Zurück

Zurück in die Zukunft

Von der Kernfusion bis zum papierlosen Büro – welche der vor 30 Jahren vorhergesagten Trends trafen ein, welche nicht? Das ÖAW-Institut für Technikfolgen-Abschätzung hat zum Jahresende einen Rückblick gewagt.

28.12.2015
Die "Z-Machine", der größte Röntgenstrahlengenerator der Welt. Bild: Wikimedia/PD

Was wurde eigentlich aus… Die Welt von 1985 war eine andere als heute: Kein Internet, kein Smartphone, kein E-Book. Dass all dies im Jahr 2015 Realität sein würde, konnte man sich vor dreißig Jahren kaum vorstellen. Dachte man 1985 an die Zukunft, so würden in ihr das Energieproblem endgültig gelöst, das papierlose Büro Wirklichkeit und vielleicht sogar Reisen in der Zeit möglich sein – auch wenn Letzteres wohl schon damals eher eine Hollywood-Utopie war. Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich zum Jahresende auf eine wissenschaftliche Zeitreise zurück in die Zukunft gemacht und untersucht, welche der 1985 vorhergesagten Entwicklungen eingetreten sind – und welche nicht.

Grenzenlose Energievorräte durch Kernfusion

Unbegrenzte Energiereserven. Das Ende der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Das alles versprach 1985 der weltgrößte Kernfusionsreaktor im englischen Culham mit dem beeindruckenden Namen Joint European Torus. Er wurde von Queen Elisabeth II. höchstpersönlich eröffnet.  Kernfusion, also die Kernreaktion, bei der zwei Atomkerne zu einem neuen Kern verschmelzen und dabei Energie freisetzen, sollte bis heute eigentlich unsere primäre Energiequelle sein. Im Jahr 1985 dachte eine Generation von Wissenschaftlern, sie sei kurz vor dem Ziel.

Und 30 Jahre später, lächelt  Andre Gazsó, Risikoforscher am ITA und ehemaliger EURATOM-Projektleiter, sei es nun wieder soweit: „Es ist faszinierend zu beobachten, wie jede Generation seit der Geburt der Kernfusionsidee vor ca. 60 Jahren denkt, sie würde es schaffen.  Das aktuelle Cover des TIME Magazins titelt ganz groß, dass es jetzt „wirklich funktionieren könnte“. In den 70-er Jahren entschied sich Europa, den JET Reaktor nach russischem Konzept zu bauen. Mitte der 80er-Jahre wurde unter Reagan und Gorbatschow der Beschluss gefasst, die Kernfusionsforschung noch stärker zu internationalisieren. Die internationale Zusammenarbeit hat deswegen so gut funktioniert, weil wir damals noch Lichtjahre von rentablen Anwendungen entfernt waren. Und das sind wir heute auch noch“, betont Gazsó.

Und trotzdem wollen Startups in den USA wieder einmal kurz vor dem Durchbruch sein. Die Botschaft kommt bei zahlreichen US-Privatinvestoren an. Für Gazsó ist klar, dass es bei vielen Prognosen natürlich darum geht, Forschungsförderungen zu generieren. Trotzdem glaubt man weiter an die Möglichkeit, die Energie der Sterne in der Zukunft  für uns nutzbar machen zu können. Europa arbeitet jedenfalls weiter konsequent an der Umsetzung des Kernfusionsprinzips. Mit gutem Grund, gilt es doch als die einzige Hoffnung auf die Erhaltung des derzeitigen Energieniveaus.

Der ITER-Reaktor, (englisch für International Thermonuclear Experimental Reactor, lateinisch für Weg) ist ein seit 2007 im Bau befindlicher Kernfusionsreaktor nach dem russischen Tokamak-Prinzip, „das heißt, der Reaktor hat eine Donut-ähnliche Ringform“, erklärt Gazsó. Das Besondere daran: ITER wird als gemeinsames Forschungsprojekt der sieben gleichberechtigten Partner Europäische Atomgemeinschaft, Japan, Russland, Volksrepublik China, Südkorea, Indien und USA entwickelt, gebaut und betrieben. „Das zeigt, dass manches, was 1985 als große Hoffnung der Zukunft galt, auch im Jahr 2015 nicht durch Alternativen ersetzt wurde. Heute verspricht man uns einen Durchbruch für ca. 2050. Wir werden sehen, was die nächste Generation von Wissenschaftler/innen erreichen wird“, so Gazsó.

Das Papierlose Büro

Im Jahre 1985, als „das Papier verboten“ wurde, „Bücher am Aussterben“ waren, versetzen diese und ähnliche Slogans eine ganze Industrie in Panik. Grundlos, wie sich zeigte, denn der Verbrauch von Papier ist, zumindest in Europa, ungebrochen hoch. Dokumente werden auch heute noch nicht nur eingescannt und gespeichert, sondern meistens auch abgelegt.

