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KlimaTechnikfolgenabschätzung

Das CO₂-Speicherverbot fällt – und was jetzt?

Österreich will das Verbot der unterirdischen CO₂-Speicherung aufheben. ÖAW-Technikfolgenforscher Michael Ornetzeder erklärt, warum die Speicherung von Kohlenstoffdioxid für die Klimaziele wichtig werden kann, wo die Grenzen liegen – und weshalb die gesellschaftliche Debatte jetzt erst beginnt.

14.10.2026
© Adobe Stock

Lange war in Österreich klar: CO₂ unter die Erde zu bringen, ist verboten. Seit 2011 durfte Kohlenstoffdioxid hierzulande nicht dauerhaft im Untergrund gespeichert werden. Nun will die Bundesregierung das ändern. Ein neues Gesetz soll ermöglichen, CO₂ direkt dort abzufangen, wo es entsteht, und anschließend tief unter der Erde einzulagern.

Das klingt nach einer technischen Lösung, berührt aber zentrale Fragen der Klimapolitik: Welche Emissionen lassen sich wirklich nicht vermeiden? Wer entscheidet, wo Leitungen und Speicher entstehen? Wer trägt mögliche Risiken vor Ort? Und wie verhindert man, dass die Speicherung von CO₂ zur bequemen Ausrede wird, an anderer Stelle weniger einzusparen?

Michael Ornetzeder vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich mit genau diesen Fragen. Er ist Mitglied der ÖAW-Kommission zur Defossilisierung und Kohlenstoffneutralität des europäischen Energiesystems, die ein White Paper zum Forschungsbedarf in Österreich vorgelegt hat. Im Interview erklärt er, warum die Aufhebung des Speicherverbots nur der Anfang ist – und warum es neben Technik auch Forschung, klare Regeln und gesellschaftliche Beteiligung braucht.

Herr Ornetzeder, Österreich will das Verbot der unterirdischen CO₂-Speicherung aufheben. Warum kommt dieses Thema gerade jetzt wieder auf?

Michael Ornetzeder: Das Verbot gibt es seit 2011. Seit einigen Jahren wird diskutiert, ob man es wieder aufheben sollte, weil es sehr schwer wird, die Klimaziele ohne irgendeine Form von CO₂-Speicherung zu erreichen. In der österreichischen Carbon-Management-Strategie wird dieses Thema bereits angesprochen. Auch in Klimaberichten, etwa im APCC und im IPCC, findet sich die Einschätzung, dass wir für sogenannte Hard-to-Abate-Sektoren Lösungen brauchen. Damit sind Bereiche gemeint, in denen Emissionen sehr schwer oder gar nicht vollständig vermeidbar sind. Dort muss man CO₂ möglicherweise abscheiden, speichern oder weiterverwenden. Die jetzige Bundesregierung hat die Aufhebung des Speicherverbots auch in ihr Programm aufgenommen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist relativ klar: Wenn Österreich Klimaneutralität erreichen will, wird es irgendeine Form von CO₂-Speicherung brauchen.

Wenn aus einer Möglichkeit konkrete Infrastruktur werden soll, bekommt Forschung eine neue Rolle.

Was würde sich durch die Aufhebung konkret ändern?

Ornetzeder: Zunächst geht es um geologische Speicherung, also um die Einlagerung von CO₂ unter der Erde. In Österreich gibt es dafür mögliche Lagerstätten, etwa ehemalige Erdöl- und Erdgaslagerstätten in Niederösterreich und Oberösterreich. Aber die rechtliche Möglichkeit allein reicht nicht aus. Wenn man in Richtung Umsetzung geht, braucht es sehr viel Wissen: Wo kann CO₂ abgeschieden werden? Wie wird es transportiert? Wo kann es gespeichert werden? Welche Infrastruktur braucht es? Und wer investiert wann unter welchen Bedingungen? Genau deshalb schlagen wir ein großes, integratives Forschungsprogramm vor. Technisch weiß man über viele dieser Fragen schon einiges. Aber im ökonomischen, gesellschaftlichen und systemischen Bereich ist das Wissen noch fragmentiert. Wenn aus einer Möglichkeit konkrete Infrastruktur werden soll, bekommt Forschung eine neue Rolle: Sie kann Orientierung geben, Risiken sichtbar machen und politische Entscheidungen vorbereiten.

