Philipp (Fülöp) Eduard Anton (von) Lenard (1862–1947), Physiker
1905 Nobelpreis für Physik für „seine Arbeiten über Kathodenstrahlen“
1917 Korrespondierendes Mitglied im Ausland der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, umgewidmet in
1938 Korrespondierendes Mitglied Reichsbürger der Akademie der Wissenschaften in Wien, umgewidmet in
1945 Korrespondierendes Mitglied im Ausland der Akademie der Wissenschaften in Wien
1896 Freiherr-von-Baumgartnerʼscher Preis der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien
1937 NSDAP-Mitgliedschaft 4.130.000
(Bundesarchiv R 9361-VII KARTEI/152 1631; NSDAP-Gaukartei, Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25460555)
Mitglied im Alldeutschen Verein
1928 öffentlicher Förderer der „Nationalsozialistischen Gesellschaft für Deutsche Kultur, aus der 1931 der Kampfbund für deutsche Kultur hervorging, zu dessen Gründungsmitgliedern Lenard zählte
1929 Ehrenmitglied im „Bund völkischer Lehrer“
Mitglied im NS-Opferring
Förderndes Mitglied der SS
Mitglied des „Reichsinstituts für Geschichte des Neuen Deutschlands“, mit der Übernahme der Leitung des Referats „Das Judentum in der Naturwissenschaft“ 1936
1936 Preis der NSDAP für Kunst und Wissenschaft
1937 Goldenes Parteiabzeichen der NSDAP
(Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2., aktualisierte Aufl. Frankfurt/Main: Fischer TB 2005; Frank Engehausen, Absolute Wissenschaft in einer absoluten Welt. Der Fall Philipp Lenard, S. 95; Klaus-Peter Schroeder, Philipp Lenard. „Zudem sehe ich mit Hitler auch wieder Menschen kommen, die mir ähnlich sind“, S. 80)
Bereits in Lenards Karriereanfängen erfolgten grundlegende Arbeiten zur Phosphoreszenz und zum Photoeffekt. Dabei untersuchte er kathodolumineszente Substanzen (Lenard-Phosphore) und entwickelte Vorstellungen über deren Leuchtmechanismus. Ab 1891 führte er als Assistent von Heinrich Hertz in Bonn erste Experimente mit Kathodenstrahlen durch. Die von Hertz entdeckte Durchlässigkeit dünner Metallfolien für Kathodenstrahlen führte zur Konstruktion des „Lenard-Fensters“, welches ermöglichte, Kathodenstrahlen aus dem Entladungsraum in freie Luft oder in einen anderen evakuierten Raum herauszuführen. Ebenso bewies Lenard, dass Kathodenstrahlen negative elektrische Landungen sind. 1894 ging er als außerordentlicher Professor nach Breslau, wechselte ein Jahr später an die Technische Hochschule in Aachen, kam 1896 als außerordentlicher Professor für theoretische Physik nach Heidelberg und übernahm zwei Jahre später als Professor die Leitung des physikalischen Instituts in Kiel. Um 1900 entdeckte Lenard wichtige Gesetzmäßigkeiten des lichtelektrischen Effekts. 1903 ebnete er mit seiner Dynamidentheorie, nach der sich die Wirkungszentren des Atoms nur auf einen Bruchteil des Atomvolumens konzentrieren, dem Rutherfordschen Atommodell den Weg. Bekannt wurde er auch mit dem nach ihm benannten Lenard- oder Wasserfalleffekt, wonach es zur Trennung elektrischer Ladungen beim aerodynamischen Zerplatzen von Wassertropfen kommt, und mit Arbeiten zur Gewitterelektrizität. Als Direktor des Instituts für Physik und Radiologie in Heidelberg (ab 1907) gründete er 1913 dort ein physikalisches Institut, das von 1935 bis 1945 den Namen Philipp-Lenard-Institut trug. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen hatte er u. a. mit den Physiknobelpreisträgern Joseph John Thomson, Wilhelm Conrad Röntgen (1920 Ehrenmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) und Albert Einstein.
