21.07.2020

„Wir werden die Alpengletscher nicht mehr retten“

Das „ewige Eis“ auf den Bergen schmilzt dahin. Was dadurch verloren geht und welche neue Rolle die Gletscherforschung in den letzten Jahrzehnten eingenommen hat, erzählt die Glaziologin Andrea Fischer, die nun zur alpinen Gletscherwelt ein bildgewaltiges neues Buch herausgegeben hat.

Ein Mann steht alleine auf einem verschneiten Berghang
Die Gletscher der Alpen werden aufgrund des Klimawandels verschwinden. © ÖAW/Daniel Hinterramskogler

Mit dem Schwund der Gletscher geht auch ein wichtiges Archiv für die Wissenschaft verloren. Wie sich der Blick auf die einst „schrecklichen Berge“ geändert hat und wann sie zu Indikatoren des Klimawandels geworden sind, erklärt die Geophysikerin und Glaziologin Andrea Fischer, die am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht. Gemeinsam mit den Fotografen Bernd Ritschel hat Fischer kürzlich einen neuen Bildband herausgegeben. „Alpengletscher“ ist eine visuelle Hommage und wissenschaftliche Bestandsaufnahme der schmelzenden Riesen.

Als Wissenschaftlerin beschäftigen Sie sich seit 20 Jahren mit der Erforschung der alpinen Gletscher. Wie hat sich das Forschungsgebiet seither verändert?

Andrea Fischer: Die Sichtweise auf die Gletscher hat sich verändert. Die Alpengletscher sind vor 30 bis 40 Jahren noch vorgestoßen. Damals wurde diskutiert, ob eine neue Eiszeit bevorsteht. Man wollte verstehen, wie gefährlich die Gletscher tatsächlich sind, warum und wann sie vorstoßen und welche Schäden sie anrichten können. In dieser Zeit haben die Computermodelle an Fahrt aufgenommen. Durch Satelliten-Fernerkundungs-Missionen wurden in den späten 1990er-Jahren die letzten weißen Flecken gefüllt.

Die Alpengletscher sind vor 30 bis 40 Jahren noch vorgestoßen. Damals wurde diskutiert, ob eine neue Eiszeit bevorsteht.

Und dann?

Fischer: Im Hitzesommer 2003 hat sich das Paradigma der Gletscherforschung geändert: Die Gletscher wurden als Indikatoren des Klimawandels gesehen und in den Vordergrund gerückt. Ab dann ist es sehr stark um die Quantifizierung des Ausmaßes der Erwärmung gegangen. Und um die Frage, was passiert, wenn die Gletscher verschwinden. Plötzlich war die Gletscherforschung kein Orchideenfach mehr, sondern stand im Zentrum einer großen gesellschaftlichen Geschichte des Klimawandels.

Woran lässt sich diese Zeitenwende noch festmachen?

Fischer: Ausschlaggebend war der Bericht des Weltklimarats IPCC von 2007. Darin wurde erstmals als sehr wahrscheinlich angesehen, dass der derzeitige Klimawandel von Menschen verursacht ist. Das war davor nie so klar als Konsensus ausgedrückt. In den Alpen haben die Jahre 2003, 2007 und 2015 zu einer extremen Schmelze an den Gletschern geführt. Anfangs waren sich die Expert/innen nicht einig, ob das nur Ausreißer sind, die nur einmal in 100 Jahren vorkommen, oder ob das jetzt quasi die „neue Normalität“ ist.

Plötzlich war die Gletscherforschung kein Orchideenfach mehr, sondern stand im Zentrum einer großen gesellschaftlichen Geschichte des Klimawandels.

Gletscher sind wertvolle Archive für die Wissenschaft. Wie alt ist eigentlich das ewige Eis?

Fischer: Das ewige Eis in den Ostalpen ist nicht sehr alt. Es dürfte um die 6.000 Jahre alt sein. In den gesamten Alpen hat man kein Eis gefunden, das noch aus der letzten Eiszeit stammt. Auf den Gletscherzungen etwa wird das Eis ohnehin nur wenige hundert Jahre alt, weil es ja fließt und dann abschmilzt. Besonders alt wird das Eis nur an angefrorenen Gipfeleiskappen. In diesen Eisarchiven, von denen man durch die derzeitigen starken Rückgänge ja weiß, dass sie besonders sensibel bezüglich Klimawandels sind, schlummern wichtige Informationen für das Leben in einem wärmeren Alpenraum. Hier haben wir die Möglichkeit, vergangene Niederschlagsverhältnisse zu rekonstruieren. Das ist im Hinblick auf Muren und Wasserversorgung besonders wichtig.

Sie beschäftigen sich auch mit der Sagenwelt der Bergbevölkerung, in der die Gletscher ihren festen Platz haben. Warum sind diese Erzählungen für Ihre Forschung relevant?

