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Tag der GletscherGletscherforschung

Andrea Fischer: Gletscher schmelzen schneller als erwartet

Die Gletscherschmelze in den Alpen schreitet schneller voran als bisher gedacht. Das zeigen neue Modellrechnungen. Sie gehen davon aus, dass bis 2030 ein Drittel der alpinen Gletscher verschwunden sein wird. Andrea Fischer, Glaziologin an der ÖAW, über die Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft – und ihren dahinschmelzenden Forschungsgegenstand.

21.03.2025
In wenigen Jahren könnte der Anblick einer Gletscherzunge, wie hier am Taschachferner in Tirol, der Vergangenheit angehören. Der Taschachferner hat sich seit den 1970er-Jahren bereits um 250 Meter zurückgezogen.
© Adobe Stock

Heuer wurde der wärmste Jahresbeginn gemessen, der je dokumentiert wurde – eine Entwicklung, die auch im „Internationalen Jahr der Erhaltung der Gletscher“ spürbar ist. Immer mehr Wärmerekorde beschleunigen das Schrumpfen der Gletscher, und besorgniserregende Prozesse wie großflächige Zerfallserscheinungen auf den Eisflächen treten immer häufiger auf. Welche neuen Erkenntnisse die Forschung zu den Gletschern in den Alpen liefert und welche Konsequenzen diese Entwicklungen für die Zukunft des alpinen Raums haben, erklärt Andrea Fischer, Glaziologin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Wissenschaftlerin des Jahres 2023, im Interview.

Fest steht: „Die Gletscher in den Ostalpen werden in den kommenden Jahrzehnten vollständig abschmelzen – das lässt sich nicht mehr verhindern“, sagt Fischer. Um das globale Bewusstsein für die wichtige Rolle der Gletscher im Ökosystem zu schärfen, haben die Vereinten Nationen 2025 zum Weltgletscherjahr ausgerufen, eine Initiative, die nun offiziell von der Weltwetterorganisation (WMO) in Genf eingeläutet wurde. Am 21. März wird außerdem erstmals der Weltgletschertag begangen.

Ein Wärme-Rekordjahr nach dem anderen

Frau Fischer, welche neuen Erkenntnisse gibt es zur Geschwindigkeit des Gletscherschmelzens in den Alpen?

Andrea Fischer: Wir haben ein Rekordjahr nach dem anderen und die Gletscher sind schon so dünn, dass wir in den vergangen drei Jahren markante Flächenverluste beobachten. Gleichzeitig haben wir neue Prozesse beobachtet, die jetzt flächendeckend auftreten, wie großflächige Zerfallserscheinungen auf den Eisflächen.

Wir beobachten großflächige Zerfallserscheinungen auf den Eisflächen.

Neueste Modellrechnungen zeigen, dass bis 2030 bis zu einem Drittel der Gletscher in den Alpen verschwunden sein werden. Diese Zahlen rücken das Ende der Gletscher deutlich näher als noch vor wenigen Jahren, als die Modellrechnungen ein Ende der Gletscher gegen Ende des Jahrhunderts vorhersagten.

Es ist also noch wärmer in den Alpen geworden als angenommen?

Fischer: Dieser Temperaturanstieg in den Jahren 2022, 2023 und 2024 hängt auch mit zyklischen Veränderungen der Meeresoberflächentemperaturen wie La Niña und El Niño zusammen. Danach sollte sich aber wieder eine Abkühlung einstellen, die uns wieder näher an den prognostizierten Klimamittelwert bringt. Derzeit liegen wir aber deutlich über der erwarteten Erwärmung.

Welche Rolle haben denn die Gletscher für das lokale und globale Klima?

Fischer: Auf globaler Skala beschäftigt uns gerade sehr das Einfließen von Schmelzwasser in die Ozeane, das zu einem Kipppunkt führen könnte. Ein solcher Kipppunkt könnte in sehr kurzer Zeit zu drastischen Veränderungen des Klimas führen.

Die Gletscher der Ostalpen werden in den kommenden Jahrzehnten vollständig abschmelzen – das lässt sich nicht mehr verhindern.

Auf einer lokalen Skala geht es vor allem um das Wasserangebot und das Schmelzwasser. Je mehr Schnee und Eis schmelzen, desto mehr Wasser steht den Pflanzen im Hochgebirge während der Vegetationsperiode zur Verfügung. Der Untergrund im Hochgebirge muss sich erst an die neuen Bedingungen durch den schnellen Gletscherrückgang anpassen. In dieser Zeit besteht eine erhöhte Neigung zu Massenbewegungen, etwa zu Bergstürzen. Diese entstehen auch durch das Auftauen des Permafrosts, der besonders empfindlich auf die warmen Wintertemperaturen reagiert.