Der zunächst überzeugte Monarchist wurde unter dem Eindruck der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg, des Versailler Vertrags und der Weimarer Republik zu einem bekennenden Nationalsozialisten und Antisemiten. 1921 begrüßte er die Ermordung des ehemaligen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger durch rechtsradikale Aktivisten, 1922 verweigerte er die angeordnete Staatstrauer anlässlich der Ermordung des deutschen Reichsaußenministers Walther Rathenau. Daraufhin kam es unter dem Sozialdemokraten Carlo Mierendorff zu Protesten von Studenten und Arbeitern vor und in Lenards Institut in Heidelberg. Lenard wurde in Schutzhaft genommen und ihm die Betretung des Instituts untersagt. Ein eingeleitetes Disziplinarverfahren und die Suspendierung Lenards wurden auf Druck von Fachvertretern und Studenten aufgehoben. Als einer der ersten namhaften deutschen Wissenschaftler, die sich in der Öffentlichkeit zu Adolf Hitler und dem Parteiprogramm der NSDAP bekannten, und überzeugter Vertreter der NS-Ideologie verfasste Lenard 1924 gemeinsam mit dem Physiknobelpreisträger Johannes Stark in der „Großdeutschen Zeitung“ den Artikel „Hitlergeist und Wissenschaft“. In der Folge wurde Lenard zu einem führenden Vertreter der Bewegung der arisch ausgerichteten „Deutschen Physik“. Das brachte ihn in Widerstand zu Albert Einstein, dessen Wissenschaft er als „jüdische Physik“ deklarierte. Lenard war daher bereits zu Beginn der 1920er-Jahre einer der Hauptgegner von Einsteins Relativitätstheorien, die er als „Judenbetrug“ bezeichnete. 1936 erschien Lenards vierbändiges Lehrbuch für Experimentalphysik „Deutsche Physik“, in dem er betonte, dass nur die „nordische“ bzw. „arische Rasse“ zu wahrer Naturerkenntnis fähig sei. Mit zunehmender Kriegsdauer setzte sich die „moderne Physik“ (u. a. Relativitätstheorie, Quanten- und Wellenmechanik) gegenüber der „Deutschen Physik“ mehr und mehr durch, und Lenard verlor an Einfluss. Entnazifizierungsmaßnahmen entging er 1945 aufgrund seines fortgeschrittenen Alters.
Auszeichnungen und Benennungen
1909 Korrespondierendes Mitglied der Preußische Akademie der Wissenschaften
1909–1934 (ausgetreten) Ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
1932 Adlerschild des Deutschen Reiches
1933–1945 Ehrenbürger der Stadt Heidelberg (aberkannt)
1933–1946 Mitglied des Senats der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft
1937–1945 Philipp-Lenard-Schule in Heidelberg, ab 1945 Helmholtz-Gymnasium Heidelberg
1942 Ehrenmitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
1942–1945 Ehrenbürgerwürde der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (aberkannt)
Lenardstraße in München, 1966 umbenannt in Domagkstraße
Philipp-Lenard-Straße in Lemgo (Nordrhein-Westfalen), 2006 unbenannt in James-Franck-Straße
Philipp-Lenard-Gasse in Klagenfurt, 2009 unbenannt in Karl-Landsteiner-Gasse
Rue Philipp-Lenard in Gatineau (Quebec), 2015 umbenannt in Rue Albert-Einstein
Lenardweg in Lübeck, 2020 umbenannt in Rosalind-Franklin-Weg
1991 Lenardova ulica in Bratislava (Slowakei)
2008–2020 Mondkrater Lenard, seit 2020 unbenannt
Akademiemitgliedschaften
Literatur
Philipp Lenard, Erinnerungen eines Naturforschers. Kritisch annotierte Ausgabe des Originaltyposkriptes von 1931/1943, hg. Arne Schirrmacher, Berlin, Heidelberg: Springer Verlag 2010.
Frank Engehausen, Absolute Wissenschaft in einer absoluten Welt. Der Fall Philipp Lenard, in: Ruperto Carola 14 (2019), S. 92–99.
Klaus-Peter Schroeder, Philipp Lenard. „Zudem sehe ich mit Hitler auch wieder Menschen kommen, die mir ähnlich sind“, in: Ders., Die Universität Heidelberg auf dem Weg in das „Dritte Reich“. Arnold Paul Ruge, Philipp Lenard – Emil Julius Gumbel, heiBOOKS Universitätsbiliothek Heidelberg 2021, S. 59–83. (https://doi.org/10.11588/heibooks.840)
Autorin: Daniela Angetter-Pfeiffer, ÖAW ACDH
