Steigende Preise und unsichere Lieferketten: Europas Energieversorgung steht unter Druck. Nach den Verwerfungen der Jahre 2021 und 2022 – ausgelöst durch reduzierte Gaslieferungen aus Russland und den Angriff auf die Ukraine – verschärfen aktuell neue geopolitische Spannungen im Nahen Osten mit dem Krieg im Iran die Lage weiter. Risiken für zentrale Öltransportrouten wie die Straße von Hormuz treiben die Preise und machen einmal mehr deutlich, wie abhängig von Importen und wie verwundbar das europäische Energiesystem ist.
Vor diesem Hintergrund hat der European Academies Science Advisory Council (EASAC) einen neuen Kommentar zur sogenannten „Energy Systems Integration“ veröffentlicht. Darin skizzieren Wissenschaftler:innen einen möglichen Ausweg aus der Krise: ein stärker vernetztes Energiesystem, das Strom, Wärme, Verkehr und Industrie zusammendenkt und so Abhängigkeiten von fossilen Importen reduziert.
Im Interview erklärt Energieexperte Neven Duić, Co-Chair des EASAC Energy Steering Panels, warum Europa sein Energiesystem grundlegend umbauen muss und welche Hürden im Weg stehen.
Eine dauerhafte Krise
Herr Duić, Europa erlebt derzeit eine der größten Energiekrisen seit Jahrzehnten. Was macht die aktuelle Situation so kritisch?
Neven Duić: Das Hauptproblem ist die enorme Abhängigkeit Europas von Energieimporten. Die Europäische Union importiert rund 97 Prozent ihres Öls und etwa 85 Prozent ihres Gases. Das ist keine kurzfristige Krise, sondern eine dauerhafte. Wir haben das bereits 2021 und 2022 gesehen – zuerst durch reduzierte Gaslieferungen aus Russland, dann durch den Angriff Russlands auf die Ukraine und jetzt mit dem Krieg im Nahen Osten, der zentrale Öltransportrouten wie die Straße von Hormuz gefährdet. Diese Abhängigkeit macht Europa extrem verwundbar. Die einzige nachhaltige Lösung ist, diese fossilen Energieträger durch etwas völlig anderes zu ersetzen.
Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die Energie-Systemintegration. Was bedeutet das konkret?
Duić: Die einzigen Energiequellen, über die Europa in größerem Umfang selbst verfügt, sind erneuerbare Energien. Aber gerade Wind- und Sonnenenergie sind variabel. Wenn wir ihren Anteil weiter erhöhen wollen – und das ist notwendig, um die Abhängigkeit von fossilen Importen zu reduzieren – müssen wir das Energiesystem grundlegend neu organisieren. Das bedeutet: Strom, Wärme, Kälte, Verkehr und Industrie müssen stärker miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig müssen wir alles, was möglich ist, elektrifizieren. Nur so kann dieses integrierte System funktionieren. Und genau das würde die Abhängigkeit von fossilen Importen deutlich verringern – und damit auch die Krise entschärfen.
Alte Strukturen bremsen Wandel
Was sind die größten Hindernisse auf diesem Weg?
Duić: Das größte Hindernis sind bestehende, westliche Interessen. Europa ist ein alter Kontinent mit vielen Strukturen, die sich nur schwer verändern. Diese Interessen werden den Wandel verlangsamen – auch wenn klar ist, dass er ohnehin kommen wird und früher ist eigentlich besser als später. Daneben gibt es ganz konkrete Probleme: Der Ausbau der Stromnetze dauert zu lange, Genehmigungsverfahren sind oft sehr komplex. In Europa liegen derzeit rund 140 Gigawatt an geplanten erneuerbaren Projekten auf Eis, weil sie im Planungsprozess feststecken. Auch die Elektrifizierung des Verkehrs geht zu langsam voran. Global wird jedes Jahr etwa 0,6 Prozent des Ölverbrauchs durch Elektromobilität ersetzt – aber Europa ist hier nicht führend.
Was sollten Politik und Entscheidungsträger:innen jetzt priorisieren?
Duić: Wichtige Schritte werden bereits unternommen, wie etwa neue Initiativen zur Vereinfachung der Netzplanung. Das geht in die richtige Richtung. Entscheidend ist aber auch, wie wir Energie nutzen. Ein wichtiger Punkt sind zeitvariable Stromtarife – also Preise, die sich danach richten, wann viel erneuerbare Energie verfügbar ist. Wenn Haushalte zum Beispiel ihre Autos laden oder ihre Häuser heizen, wenn viel Wind- oder Solarstrom im Netz ist, können sie aktiv zur Systemstabilität beitragen. Dafür müssen Großhandels- und Endkundenmärkte stärker miteinander verbunden werden. Das gibt es in einigen europäischen Ländern bereits, aber es müsste viel breiter umgesetzt werden. Dann könnten wir den Bedarf an fossilen Importen deutlich reduzieren.
Auf einen Blick
Neven Duić ist Professor für Energiesysteme an der Universität Zagreb und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Transformation von Energiesystemen. Er ist Mitautor eines aktuellen Kommentars der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) zur Integration von Energiesystemen in Europa.
