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ArchäogenetikHunnen

Antike Genome erhellen Herkunft der europäischen Hunnen

Eine internationale Forschungsgruppe unter Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Universität Wien hat antike Genome analysiert und Verbindungen zwischen den Hunnen und dem Xiongnu-Reich entdeckt. Diese Erkenntnisse werfen neues Licht auf den umstrittenen Ursprung der europäischen Hunnen.

24.02.2025
Viele Zeitgenossen betrachteten die Hunnen als wilde Barbaren, auch wenn Gesandtenberichte ihn als zivilisierten Herrscher darstellen. In Raffaels Gemälde „Leo I. und Attila“ wird Attila nicht mit asiatischen Gesichtszügen dargestellt, sondern als europäischer Krieger, was seine Eingliederung in die europäische Kulturgeschichte verdeutlicht.
© Wikicommons

Im Jahr 375 fielen die Hunnen in Osteuropa ein. Sie unterwarfen germanische Völker und zwangen viele andere zur Flucht aus ihren angestammten Gebieten. Um 450 beherrschten sie unter König Attila in Osteuropa ein mächtiges, aber kurzlebiges Reich. Ihre Herkunft war lange Zeit Gegenstand heftiger Debatten, insbesondere die Frage nach einer möglichen Verbindung zu den Xiongnu, einem Nomadenreich in der mongolischen Steppe. Doch stichhaltige Beweise blieben rar – bis heute. 

Neue archäogenetische Analysen im Projekt HistoGenes des europäischen Forschungsrates (ERC) unter Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Universität Wien zeigen, dass die Bevölkerung der Hunnenzeit überraschend vielfältig war. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift PNAS erschienen.

Genetische Vielfalt und gemischter Ursprung

„Die Vorfahren von Attilas Hunnen bewegten sich generationenlang durch die eurasiatischen Steppen und vereinten sich dort mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Mit manchen vermischten sie sich auch“, sagt Walter Pohl, Historiker vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und Professor am Institut für Geschichte der Universität Wien.

Die Untersuchung von 370 Genomen aus verschiedenen Epochen und Regionen ergab eine große genetische Vielfalt unter den Steppenvölkern. Dies deutet darauf hin, dass die Hunnen unterschiedlicher genetischer Herkunft waren und nicht aus einer homogenen Gruppe stammten. Während keine direkte Abstammung einer großen Gemeinschaft aus der mongolischen Steppe in das Karpatenbecken nachgewiesen werden konnte, zeigen einzelne genetische Linien, dass einige Hunnen tatsächlich Xiongnu-Vorfahren hatten.

Das Xiongnu-Reich, das zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. in der mongolischen Steppe existierte, zerfiel etwa 300 Jahre vor dem Auftreten der Hunnen in Europa. Diese genetischen Spuren unterstützen die These, dass Teile der Xiongnu-Elite in späteren Jahrhunderten eine Rolle bei der Entstehung der europäischen Hunnen spielten.

Kombination aus Archäologie und Genetik

Um möglichst präzise Aussagen treffen zu können, kombinierte das internationale Forschungsteam um Erstautor Guido Alberto Gnecchi- Ruscone vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie archäologische Befunde mit genomischen Daten aus unterschiedlichen Zeiträumen und Regionen: Zum einen spielte die Xiongnu-Zeit (2. Jh. v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.) in der mongolischen Steppe eine Rolle, aber auch die Zwischenzeit (2. bis 5. Jh. n. Chr.) in Zentralasien und zum anderen die Hunnenzeit (5. bis 6. Jh. n. Chr.) im Karpatenbecken.

Diese breite Datenbasis ermöglichte es, die genetische Entwicklung und die Wanderungen der Steppenvölker über mehrere Jahrhunderte zu verfolgen – und zeigte, dass die Xiongnu zwar wahrscheinlich nicht die Hauptvorfahren der europäischen Hunnen waren, einige jedoch nachweislich von ihnen abstammten. Auch archäologische Funde zentralasiatischer Herkunft sind eher selten.

„Die Zusammenarbeit von Genetik und Geschichte, Archäologie und Anthropologie kann uns ein neues Bild von der dramatischen Zeit liefern, in der das weströmische Reich zerfiel“, sagt Walter Pohl. „Trotz ihrer militärischen Erfolge haben die asiatischen Hunnen in Mitteleuropa nur wenige genetische und kulturelle Spuren hinterlassen.“

 

AUF EINEN BLICK

Publikation:

Ancient genomes reveal trans-Eurasian connections between the European Huns and the Xiongnu Empire, Guido Alberto Gnecchi-Ruscone et al. PNAS 2025 (Open Access)
DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2418485122