Zwischen medialen Zeitaltern
20.07.2015
Neues Medium mit cutting-edge-technology, game-changing-features und sozialem Impact lässt bewährte Medien alt aussehen: Was sich wie eine klassische Erfolgsgeschichte des digitalen Zeitalters liest, beschreibt ein Ereignis, das bereits ein paar Jahrhunderte zurückliegt. Denn schon vor rund 500 Jahren wirbelte eine bahnbrechende Technologie die Welt der Medien, ihre Nutzung und Wahrnehmung gehörig durcheinander: der Buchdruck. Was aber machte Johann Gutenbergs Erfindung mit den althergebrachten Medien? Verurteilte die Druckerpresse handschriftliche Manuskripte zum sofortigen Tod? Oder gelang es der bewährten Medienform, sich anzupassen, sich zu erneuern – und vielleicht sogar, Einfluss vom medialen Newcomer aufzunehmen? Fragen, denen Silvia Hufnagel, Jungforscherin am ÖAW-Institut für Mittelalterforschung, nachgeht. Anhand einer Untersuchung „alter“ und „neuer“ Medien im Island des 16. bzw. 17. Jahrhunderts will sie unter anderem feststellen, welche Wechselwirkungen zwischen handschriftlichen Manuskripten und dem gedruckten Buch entstanden und welche sozialen Folgeerscheinungen das Auftauchen der „neuen“ Medien nach sich zog.
„Der Einfluss des neuen Mediums des Buchdrucks auf das alte, existierende Medium der handschriftlichen Überlieferung wurde bisher noch nie systematisch untersucht“, macht Hufnagel ein geschichtswissenschaftliches Defizit bewusst, das gerade in Zeiten von Mobile Web, WhatsApp & ebooks zu überraschen vermag. Anhand des Durchbruchs des Buchdrucks könne man schließlich, so glaubt die gebürtige Steyrerin, wichtige gesellschaftliche Rückschlüsse gewinnen. Geeignetes Untersuchungsmaterial dafür fand die Germanistin, Kunsthistorikerin und Literatursoziologin in Island – wohin es sie bereits in der Vergangenheit als Erasmus-Studentin, Doktorandin und Gastforscherin gezogen hatte.
Handschriftliche Sagas, gedruckte Liturgie
Im Zentrum der nun unter dem Titel „Old and New: How Old and New Media Influenced Each Other and Society in Iceland during the 16th and 17th Centuries“ gestarteten Untersuchungen, die Hufnagel als Stipendiatin im Marie-Skłodowska-Curie-Programm der EU-Kommission durchführt, stehen zunächst isländische Handschriften. Diese hatten mit der Produktion der berühmten „Sagas“ im 14. Jahrhundert ihre Hochblüte erlebt und sahen sich ab etwa 1530 der Konkurrenz der ersten gedruckten Werke ausgesetzt. Keineswegs jedoch kam es mit dem Auftauchen des ersten Buchdruckers in Island – so viel lässt sich bereits zum Start des Forschungsprojekts sagen – zu einem sofortigen Stillstand der isländischen handschriftlichen Textproduktion. Vielmehr dominierten im frühen Buchdruck des Landes, den Hufnagel ebenfalls untersuchen wird, religiöse und liturgische Inhalte. Poesie und Prosa wie die „Sagas“ hingegen fanden, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen, über Jahrhunderte hinweg weiterhin vor allem handschriftliche Verbreitung.
Bemerkenswert ist, welche Wechselwirkungen sich in dieser Zeit des Verdrängungskampfes zwischen „alten“ und „neuen“ Medien entfalteten. So erkennt Hufnagel, die im Zuge ihrer Forschungen - unter anderem an der isländischen Nationalbibliothek und dem Árni Magnússon-Institut - ebenso literatursoziologische wie handschriftenkundliche und kunsthistorische Analysen vornehmen wird, klare Hinweise darauf, dass Charakteristika des Buchdrucks, wie beispielsweise inhaltlich gestaltete Titelseiten, auch ihren Weg in handschriftliche Manuskripte fanden.
Soziale Relevanz
Die zu erwartenden Forschungsergebnisse über das Mit- und Gegeneinander zweier medialer Zeitalter bergen zugleich eine Relevanz, die über den unmittelbaren literarischen, historischen und kunsthistorischen Rahmen des Untersuchungsgegenstandes hinausgehen. Denn durch die Einbeziehung sozialer Aspekte beim Durchbruch der „neuen“ Medien des 16. Jahrhunderts versprechen die Studien auch, Akzente für sozialwissenschaftliche Forschungen aufzuwerfen, die selbst für Fragen der Gegenwartsgesellschaft Anwendung finden könnten. Oder, wie Hufnagel hofft: „Indem wir Medien und sozialen Wandel in der Vergangenheit untersuchen, werden wir ähnliche Entwicklungen der Gegenwart besser verstehen.“ Und dürfen damit vielleicht sogar die eine oder andere Prognose für das Gegen- und Miteinander der „neuen“ und „alten“ Medien der Gegenwart wagen.
Das Projekt wird vom Horizon 2020 Wissenschafts- und Innovationsprogramm der Europäischen Union unter der Marie Skłodowska-Curie Stipendiennummer 658813 gefördert.