CO₂-Speicherung als Schlupfloch?

CO₂ unter die Erde zu bringen klingt für manche nach einer Abkürzung im Klimaschutz. Wo kann Carbon Management sinnvoll sein – und wo nicht?

Ornetzeder: Die Gefahr besteht tatsächlich, dass CO₂-Speicherung als Schlupfloch verstanden wird. Das darf sie nicht sein. Der wichtigste Grundsatz muss bleiben: Emissionen vermeiden, wo immer das möglich ist. Sinnvoll kann Carbon Management dort sein, wo CO₂ prozessbedingt anfällt. Ein klassisches Beispiel ist die Zementindustrie. Bei der Herstellung von Zement entsteht CO₂ nicht nur, weil Energie verbraucht wird, sondern auch aus dem Kalkstein selbst. Selbst wenn man die Energieversorgung umstellt, bleibt also ein großer Teil der Emissionen. Wenn man weiter Zement herstellen will, muss man dieses CO₂ irgendwie behandeln. Auch bei der Müllverbrennung kann das relevant werden, weil dort zu einem hohem Anteil Kunststoffe verbrannt werden. In solchen Bereichen stellt sich die Frage: Kann man das CO₂ abscheiden? Kann man es speichern? Oder kann man es nutzen? Bei der Nutzung muss man aber genau hinsehen. Wenn aus abgeschiedenem CO₂ etwa synthetische Kraftstoffe hergestellt werden, wird dieses CO₂ später bei der Verbrennung wieder freigesetzt. Dann ist es keine dauerhafte Speicherung, sondern eher eine Verlagerung. Für den Klimaschutz ist entscheidend, ob CO₂ langfristig aus der Atmosphäre herausgehalten wird.

Welche Infrastruktur bräuchte Österreich dafür?

Ornetzeder: Man braucht Punktquellen, also Industrieanlagen, bei denen CO₂ in größeren Mengen anfällt und abgeschieden werden kann. Dann braucht man Transportwege – etwa Pipelines – und Speicherorte. Es gibt bereits Überlegungen zu einem CO₂-Pipeline-Netz, auch zu Anschlüssen an internationale Systeme. Diskutiert werden etwa Leitungen Richtung Norden oder Süden. Je konkreter solche Pläne werden, desto wichtiger werden die Fragen dahinter: Wo sollen Leitungen verlaufen? Wer baut und betreibt sie? Welche Unternehmen speisen CO₂ ein? Wer bezahlt die Infrastruktur? Und welche Regionen sind betroffen? Carbon Management ist also nicht nur eine einzelne Technologie. Es ist ein ganzes System aus Abscheidung, Transport, Speicherung, Nutzung, Regulierung und Finanzierung. Man muss es außerdem mit anderen Strategien zusammendenken – etwa mit Wasserstoff, Industriepolitik, Infrastrukturplanung und Kreislaufwirtschaft.

Die Folgen von CO₂-Speicherung

Sie kommen aus der Technikfolgenabschätzung. Welche gesellschaftlichen Fragen sind hier besonders wichtig?

Ornetzeder: Die gesellschaftliche Seite ist zentral. Wenn man Carbon Management politisch will, muss man sehr früh darüber nachdenken, wie die Bevölkerung und betroffene Regionen einbezogen werden. Österreich hat eine lange Tradition gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um Großprojekte. Solche Projekte können nicht nur an technischen Fragen scheitern, sondern auch an fehlender Legitimation und Widerstand vor Ort. Internationale Beispiele zeigen das deutlich. In den Niederlanden ist ein CO₂-Speicherprojekt nicht an der Technik gescheitert, sondern am Widerstand der lokalen Bevölkerung. Menschen nehmen Risiken wahr, sie fragen nach Sicherheit, nach Immobilienwerten, nach möglichen Auswirkungen auf ihre Region. Solche Fragen muss man ernst nehmen.