Fischer: Die Gletscher waren lange Zeit ein Synonym für die „schrecklichen Berge“. Viele Geschichten ranken sich um die Gefahren, die dort drohen. Hier am Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW geht es stark um die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Zu dem Zeitpunkt als die kleine Eiszeit sich über Europa ausgebreitet und zu Missernten geführt hat, sind die Gletscher vorgestoßen und haben die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

Wie haben die damaligen Menschen reagiert?

Fischer: Aus dieser Phase gibt es erste historische Dokumente, in denen die Vorstoßgeschwindigkeiten der Gletscher festgehalten werden, und auch nach Ursachen gesucht wird – vor dem Durchbruch der Geowissenschaften. Damals gab es Bittprozessionen und Abwehrzauber als kulturelle Praktiken, um die Natur zu zähmen und Unbill abzuwenden. Heute haben sich die kulturellen Praktiken geändert, es werden etwa auf Basis wissenschaftlicher Berechnungen Schutzbauten errichtet. In beiden Fällen geht es letztendlich um einen gesellschaftlichen Konsens in Bezug auf Umwelt und Risiko. Im Vergleich werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit der Natur zu verschiedenen Zeiten deutlich.

Als die kleine Eiszeit sich über Europa ausgebreitet und zu Missernten geführt hat, sind die Gletscher vorgestoßen und haben die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

Es gibt aber auch wesentlich ältere mündliche Überlieferungen, die als Sage oder Erzählung in verschiedenen Regionen auftauchen. Sie weisen darauf hin, dass es in der vorhistorischen Epoche rapide Verschlechterungen des Klimas gegeben hat. Darin wird erzählt, dass Gott aus Rache die besonders fruchtbaren Gründe auf den Almen unter Schnee und Eis für lange, lange Zeit versinken hat lassen. Für uns ist es sehr interessant, ob diese Geschichten einen wahren Kern haben, also ob wir naturwissenschaftliche Nachweise für die fruchtbaren Almen auf heute vergletschertem Gebiet finden.

Wie lässt sich diese Zeitepoche datieren?

Fischer: Über verschiedene Eisdatierungs-Möglichkeiten, wie die Mikro-Radiocarbon-Methode oder die Argon-Methode, können wir erstmals das älteste Eis an genau von diesen Gletschern datieren. So können wir feststellen, ob es dort einen naturwissenschaftlich nachweisbaren Grund für diese Erzählung gibt oder ob es ein wiederkehrendes, variierendes Sujet ist, wie es in allen Kulturen vorkommt. Das passt ganz gut zusammen mit den „Narratives of Climate Change“, die momentan auch ein wichtiges Objekt der sozialwissenschaftlichen Forschung sind: Wie sprechen wir heute von Klimawandel, wie stellen wir uns Klimawandel vor? Ein Bewusstsein für den Klimawandel zu entwickeln, das ist ja ein wichtiger Aspekt für die Bereitschaft der Bevölkerung, auch Maßnahmen zu setzen, um den anthropogenen Klimawandel abzuschwächen.

Die Zeit läuft sehr rasch. Ich gehe davon aus, dass wir die Alpengletscher nicht mehr retten werden. Für die anderen Eisflächen der Erde ist es hingegen noch nicht zu spät.

Apropos Klimawandel. Sie waren auch Mitverfasserin eines offenen Briefes, der 2019 im Fachjournal Nature erschienen ist, in dem Sie gemeinsam mit Gletscherforscher/innen aus aller Welt dafür eintreten, endlich Maßnahmen gegen die globale Erwärmung zu ergreifen. Welche politischen Reaktionen hat es darauf gegeben?

Fischer: Auf politischer Ebene gestaltet sich die Umsetzung verschiedener Maßnahmen als schwierig. Aber: Die Zeit läuft sehr rasch. Ich gehe davon aus, dass wir die Alpengletscher nicht mehr retten werden. Für die anderen Eisflächen der Erde ist es hingegen noch nicht zu spät. Wir können mit der Gletscherforschung einen Beitrag leisten und den Menschen unmissverständlich zeigen, dass hier eine Änderung stattfindet und dass es ein Umdenken braucht. Das kann man nicht wegdiskutieren. Und ich glaube, dass dieses Bewusstsein einer Problematik sehr wichtig ist auf dem Weg auch zu politischen Lösungen.

 

AUF EINEN BLICK

Andrea Fischer ist Geophysikerin und Glaziologin sowie interimistische Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Der Bildband „Alpengletscher – eine Hommage“ wurde 2020 von Andrea Fischer und dem Bergfotografen Bernd Ritschel herausgegeben. In einzigartigen Bildern und Texten findet man hier beides: eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme als auch eine große Hommage an die verschwindende Welt aus Eis und Firn. Das Buch ist im Tyrolia Verlag erschienen.

 


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