Julius Wagner-Jauregg, von 1883 bis 1919 Ritter von Wagner-Jauregg, (1857–1940), Mediziner
1927 Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für „die Entdeckung des therapeutischen Werts der Malariaimpfung bei der Behandlung von Dementia paralytica“
1929 Ehrenmitglied der Gesamtakademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
1940 Mitglied der Kommission zur Verwaltung der Wagner-Jauregg-Widmung zur Erforschung und Bekämpfung von Kropf und Kretinismus (1928–1939 Stiftung Arnold Flinker und Wagner-Jauregg, 1940–1956 Kommission zur Verwaltung der Wagner-Jauregg-Widmung zur Erforschung und Bekämpfung von Kropf und Kretinismus an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1956–1977 Ständige Kommission für die Seegen-Erbschaft und die Wagner-Jauregg-Widmung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften)
Sein am 21. April 1940 gestellter Antrag auf Mitgliedschaft in die NSDAP wurde postum „wegen Rasse“ zurückgestellt, weil seine erste Ehefrau Balbine Frumkin, geb. Goldberg, jüdischer Herkunft war.
(Bundesarchiv Berlin, PK S 0120).
Nach seinen Habilitationen für Pathologie des Nervensystems 1885 und Psychiatrie 1888 erhielt Wagner-Jauregg eine außerordentliche Professur an der Psychiatrisch-neurologischen Klinik in Graz, wo er sich mit Schilddrüsenerkrankungen befasste und einen Mangel an Schilddrüsenhormonen als Ursache für Kretinismus erkannte. Zur Bekämpfung dieser Erkrankung empfahl er dem Kochsalz bzw. dem Trinkwasser Jod beizugeben. 1893 kehrte er als Vorstand der I. Psychiatrischen Klinik sowie als Direktor der damit verbundenen Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt nach Wien zurück. Erfolgreich war seine 1902 initiierte Zusammenlegung der beiden psychiatrischen Lehrkanzeln und Kliniken zu einer Psychiatrischen Universitätsklinik. Bekanntheit erlangte er zudem mit seinen Beobachtungen, dass sich der Zustand von Patient:innen mit Psychosen nach Fieberanfällen besserte. An seinem therapeutischen Ansatz, die progressive Paralyse durch Impfungen mit Malaria zu heilen, der als medizinethisch fragwürdig galt, wurde bis zur Einführung der Antibiotikatherapie festgehalten. Als Gerichtsgutachter wirkte er an der juristischen Definition der Unzurechnungsfähigkeit und der „Irrengesetzgebung“ mit.
Um 1920 stand Julius Wagner-Jauregg in der (medialen) Öffentlichkeit unter Anklage, seine Patient:innen unter dem Druck der Ereignisse des Ersten Weltkriegs zu medizinischen Versuchen gezwungen und die bereits damals umstrittenen Elektroschocks zu Therapiezwecken angewendet zu haben. Auch wenn eine eingesetzte Untersuchungskommission ihn damals entlastete, ebnete hingegen seine Malariatherapie späteren inhumanen Malariaexperimenten an der Klinik Hoff in Wien den Weg. Ebenso schadete er sich selbst sowie dem Fach Psychiatrie, als er den österreichischen Operettenschauspieler Alexander Girardi auf Betreiben von dessen Gattin ohne Untersuchung als „geisteskrank“ befundete. In den 1990er-Jahren geriet Wagner-Jauregg erneut in öffentliche Kritik, weil er auf der Proponentenliste des „Deutsch‐Sozialen Volksbundes“ stand, Mitglied der rassistisch-antisemitisch ausgerichteten Großdeutschen Volkspartei sowie Mitglied bei schlagenden Burschen- bzw. Sängerschaften war, darunter solchen, die einen Arierparagraph in ihren Statuten hatten. Ebenso übernahm er den Ehrenschutz für völkische Universitätsfeiern. Wagner-Jauregg galt als Befürworter des NS Erbgesundheitsgesetzes, der Euthanasie und der Sterilisationsmaßnahmen. Darüber hinaus trat er nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 vehement dafür ein, die Tradition der Wiener medizinischen Schule in judenreiner Form weiterzuführen.
Auszeichnungen und Benennungen
1925 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/Saale
1927 Bürger ehrenhalber der Stadt Wien
1937 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst
1951 Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien
1953 Porträt auf der 500 Schilling-Note
1953 Wagner-Jauregg Hof in Wien-Alsergrund
1954 Wagner-Jauregg-Weg in Linz
1957 Gedenktafel an Wagner-Jaureggs Wohnhaus, 1010 Wien, Landesgerichtsstraße 18
1970–1994 Wagner-Jauregg-Krankenhaus in Linz
1981 Wagner-Jauregg Weg in Wien-Penzing
1994–2015 Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz, seit 2015 Neuromed-Campus des Kepler Universitätsklinikums
Wagner-Jauregg-Platz in Graz
Wagner-Jauregg-Straße in Graz
2006 Denkmal „Nobelpreis und Universität Wien – in Gruppenbild mit Fragezeichen“
Ehrengrab Wiener Zentralfriedhof
Akademiemitgliedschaften
Literatur
L. Schönbauer, M. Jantsch (Hg.), Julius Wagner-Jauregg, Lebenserinnerungen, Wien: Springer Verlag 1950.
Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz, Julius Wagner‐Jauregg – Nobelpreisträger im Zwielicht. Zur historisch-politischen Beurteilung von Julius Wagner-Jauregg (1857–1940), in: Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, 2006, S. 124–169.
Autorin: Daniela Angetter-Pfeiffer, ÖAW ACDH
