


Mit seinem„Donauwalzer” wurde Johann Strauss (1825-1899) zum ersten Schlager-Komponisten der Welt – denn für seine elektrisierende Musik wurde der Begriff „Schlager” erfunden. Er erreichte die breite Masse ebenso wie renommierte Kollegen wie Richard Wagner, der seine Kompositionen schätzte. Heuer jährt sich der 200. Geburtstag dieses ersten internationalen Popstars. Tourneen brachten ihn nach London, Paris und in die USA – obwohl er das Reisen hasste. ÖAW-Historiker Franz Fillafer vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) klärt im Gespräch die Mythen rund um den Walzerkönig auf.
Johann Strauss wird als Wunderkind betrachtet. Ist das ein Klischee?
Franz Fillafer: Sein dornenvoller Weg zum Künstlergenie wurde oft falsch dargestellt. Schon Vater Strauss hatte von sich behauptet, dass er zu seiner Buchbinderlehre gezwungen worden sei. Dabei hat Johann Strauss Vater diese Ausbildung durchaus genossen – immerhin band er eigenhändig seine ersten Kompositionen mit besonders schönem Atlasstoff ein. Johann Strauss Sohn entwirft die Legende vom steinigen Weg zum selbständigen Künstler nach der Schablone des Vaters: Zwar hätte der Vater ihn gerne in einem soliden, bürgerlichen Beruf gesehen, aber er wuchs er in einer von Musik durchtränkten Atmosphäre auf, genoss hochkarätigen Klavierunterricht. Ein zweiter Aspekt ist, dass er in der Ausarbeitung seiner Partituren nicht geübt war. Sie waren nicht aus einem Guss, sondern häufig eine Steißgeburt. Während der ersten Jahre seiner schöpferischen Aktivität verließ er sich gern auf professionelle Konzertmusiker seines Vaters, die seinen Partituren den letzten Schliff verliehen. Innovativ an ihm ist jedoch, dass er früh begonnen hat, ein Ideentagebuch zu führen, in dem musikalische Einfälle noch als Rohkost notiert wurden, die dann später noch ausformuliert werden mussten, oft mit Hilfe von anderen.
Es hat ihm also sehr geholfen, dass er aus einer musikalischen Familie kam?
Fillafer: Er ist natürlich auch ein Profiteur seiner Mutter, die eine geniale Schatzmeisterin gewesen ist und wesentlich zum finanziellen Erfolg der Strauss-Familie beigetragen hat. Sie hat auch dafür gesorgt, dass ihr Sohn eine kirchenmusikalische Ausbildung bekommen hat. Die Mutter hat den Sorgerechts- und Unterhaltsprozess gegen Vater Strauss, der die Familie 1843 verlassen hatte, gewonnen, wusste sich geschickt der Instrumente des Rechtsstaats zu bedienen. Ich denke, dass wir unser Bild des Vormärz in Sachen weibliche Handlungsspielräume erweitern müssen. Es gab viele erfolgreiche Unternehmerinnen, seien es Hutmacherinnen, Bäckerinnen oder Spitzenfabrikantinnen. Oft gewinnt man den Eindruck, der Vormärz sei bloß eine düstere, von Drangsal geprägte Zeit für das Bürgertum gewesen, das greift zu kurz.
Strauss wurde mit der Voltaschen Säule verglichen, der ersten elektrischen Batterie.
Es wird berichtet, dass Strauss bis zur Erschöpfung gearbeitet hat. War er ein Burnout-Kandidat?
Fillafer: Ich bin kein Freund des Psychologisierens, aber er hat durchaus verstanden, die Klaviatur an Zeittrends geschickt zu bespielen. Er war ein Nervenkünstler. Das 19. Jahrhundert ist das nervöse Zeitalter schlechthin. Der Ennui wurde zum Symbolbild dieser Epoche, der uns heute vielleicht als Burnout begegnet. Strauss wurde mit der Voltaschen Säule verglichen, der ersten elektrischen Batterie. So versuchte man die elektrifizierende, galvanisierende Wirkung seiner Musik zu beschreiben, die sich über den gesamten Erdball fortplatzte. Um sich von den Strapazen des Konzertbetriebs auszuruhen, ging er regelmäßig auf Kur, unter anderem im Bad Gastein, wo sich das Bürgertum zum Austausch traf. Strauss konnte sich diese Boxenstopps nur leisten, weil im Rahmen der Firmenstrategie, die seine Mutter ausgetüftelt hatte, sein Bruder Josef, selbst ein großartiger Komponist, als Einspringer bereitstand.
Man ging also auch zum Socializen auf Kur?
Fillafer: Absolut. Man traf dort internationale Klientel, um berufliche Kontakte zu knüpfen. Seine erste Akquise waren Konzerte im russischen Pawlowsk, der damaligen Sommerresidenz des russischen Zaren. Strauss hat dort ab 1856 elf Tournee-Sommer verbracht und den jungen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski kennengelernt, der im Publikum saß. Tschaikowski mag sich in Pawlowsk für seine Walzer im „Nussknacker” inspirieren haben lassen, Strauss jedenfalls war der Erste, der mit seinem Ensemble ein Werk Tschaikowskis dem Publikum präsentierte, ebenfalls in Pawlowsk.
