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Internationale KooperationZentralasien

Besuch im Reich des Chinggis Khan

Bundespräsident Alexander Van der Bellen war in der Mongolei zu Gast. Heinz Faßmann war Teil der Delegation des Staatsbesuchs und verstärkte die wissenschaftliche Kooperation mit dem zentralasiatischen Staat. Welche Abkommen geschlossen wurden und welche Rolle dabei der berühmte Chinggis Khan spielte, erzählt der ÖAW-Präsident im Interview.

02.06.2025
Heinz Faßmann, Alexander Van der Bellen, Ukhnaa Khurelsukh und Sampildovdov Chuluun bei der Präsentation der Kooperationsverträge in feierlichem Saal
ÖAW-Präsident Heinz Faßmann (li.) mit Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Unterzeichnung von Kooperationsabkommen mit dem mongolischen Staatspräsidenten Ukhnaa Khurelsukh und dem Direktor des Chinggis Khan Museums Sampildovdov Chuluun (re.).
© Peter Lechner/HBF

1,5 Millionen Quadratkilometer, 3 Millionen Einwohner, eingeklemmt zwischen Russland und China – die Mongolei nimmt geopolitisch eine interessante Position ein. Bundespräsident Alexander Van der Bellen besuchte den Staat in Zentralasien kürzlich mit einer Delegation, der auch Heinz Faßmann angehörte. Der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) schildert, welche wissenschaftlichen Abkommen dort unterzeichnet wurden und wie die Zusammenarbeit mit den ÖAW-Instituten künftig verstärkt werden kann.

Mongolei blickt nach Europa

Herr Faßmann, was war das Ziel der Reise in die Mongolei, die der Bundespräsident initiiert hat und bei der Sie Teil der Delegation waren?

Heinz Faßmann: Die Mongolei ist das flächenmäßig zweitgrößte Binnenland der Welt und es ist umgeben von lediglich zwei großen und manchmal auch problematischen Nachbarn, Russland und China. Geopolitisch ist das keine einfache Situation. Die Mongolei sucht daher "dritte Nachbarn", um sich aus dieser Umklammerung zu lösen. Mit vielen europäischen Staaten intensiviert die Mongolei ihre Beziehungen, nach Deutschland, Frankreich, Slowenien und der Schweiz nun auch mit Österreich. Es war daher an der Zeit, dass erstmals ein österreichischer Bundespräsident, mehr als 60 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen, das Land bereiste. Eine Delegation aus Vertretern und Vertreterinnen der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Kunst begleitete ihn dabei.

Die Mongolei versucht sich aus der Umklammerung von Russland und China zu lösen.

 

Was erwarten sie sich von dem Übereinkommen mit der Mongolischen Akademie der Wissenschaften?

Faßmann: Ich habe im Namen der ÖAW zwei Abkommen abgeschlossen: ein Partnerschaftsabkommen mit dem Chinggis Khan Museum und eines mit der Mongolischen Akademie der Wissenschaften (MAW). Letzteres eröffnet attraktive Mobilitätsmöglichkeiten für Forscher und Forscherinnen sowohl der österreichischen als auch der mongolischen Akademie. Ich erwarte eine Stärkung der bestehenden Kooperationen und vielleicht auch die Etablierung in neuen Bereichen. Mit Respekt blickt man in der MAW auf die Geistes- und Kulturwissenschaften an der ÖAW, aber auch auf unsere Quantenphysik und die molekulare Biologie.

Wettbewerb um Chinggis Khan

Sie haben im Rahmen der Reise auch das Chinggis Khan Museum besucht. Welchen Eindruck hatten Sie und welche Rolle spielt Chinggis Khan in der Mongolei?

Faßmann: Das Chinggis Khan Museum, eröffnet 2022, offeriert einen Überblick über mehr als 2000 Jahre mongolische Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei der namensgebende Begründer und Herrscher des sich bis nach Mitteleuropa erstreckenden Weltreiches. Nach siegreichen Eroberungsfeldzügen leitete er eine Ära des Friedens und des Wohlstands für Eurasien ein, setzte schriftliche und für alle verbindliche Gesetze durch und installierte ein einheitliches Verwaltungs- und Transportsystem. Dieser historische Abschnitt - im 13. und 14. Jahrhundert - wird auch als Pax Mongolica bezeichnet.