Für Walter Peissl, Sicherheitsforscher am ITA, ist das keine Überraschung: „Wir müssen uns die Büro-Revolution der 80er Jahre bildlich vor Augen halten: Damals kamen erstmals absolute Neuheiten wie digitale Nebenstellenanlagen, Sprachboxen oder interne Mailsysteme zum Einsatz. ISDN-Leitungen und Fax-Geräte schienen die Zukunft zu sein. So wollte man Kosten sparen, Arbeitswege verkürzen und die Produktivität steigern. Heute wird mehr Papier produziert als damals. Das zeigt, dass die persönliche Einstellung der technischen Entwicklung manchmal einfach nicht folgen kann. Wir wollen weiter bestimmte Dinge in den Händen halten. Auf Nummer sicher gehen. Und nur, weil ein elektronisches Mailsystem Akten schneller übermittelt, heißt das nicht unbedingt, dass sie schneller gelesen werden. Die Realität der Büroarbeit ist eine andere. Die Menschen brauchen eine ‚Rüstzeit’, das heißt, sie müssen sich gedanklich auf etwas einlassen, bevor sie Entscheidungen treffen“.

Peissl veröffentlichte vor fast 30 Jahren eine Studie mit dem klingenden Namen „Lokale innerbetriebliche Telekommunikationsnetze“. „Damals war zum Beispiel auch noch keine Rede von digitaler Archivierung. Elektronische Signaturen, die die Echtheit eines digitalen Dokuments bestätigen, sind zum Beispiel erst seit 1.1.2000 vor dem Gesetz verbindlich. Zuvor musste alles einen Eingangsstempel haben.“ Trotzdem ist in den Betrieben Papier als Informationsträger heute wie damals unverzichtbar. Das ist so, weil wir Menschen sind, sagt Peissl: „Was immer wir tun, jede Veränderung in unserer Lebens- und Arbeitswelt, hat natürlich auch eine soziale und kulturelle Dimension. Veränderungen müssen langsam anerkannt, der Umgang mit ihnen erlernt und Vertrauen in neue Lösungen aufgebaut werden. Damit hinken wir der Technikentwicklung beständig nach.“

Die Technisierung des Alltags

Ein Feuerschweif, ein Knall, ein Mann. Am 21. Oktober 2015 landet Marty McFly mit einem zur Zeitmaschine umgebauten DeLorean in der Zukunft – zumindest im Hollywood-Film „Back to the Future 2“. Das Auto der Zukunft ermöglicht leider bis heute keine Zeitreisen. Auch fliegen können Autos immer noch nicht. Stattdessen beschäftigt sich die Industrie heute primär mit Fragen der Vernetzung. Das ist auch beim modernen Wohnbau nicht anders. Vom intelligenten Stromzähler bis hin zum Kühlschrank, der Alarm schlägt, wenn die Milch leer wird, sollen Technologien unsere Wünsche und Bedürfnisse des Alltags schon schneller als wir selbst erkennen.

Die „Roboterisierung“ der Arbeitswelt ist ein weiteres Beispiel für die voranschreitende Technisierung der Lebenswelt. Trotzdem sind in den 80er Jahren gerne hervorgerufene Zukunftsvisionen vom nicht ermüdenden Roboterkrieger à la Terminator noch nicht Realität geworden. Was heute bereits erlebbar ist, ist subtiler – wie Diskussionen um die Beschneidung der Privatsphäre durch soziale Medien, GPS oder die Speicherung medizinischer Daten zeigen. Für Michael Nentwich, Leiter des ITA, sind neue Technologien zentrales Thema einer gesellschaftlich verantwortlichen Forschung: „Nehmen wir Drohnen als Beispiel: Wir erleben hier gerade einen kommerziellen Boom, unbemannte Flugkörper können uns außerdem sowohl bei Rettungseinsätzen aber auch in der Landwirtschaft oder in der Archäologie unterstützen. Bedenken kommen erst dort auf, wo das Recht auf Privatsphäre verletzt wird und Technologien in unsere Intimsphäre eindringen. Wenn der Sensor im Bad weiß, wie oft ich mich dusche, hat das Folgen. Wir müssen uns bei der rasant fortschreitenden technischen Entwicklung fragen: Wie wirkt sich technologischer Fortschritt auf menschliche Bedürfnisse und Empfindlichkeiten aus? Das ist manchmal unbequem, aber dazu sollten wir uns als demokratische Gesellschaft verpflichtet fühlen.“