Wenn eine Pipeline gebaut wird oder eine Speicheranlage entsteht, betrifft das konkrete Menschen vor Ort. 

Hinzu kommt: Der Nutzen ist allgemein verteilt. Klimaschutz nützt der Gesellschaft insgesamt. Die Belastungen sind aber lokal. Wenn eine Pipeline gebaut wird oder eine Speicheranlage entsteht, betrifft das konkrete Menschen vor Ort. Diese Verteilung von Nutzen und Lasten ist eine Fairnessfrage.

Welche Risiken müssen erklärt werden?

Ornetzeder: Man muss Risiken transparent aufbereiten. Bei Speicheranlagen kann es Fragen zu Erdbeben, geologischen Verschiebungen oder langfristiger Sicherheit geben. Bei Pipelines und Transporten geht es um mögliche Leckagen oder Unfälle. CO₂ ist in hoher Konzentration gefährlich, weil es Sauerstoff verdrängen kann. Es ist schwerer als Luft und kann sich in Senken sammeln. Wenn Menschen dort hineingeraten, kann das zu Bewusstlosigkeit oder Erstickungsgefahr führen. Solche Risiken bedeuten nicht automatisch, dass man die Technologie nicht einsetzen kann. Aber sie müssen offen kommuniziert, wissenschaftlich bewertet und durch Sicherheitsstandards adressiert werden. Wenn man einfach sagt: Wir machen das jetzt, ohne die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, kann das sehr schnell in Widerstand umschlagen.

Wie müsste Beteiligung aussehen, damit solche Projekte akzeptiert werden können?

Ornetzeder: Ein einzelnes Genehmigungsverfahren reicht wahrscheinlich nicht. Bei großen Infrastrukturprojekten braucht es frühzeitige, kontinuierliche Kommunikation. Die Menschen müssen verstehen können, worum es geht, welche Alternativen es gibt, welche Risiken bestehen und warum ein Projekt an einem bestimmten Ort geplant wird. Wichtig ist auch Verfahrensfairness. Es geht nicht nur darum, wie Nutzen und Belastungen verteilt sind, sondern auch darum, ob der Prozess als fair wahrgenommen wird. Wer darf mitreden? Wie neutral ist die Moderation? Wie glaubwürdig sind Expertinnen und Experten? Werden Einwände ernst genommen? Das alles sind keine Nebensächlichkeiten. Es sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass solche Technologien überhaupt umgesetzt werden können.

Was sollte Österreich jetzt tun?

Ornetzeder: Österreich sollte die Aufhebung des Speicherverbots nicht als Ende der Debatte verstehen, sondern als Anfang. Jetzt braucht es Forschung, die Technik, Wirtschaft, Recht, Infrastruktur und Gesellschaft gemeinsam betrachtet. Technisch ist schon viel passiert. Aber zu Fragen der Akzeptanz, der Akzeptabilität, der Finanzierung, der Governance und der Systemintegration gibt es in Österreich noch wenig Forschung. Genau dort muss man jetzt ansetzen. Carbon Management kann ein Baustein der Klimapolitik sein, aber nur unter klaren Bedingungen: Es darf Emissionsvermeidung nicht ersetzen. Es muss auf Bereiche begrenzt bleiben, in denen Emissionen schwer oder gar nicht vermeidbar sind. Und es muss gesellschaftlich gut vorbereitet werden. Sonst wird aus einer technischen Möglichkeit sehr schnell ein politisches Problem.

 

Auf einen Blick

Michael Ornetzeder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Dozent an der Universität für Bodenkultur Wien. Er ist Mitglied der ÖAW-Kommission zur Defossilisierung und Kohlenstoffneutralität des europäischen Energiesystems. Die Kommission hat das White Paper „Forschungsbedarf im Bereich Carbon Management in Österreich“ veröffentlicht.