Das Museum ist nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch Ausdruck einer identitätsstiftenden Erinnerungspolitik, die zweierlei betont: Die Mongolei war historisch wichtig und Chinggis Khan ist zentral für die Gründungsgeschichte der Mongolei. Es gibt einen Wettbewerb um ihn, denn auch die Innere Mongolei, eine Region in Nordchina, und Kasachstan beanspruchen ihn für sich.


Chinggis Khans Erbe und Österreich

Wie die neueste Forschung auf den Begründer des mongolischen Reiches Chinggis Khan blickt, erzählt Bruno De Nicola. Der Historiker forscht am Institut für Iranistik der ÖAW, wo bereits seit mehreren Jahren ein Projekt über die Mongolen im Iran und in Zentralasien läuft. Die in Wien gewonnene Expertise soll nun auch in die Arbeit des Chinggis Khan Museums in Ulaanbataar einfließen. Denn dort steht Großes bevor: 2027 jährt sich der Todestag des Herrschers zum 800. Mal.

Die Mongolen sind nie wirklich bis nach Wien gekommen, oder?

Bruno De Nicola: Sie kamen bis nach Niederösterreich. In den Jahren 1241–1242  besiegten sie den ungarischen König. Bei dessen Verfolgung bis an die Adria drangen mongolische Soldaten in das Gebiet des heutigen Österreich ein, vor allem in Niederösterreich und möglicherweise auch in die Steiermark. Wahrscheinlich bereiteten sie sich auf einen weiteren Vormarsch vor – wohl bis nach Wien und darüber hinaus. Doch dann kam die Nachricht vom Tod des Großkhans Ögedei (Regierungszeit 1229–1241), eines Sohnes und Nachfolgers Dschingis Khans. Nach mongolischer Tradition mussten alle Adligen zurückkehren, um einen neuen Herrscher zu wählen. Also zogen sie sich plötzlich zurück und bewahrten Österreich vor einer größeren Invasion.

Welche Bedeutung hatte Chinggis Khan für die Mongolei?

De Nicola: Vor ihm war die Mongolei zersplittert, die einzelnen Stämme kämpften und stritten ständig um Ressourcen und Macht. Er einte sie nach verschiedenen Schlachten im Jahr 1206. Dann begann er mit seinen Feldzügen. Bei seinem Tod 1227 hatte er Nordchina, die Mongolei und Teile Zentralasiens erobert. Die größte Expansion kam unter seinen Nachfolgern. Das ist einzigartig. Die meisten nomadischen Reiche zerfallen nach dem Tod ihres Gründers – das Mongolische Reich wuchs und wurde zum größten zusammenhängenden Landreich der Geschichte.

Dieses Erbe wurde zu einem Bezugspunkt für Herrscher, die sich auf ihn beriefen oder zu einer Bedrohung, gegen die sich andere abgrenzten. Deshalb bleibt Dschingis Khan eine so zentrale historische Figur.

Im Jahr 2027 jährt sich der Tod von Dschingis Khan zum 800. Mal. Was ist dabei die Rolle des Chinggis Khan National Museum?

De Nicola: Das Museum entwickelt sich zu einem Bildungszentrum. Sie müssen wissen, dass während der kommunistischen Ära das Erbe Chinggis Khans unterdrückt wurde. Seit den demokratischen Reformen in den 1990er-Jahren gibt es eine Wiederbegegnung mit der frühen Geschichte der Mongolei. Das Museum spielt eine wichtige Rolle bei der Rückgewinnung dieses historischen Narrativs. Natürlich gibt es Debatten über Nationalismus und die Verwendung historischer Figuren – das ist nicht einzigartig für die Mongolei. Im Rahmen unserer Zusammenarbeit planen wir für 2027 eine große Konferenz in Wien zum Jubiläum. Das Museum wird dabei ein zentraler Partner sein genauso wie die Mongolische Akademie der Wissenschaften und andere Partnereinrichtungen.