War Johann Strauss ein Popstar seiner Zeit?
Fillafer: Er war eine der ersten großen internationalen Zelebritäten in der Musikwelt. Der Begriff „Schlager” wurde erfunden, um seine Musik zu beschreiben. Sein Vater und er waren die Ersten, die es wagten, ihre Tanzmusik nicht im Ballsaal, sondern im Konzertsaal auf einer internationalen Tournee aufzuführen. Es gab auch bereits einen schwunghaften Handel mit Devotionalien und Fanartikeln. Das führte zur Legende, dass Strauss seinen Neufundländer geschoren haben soll, um mehr von seinen schönen Locken unter das Volk bringen zu können. Die technische Reproduzierbarkeit der Musiknoten führte zu dem Effekt, dass seine Musik schon bekannt war, bevor er an seine Tournee-Orte kam.
Er war in London, Paris und 1872 in den USA, obwohl ihm das Reisen verhasst war.
Wohin reiste er?
Fillafer: Innerhalb der Habsburger Monarchie gab es Konzertreisen nach Pest, dann die Donau hinunter bis nach Belgrad und in die Walachei. Er war in London, Paris und 1872 in den USA, obwohl ihm das Reisen verhasst war. Der Komponist des „Vergnügungszugs“ hätte den Zug nie zum Vergnügen genutzt, man weiß, dass die Fenster der Garnituren verhängt werden mussten, wenn er durch Tunnel oder Brücken fuhr und dass er sich bei diesen Gelegenheiten regelmäßig im Waggon auf den Boden geworfen haben soll. Es ist eine Pointe, dass Strauss, der ja ein großer Profiteur der Welterschließung durch die Dampfmaschine ist und in seiner Musik der bürgerlichen Nutzbarmachung modernster Technologie huldigt, kein besonderer Freund des Reisens per Zug und Ozeandampfer war.
Wie war sein Verhältnis zu Frauen?
Fillafer: Er war dreimal verheiratet, seine erste Frau Henriette, „Jetty“ Treffz-Chalupetzky hat ihm beruflich viel eingetragen und Kontakte zum Großbürgertum und in Industriellenkreise erschlossen. Sie war eine bedeutende Sängerin und hat ihn zur Operette animiert. Ich denke, die Frauen in der Strauss-Dynastie hätten eine Gesamtdarstellung verdient, auch wegen ihrer Bedeutung für die Akkumulation des Familienschatzes und der Kontaktpflege nach außen. Johann Strauss hat mehrere Zinshäuser in Wien besessen, als er in die USA auf Konzertreise ging, wurde er in der Wiener Presse wegen seiner Mieterhöhungen als Zinshai angegriffen. Dieser Reichtum ist auch ein Beispiel dafür, welchen Aufstieg die habsburgische Mittelschicht im 19. Jahrhundert hinlegen konnte. Der Habsburgerstaat war keinesfalls jenes rückständige Krähwinkel, als das er häufig dargestellt wurde.
Ich denke, die Frauen in der Strauss-Dynastie hätten eine Gesamtdarstellung verdient.
Wie war Wien zur Zeit von Strauss?
Fillafer: Es war schon um 1800 eine Stadt der Kulturkonsums, das ist ein Aspekt, der in der Forschung oft unterbelichtet ist. Es hatte sich ein speziell bürgerlicher Amüsierbetrieb entwickelt, bei dem Wien weltweit eine Vorreiterrolle einnahm. Die Strauss-Familie hat davon profitiert, dass die Wirts- und Kaffeehäuser fast immer auch Balllokale hatten. Es gab einen Künstlerüberschuss, weil die fürstlichen Hofkapellen immer seltener wurden. Ohne diesen Humus hätte die Strauss-Kultur nicht gedeihen können. Aber erst in der Spätphase der Monarchie wurde Johann Strauss zum Inbegriff des Österreichertums stilisiert.
Gibt es dazu ein Beispiel?
Fillafer: Eine Karikatur in der Satirezeitschrift „Kikeriki”: Strauss geigt da im Parlament. All die eingefleischten Erzfeinde, die sich ansonsten an die Gurgel gehen, fallen einander in die Arme und tanzen Walzer. Dieses Strauss-Bild spiegelt auch die zunehmend brüchige Vormachtstellung des deutsch-österreichischen Liberalismus innerhalb der Monarchie wider. Was die österreichische, liberale Politik nicht mehr einrenken kann, soll die österreichische Kunst sanieren. „Staatsrettungsvorschlag” heißt diese Zeichnung, die zugleich die Idee der Welteroberung durch die Musik erahnen lässt. Strauss begründet das Image von Österreich als kultureller Supermacht innerhalb der Monarchie und auf globaler Ebene.
Franz Fillafer studierte Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Oxford und Berlin. Seit 2018 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).