










Die Feierliche Sitzung ist Jahr für Jahr ein absolutes Highlight der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Auch die neueste Ausgabe am 8. Mai 2026 setzte diese Tradition fort. Vor prominenten Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Kirche zog ÖAW-Präsident Heinz Faßmann zunächst Bilanz über das vergangene Akademiejahr und hob dabei mehrere erfolgreiche Projekte hervor. Dazu zählt etwa eine Ausgründung des Instituts für Molekulare Biotechnologie - IMBA der ÖAW, die das Entwicklungspotenzial befruchteter Eizellen bei künstlicher Befruchtung verbessern soll. Dafür konnten Fördermittel in Millionenhöhe vom Europäischen Innovationsrat eingeworben werden.
Gewürdigt wurde außerdem die Entwicklung eines multimodalen Large Language Models für Altgriechisch. Es wurde von Mitarbeitenden des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW gemeinsam mit KI-Expert:innen entwickelt, um Textlücken in Hunderttausenden bislang unerschlossenen Papyrusrollen und Inschriften zu rekonstruieren.
Erfreut zeigte sich Faßmann über die 46 neu gewählten Mitglieder der Akademie und begrüßte vor allem den Umstand, dass zum ersten Mal in der Geschichte der ÖAW bei den gewählten Mitgliedern unter 60 Jahre Frauen den größeren Anteil ausmachen. So wurden 29 Frauen und 17 Männer durch Wahl aufgenommen.
Auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner sprach diesem Fakt ihre Anerkennung aus. „Mit 46 neu gewählten Mitgliedern bekennt sich die Akademie einmal mehr klar zu Exzellenz, Erneuerung und Vielfalt. Damit wird sie jünger, vielfältiger und weiblicher. Und genau darin liegt eine besondere Stärke ihrer Zukunft. Dass mehr als 60 Prozent der neu Gewählten Frauen sind, ist ein besonders erfreuliches und bedeutendes Signal. Auch und gerade in Bereichen, die lange als Männerdomänen galten. Wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, Neustimmen gehört und Talente unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Netzwerken ihren Platz finden, wächst jene Kultur der Vielfalt, die die Forschung besser, kreativer und zukunftsträchtiger macht.“
Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, als Schirmherr der ÖAW, lobte die Akademie als weit mehr als eine Forschungseinrichtung. „Sie ist ein Leuchtturm des menschlichen Geists, ein Ort der intellektuellen Exzellenz und des unermüdlichen Strebens nach Erkenntnis.“ Er hob positiv die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers hervor, die belegen, dass das Vertrauen in die Wissenschaft in Österreich gestiegen ist und derzeit deutlich höher liegt als in Deutschland und der Schweiz.
Für ihre Keynote mit dem Titel „Wege aus der Demokratie-Krise – Aktuelle Suchbewegungen in Europa“ trat schließlich die deutsche Politikwissenschafterin und politische Soziologin Brigitte Geißel als Festrednerin vor das Publikum. Einleitend sprach sie über die paradoxe Situation, in der wir derzeit leben. „Die Zustimmung zur Demokratie als Herrschaftsform ist weltweit stabil sehr hoch. Gleichzeitig sinkt aber in vielen Ländern die Zufriedenheit mit dem konkreten Funktionieren der Demokratie.“ Sie betonte, dass die Krise, in der sich die Demokratie aktuell befinde, uns zwingt, die Gestaltung und Funktionsweise unserer Demokratie grundlegend zu überdenken. Sie gewinnt dem aber durchaus einen positiven Aspekt ab: „Das ist eine Chance für einen Neuanfang, für eine Wiederbelegung der Demokratie.“
Und dieser ist nötig, denn „rund zwei Drittel der österreichischen Bürgerinnen und Bürger fühlen sich schlecht im Parlament vertreten.“ Kleine Stellschrauben nachzuziehen sei aber nicht ausreichend. „Es ist eine Krise einer demokratischen Ausgestaltung, die nicht mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt gehalten hat.“An Reformvorschlägen, forscht und arbeitet sie und ihr Team seit Jahren. Das Problem vieler Ansätze sei jedoch, dass es „keine One-Size-Fits-All-Reform gibt“.
Brigitte Geißel plädiert daher für folgenden Ansatz: „Die Grundidee ist, Bürgerinnen und Bürger sollen nicht nur das politische Führungspersonal auswählen, sondern sie sollen mitentscheiden, wie die Regeln politischer Entscheidungsfindung aussehen. Denn Demokratie ist kein Brett- oder Kartenspiel, bei dem die Spieler, sprich die Bürger, nur das leben, was die Spielentscheider, also Politiker und Experten sich ausgedacht haben
Um also die Lücke zwischen demokratischem Anspruch und demokratischer Realität zu schließen, braucht es laut der Festrednerin Folgendes: „Bürgerinnen und Bürger, die nicht nur wählen, sondern unterstützt und von Experten und Politikern an der Weiterentwicklung ihrer Demokratie beteiligt werden.“