Vorsicht im Hochgebirge

Apropos Wasser. Welche Rolle spielen die Gletscher für die Trinkwasserversorgung in Österreich?

Fischer: In Österreich spielen Gletscher für die Trinkwasserversorgung glücklicherweise eine geringe Rolle, da wir genügend Wasser aus Niederschlägen erhalten, die unsere Quellen speisen. Anders sieht es in anderen Ländern der Erde aus, wo das Schmelzwasser wesentlich zum Grundwasserspiegel beiträgt und auch zur Bewässerung in der Landwirtschaft verwendet wird. In den Trockengebieten der Erde kann das durchaus ein Problem sein. Bei uns hängt unser Schicksal, wenn man so will das Schicksal unseres Wassers, hauptsächlich vom Niederschlag ab.

Und zur Stabilität im Hochgebirge: Mit welchen neuen Gefahren müssen wir rechnen?

Fischer: Ich beginne mit der guten Nachricht, dass die Nutzung des Hochgebirges schon immer sehr dynamisch war. Es geht jetzt sehr stark um die Verlagerung von Aktivitäten. Einige Gipfel und Passübergänge, die bisher über Gletscher erreichbar waren, werden in Zukunft nur noch schwer passierbar sein, weil dort die Gefahr von Felsstürzen und Steinschlag zunimmt.

Der anthropogene Klimawandel überschreitet die Anpassungsfähigkeit der Natur.

Aber man wird in den nächsten Jahren sicher neue Gipfel entdecken, wo man dann die Natur genießen kann. Was immer wichtig zu beachten ist: Frische Steine, Spuren von Erdrutschen oder lose, scharfkantige Felsen deuten auf Gefahr hin. Besonders bei hörbarem Steinschlag sollte man besser umdrehen.

Wie können wir die noch vorhandenen Gletscher besser schützen?

Fischer: Die Gletscher der Ostalpen werden in den kommenden Jahrzehnten vollständig abschmelzen – das lässt sich nicht mehr verhindern. Selbst bei drastischer Reduktion der Treibhausgase würden die Effekte erst in 20 bis 30 Jahren eintreten, für die meisten Alpengletscher zu spät. 

Anderswo, in sensiblen, trockenen Regionen, können wir Eisflächen mit Klimaschutzmaßnahmen noch retten. Langfristig könnte eine Abkühlung gegen Ende des Jahrhunderts das Gletscherwachstum in den Alpen wieder ermöglichen. Gletscher sind kein ewiges Eis – in den Ostalpen existieren sie erst seit etwa 6.000 Jahren und verschwanden im Holozänen Optimum bereits einmal ohne menschliches Zutun. Problematisch ist heute, dass der anthropogene Klimawandel diese natürliche Warmzeit übertreffen könnte und so die Anpassungsfähigkeit der Natur überschreitet.

Globale Gletscherrettungs-Mission

Wenn die Ostalpen schon in den 2030er-Jahren gletscherfrei werden, was machen Sie dann als Glaziologin?

Fischer: Wir richten unsere Messungen bereits darauf aus und ersetzen die Messstellen am Gletscher durch Biodiversitäts-Messstellen. So beobachten wir, wie schnell und auf welche Weise terrestrische Ökosysteme den freiwerdenden Raum zurückerobern. Das ist entscheidend für die Zukunft des Alpenraums: Wie rasch passt sich die Natur an die veränderten Bedingungen an? Und wie entwickeln sich die neuen Pflanzengemeinschaften?

Wir brauchen globale, großräumige Lösungen für das Problem der schmelzenden Gletscher.

Die Weltwetterorganisation hat 2025 offiziell zum Internationalen Jahr zur Erhaltung der Gletscher erklärt. Wie können diese Initiativen das Bewusstsein für Gletscher stärken?

Fischer: In diesem Jahr der Gletscher ist es, glaube ich, wichtig zu sagen, dass die Frage des Gletscherschutzes sehr deutlich zeigt, dass wir global gemeinsam handeln müssen. Es gibt keinen isolierten Schutz der Gletscher. Wir können die Gletscher nicht in Dosen packen, sondern wir brauchen wirklich globale, großräumige Lösungen für dieses Problem.

Das Schöne an der Forschung ist, dass sie vorzeigt, wie internationale Zusammenarbeit funktionieren kann. Das würde man sich auch von der Politik wünschen. In der Gletscherforschung gibt es den World Glacier Monitoring Service in Zürich, der in jedem Land nationale Beobachter hat. Wir brauchen ganz dringend diese globale Koordination. Denn: Kleinteilige Lösungen werden nicht zum Erfolg führen.

 

Auf einen Blick 

Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie Vizedirektorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie forscht unter anderem zum Gletscher Jamtalferner. Sie ist zudem wirkliches Mitglied der ÖAW und wurde vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur Wissenschaftlerin des Jahres 2023 gewählt.

 

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler