahmen des FWF-Spezialforschungsbereichs „Managing Maximilian“ des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften statt.
